Wertstahl



D.H.: Zu Anfang könnt Ihr mir etwas über Euch und Eure künstlerische Entwicklung erzählen? Seit wann macht Ihr eigentlich Musik und wie ist das aktuelle Line-Up?

Also sowohl deDokter als auch ich sind über die sogenannten Computer-Szenen in die Musik eingestiegen, bei mir wars 1988 mit dem Amiga 500. Dort habe ich einige Tracks für die Demoszene geschrieben und auch an meinen eigenen Projekten gearbeitet, die weniger auf Computermusik ausgerichtet waren. deDokter hat ziemlich früh angefangen mit Hardwaresynthesizern zu experimentieren und hat auch auf seinem Netlabel einen beachtlichen Katalog an Werken eingestellt. Und dann muss man Wertstahl immer als ein offenes Projekt mit festem Kern sehen. Verantwortlich für alles und jedes sind deDokter und W.A.Mossad. Das ist aber eigentlich keine Veranstaltung die auf einen Personenkult abzielt. Ich glaube ich begreife erst jetzt, das die häufige Nachfrage nach unserem Line-Up darauf hinausläuft.

D.H.: Wie entsteht überhaupt ein Song bei Euch? Gibt es eine Person, die Songs schreibt oder entstehen die Songs im gemeinsamen Zusammenspiel?

Du musst dir das so vorstellen: wir haben einen ununterbrochenen Strom von Forschungen und Experimenten. Und wenn es dabei nur um das konzentrierte hören von Musik geht oder das erfassen von Musikkultur oder -Geschichte. Und dann gibt es Momente in denen wir uns bereit fühlen um all das gelernte und erfahrene konkret zu kanalisieren. Über einen längeren Zeitraum hinweg forschen wir dann nicht nur, sondern entwickeln Ideen und Bilder die auf etwas Bestimmtes ausgerichtet sind. Das ist dann Wertstahl. So als ob man in gewissen Zeitabständen einfach ernten würde.

D.H.: War "kontrol" für Euch die erste große Produktion als oder gab es zuvor schon Veröffentlichungen von Euch? Habt Ihr selber das Gefühl, dass ihr mit dem Album Eure eigenen musikalischen Grenzen neu definiert und überschritten habt?

Alle, die bisher an Wertstahl beteiligt waren, haben eine ziemlich lange Geschichte hinter sich. Besonders unser Tonengineur kNort und ich haben seit 1991 ziemlich viele Songs aufgenommen. Dann wie gesagt die Werke von deDokter, der auch lange Zeit mit LeDentist zusammengearbeitet hat an experimentellen Techno und Noise Projekten. Wir alle machen das schon seit wir 9 bis 14 Jahre alt sind. Sogesehen ist "Kontrol" eