Y-Luk-O




DH: Stellt Euch zunächst einmal kurz vor. Seit wann gibt es Y-Luk-O eigentlich? Wie ist die Band entstanden? Welche Musiker sind involviert?

Hallo, vielen Dank zunächst für die Möglichkeit dieses Interviews! Y-LUK-O existiert mittlerweile seit dem Jahr 2000, in dem wir (Yluko und ich) uns in London zufällig getroffen haben. Wir haben festgestellt, dass wir beide an elektronischer Musik interessiert sind und haben dann einfach mal an einem Song gearbeitet, was sehr gut verlaufen war. Danach fielen wir den Entschluß, ein Demo aufzunehmen. Wir wussten, dass wir mit dem, was wir vor hatten, sicher aus der Reihe tanzen würden – das war auch die Idee dahinter! Seit 2003 ist dann auch Siegfried Grampe als festes Mitglied der Band anzusehen. Er hat uns vor allem auf der Kerion Celsi Tour in Deutschland und den USA als Gitarrist exzellent unterstützt, und sich sofort harmonisch und sehr inspirierend in die Band eingefügt.

DH: Wie seid Ihr eigentlich zur Musik gekommen? Ist Musik etwas, dass Euch schon immer in Eurem Leben begleitet hat?

Unsere musikalischen Wurzeln liegen schon etwas zurück. Siegfried hat z.B. bereits 1983 in ersten Bands gespielt. Dabei sind seine Ursprünge eher im Bereich des Rock, Heavy Metal und Punk zu finden. Yluko ist mit der Gitarrenmusik und dem EBM / Industrial der 90er aufgewachsen, und hat anfangs in Nu-Metal Bands Erfahrungen gesammelt. Meine Ursprünge gehen auf die 80er Jahre mit dem Synthpop und dem frühen EBM, aber auch auf klassische experimentelle und elektronische Musik, z.B. Varese oder Stockhausen, aber auch Schönberg, zurück. Anfang der 90er Jahre habe ich dann selbst angefangen, elektronische Musik, vor allem experimentellem Charakters, zu machen. Das war eine erster musikalischer Selbstfindungsprozeß. Der noch bis heute Spuren hinterlassen hat. Musik ist für jeden von uns ein wichtiger Bestandteil, untrennbar von der Luft und dem Wasser, der Sonne und der Freiheit.

DH: Die Musik von Y-Luk-O spiegelt viele verschiedene Einflüsse wieder. Neben Electro, Industrialelementen ist auch eine Portion Alternatives sicher mit dabei. Wie kommen diese unterschiedlichen Einflüsse zustande?

Wie ich schon erwähnt habe, kommen wir aus verschiedenen Backgrounds und haben ganz unterschiedliche Hörgewohnheiten und Vorlieben. Gerade das macht den Reiz der Arbeit aus. Wir haben nicht eine Linie, oder ein Konzept, sondern jeder entwickelt seine ureigene Vorstellung, wie der Song weitergehen oder klingen soll, was er ausdrücken soll, und vor allem: wie er es ausdrücken soll. Gerade auch die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten ist für uns von großem Interesse. Wir wollen uns nicht selbst einschränken und gefangen halten. Deswegen ist der Blick über die Tellerränder nicht nur wichtig, sondern essentiell. Wir haben noch mehr als bisher mit den unterschiedlichsten Stilen gespielt und experimentiert, was sicher „die Portion Alternatives“ ausdrücken soll. Dabei sind noch extremere Mixturen entstanden. Es ist eine Herausforderung und auch ein großer Spaß, sich mit neuen „alten“ Genres zu beschäftigen – es öffnet Horizonte und man schärft den Blick für das Wesentliche. Und man lernt enorm viel dazu!

DH: Gab es für das neue Album "Elektrizitätswerk" Diskussionen in der Band in welche Richtung des Album gehen sollte oder war Euch von Anfang an klar wie das neue Album klingen sollte?

Diskussionen über das neue Album gab es nie. Es war nur klar: Wir machen weiter, schreiben und schauen mal, was passiert. Es war kein Konzeptalbum geplant. Das einzige Konzept war, dass wir mit allem experimentieren, uns treiben lassen und einfach wagen, auch schräge und total ungewöhnliche Dinge zu tun. Schlüsselmoment für diesen Befreiungsschlag war der Vorabend der Kerion Celsi Tour 2003 Deutschland. Wir haben an jenem Abend im April gemütlich und ausgelassen in Marburg im damaligen Studio gesessen und etwas gejamt. Dabei ist innerhalb einer Stunde die jetzige Fassung von „The Singing Bard“ entstanden. Dies war der Grundstein für das neue Album und wir wussten: DAS ist die Zukunft von Y-Luk-O !

DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu der neuen CD und wo fanden sie statt? Gab es während den Aufnahmen zu der CD besondere Erlebnisse oder Ereignisse, die in den Songs mitverarbeitet worden sind?

Die Aufnahmen dauerten vom März 2003 bis Anfang Januar 2005. Dabei gab es mehrfach Unterbrechungen. Vor allem die Kerion Celsi US-Tour 2004 hat uns noch einige Erfahrungen für das Album gerade auch in Hinblick auf die Songsauswahl mitgegeben. Zumal wir dort bereits einige Songs live am Publikum testen konnten. Am Ende hatten wir 18 Stücke zur Auswahl, und es wurde mehrfach an der Tracklist geändert – praktisch bis zur letzten Minute am Morgen vor dem Mastering! Natürlich haben wir persönliche Erlebnisse verarbeitet bei der Arbeit an den Songs. Oft waren Erlebnisse sogar direkter Auslöser von Songs. So zum Beispiel „Electricity“ oder „Respirator“. Solche Songs sind insgeheim Menschen gewidmet, ohne das diese wissen, daß die Song eigentlich „ihnen gehören“.

DH: "Elektrizitätwerk" ist bereits Eurer drittes Album nach "Kerion Celsi" und "Dead Without You". Im Laufe der Jahre ist Euer Bekanntheitsgrad stetig gewachsen - besonders in den USA seid Ihr sehr erfolgreich gewesen. Wie geht man mit so einem Erfolg um? Hattet Ihr diesen Erfolg während den Aufnahmen zu "Elektrizitätswerk" im Hinterkopf? Habt Ihr in gewisser Weise unter einem Erfolgsdruck gestanden?

Zugegeben, wir haben natürlich schon mal darüber gerade am Ende in den USA diskutiert, was das dritte Album für uns bedeuten wird oder soll. Es war klar, das wir entweder uns total vom Durchschnitt wegbewegen mussten, um unseren Status weiter zu festigen. Es wird entscheidend sein. Aber wir haben uns nie unter Druck gesetzt gefühlt. Wir haben einfach das getan, was wir am besten können: Musik machen. Und diese unbeschwerte Freiheit hört man auf der Platte, denke ich. Wir haben uns nicht um Erfolg gekümmert. Umso mehr war es dann ein Auftrieb, in den USA solch einen Empfang zu bekommen und dann noch festzustellen, das die neuen Songs wirklich sehr gute Resonanz fanden. Da wir immer schon gegen den Strom gearbeitet haben, war der Erfolg für uns nicht das Ziel. Die Musik war das Ziel und alles, wofür wir als Band existieren. Es wäre jetzt eine Lüge zu behaupten, dass es nicht schön ist, wenn man für die Arbeit belohnt wird. Der größte Lohn ist jedoch der, auf der Bühne zu stehen und die Menschen zu spüren, die unsere Musik genießen und erfreut. Das kann man mit keinem Geld der Welt erkaufen.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song "Bombing:Sierra". Wovon handelt das Lied? Wie entstand die Idee zu diesem Song? Gibt es bestimmte Dinge, die Ihr bei diesem Album unbedingt als Aussage oder Message an den Hörer richten wolltet?

Die Geschichte dieses Songs reicht bis zum 23.12.2002 zurück. Das Grundgerüst entstand an diesem Abend. Komischerweise blieb er dann bis zum Jahr 2004 unberührt liegen, bis ich ihn dann mehr oder weniger zufällig wiedergefunden habe. Der Text entstand am 12. Oktober 1999. Das weiß ich deswegen alles so genau, weil ich mir die Daten auf meine Notizzettel schreibe. Ich erinnere mich vage, dass dieser Songtext in einer Zeit der Neuorientierung entstand, im Umbruch kurz vor dem Umzug nach London. Eine Message enthält jeder Song, dabei ist es unterschiedlich, wie offensichtlich diese ist. Ich bevorzuge doch eher Metaphern, um Spielraum für den Geist des Hörers zu geben. Dieser soll sich seine eigenen Gedanken machen, und aus seinen Erfahrungen die eigene, persönliche Interpretation bilden. Das macht den Reiz aus, und schafft auch eine gewisse Identifikation. Die Texte sollen Katalysator für die Reflektion der eigenen Gedanken, Gefühle und des eigenen Tuns sein.

DH: Wie entstehen Eure Songs eigentlich im allgemeinen? Wie funktioniert bei Euch der Prozeß des kreativen Songschreibens. Gibt es einen von Euch, der alle Ideen zu den Songs hat oder entsteht ein Song bei Euch im gemeinsamen Zusammenwirken?

Ein Großteil der Songs kommt von mir, wobei ich dann sehr eng mit den anderen zusammenarbeite, sobald ich eine Idee erst mal grob skizziert habe. Bereits sehr früh kommt dann mittlerweile auch Siegfried ins Spiel. Dies hat mit Sicherheit auch zum weiteren Fortschritt im musikalischen Stil der Band beigetragen, hat er uns doch noch mehr Vielfalt und Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet. Wir arbeiten immer gemeinsam kosntruktiv an unseren Songs, wobei es schon unterschiedlich ist, wer dann was beisteuert. „Fallen down“ entstand z.B. fast ausschließlich in Chicago, der Endproduktion dann hier in Deutschland. „Bombing:Sierra“ ist hier entstanden, und „Plastic“ oder „The Singing Bard“ ist ein echtes Gemeinschaftswerk.

DH: Die Songs von Y-Luk-O sind teils englisch - teils deutsch - wieso habt Ihr diese hybride Sprachwahl bei den Songtexten? Gibt es Dinge, die im Englischen besser auszudrücken sind als im Deutschen?

Die Texte sind z.T. wesentlich älter als die Songs. Und die Sprachwahl ist oft rein zufällig. Wir haben das Glück, mehrsprachig arbeiten zu können. Manche Gefühle lassen sich nur im Deutschen real abbilden, weil diese Sprache allgemein wesentlich plastischer und ausdrucksstärker ist als das eher schwache Englisch. Und meist ist es so, dass die Texte vor den Songs entstehen, und die Sprache nicht „für den Song oder die Band“ ausgesucht wird, sondern welche Sprache grade in die Stimmung passt. Manchmal ist es halt einfach eine Zeile in Deutsch, die durch den Kopf spukt...

DH: Ihr habt zwischenzeitlich ein eigenes Label Lukotyk gegründet. Welche Gründe sind hierfür zu nennen? Erleichtert es Euch die Arbeit Euer eigenes Label zu haben?

Kein Label erleichtert die Arbeit...Aber es erleichtert es den Fans, unsere Alben zu einem fairen Preis in den USA zu kaufen. Da wir mit den Importangeboten der Vertriebe nicht so glücklich waren, haben wir uns dann entschlossen, den Leuten in den USA einfach Y-Luk-O über ein eigenes Label günstig anzubieten.

DH: Songs wie "Fallen Down" oder "Bombing:Sierra" auf Eurem neuen Album haben wirklichen Clubhitcharkter. Denkt man eigentlich, wenn man einen neuen Song wie "Fallen Down" schreibt, vorher daran und sagt sich: "Heute machen wir einen Clubhit?“ Oder ergibt sich das einfach so?

Hmm, also da wir nicht wirklich auf die Clubtanzflächen abzielen, setzen wir uns nicht unbedingt hin und arbeiten in dieser Richtung los. Natürlich haben wir schon gerade auch die Erfahrungen unserer Live-Auftritte gerade in Hinblick auf Strukturen mit einfließen lassen, aber da man nicht mit Struktur anfängt, sondern mit den Grundelementen, war das nie vordergründig. Für uns steht immer die Emotion im Vordergrund, und die Aussage des Songs. Dem hat sich der Sound und auch die Struktur zu beugen. Dies ist eines der Überbleibsel aus meiner vorhin erwähnten experimentellen Zeit – ein Maxim der Music concrete der 20er Jahre.

DH: Ihr geht auch live sicher bald wieder auf Tour. Wann kann man Y-Luk-O in Deutschland wieder live erleben? Habt Ihr Euch für die neuen Konzerte etwas besonderes einfallen lassen?

Natürlich wollen wir wieder Live spielen. Am 10.3. haben wir erstmals in Deutschland seit 2003 einen kleinen Auftritt mit The Eternal Afflict in Frankfurt. Wir hoffen, dass wir gegen Ende des Jahres eine größere Tour machen können. Die meisten Festivals des Jahres werden leider ohne uns stattfinden, da die Kartelle diese bereits unter sich aufgeteilt haben. Live werden wir in den nächsten Wochen und Monaten noch ein paar kleinere Gigs in kleinster Besetzung (ohne Live-Drums und unseren amerikanischen Kollegen) spielen. Wie immer bieten wir eine volle multimediale Show als Audio-Video-Installation mit eigens produzierten Videoprojektionen zu den Songs.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euch gehört das Schlusswort:

Vielen Dank für das Interview und die Komplimente. Wir hoffen, dass wir als Band den Menschen da draußen etwas gegeben haben, an dem sie Spaß haben, aber auch Anstoß zum Nachdenken finden und vielleicht auch etwas für sich selbst daraus erkennen und lernen können. Dann waren unsere um die Ohren geschlagenen Nächte, die teilweise erschütternde Resignation und das Wiederaufraffen nicht umsonst gewesen. Für Euch!

Ich wünsche Eurem Magazin auch noch weiterhin viel Erfolg.

Beste Grüsse - leo von leibnitz

Interview: Andreas Ohle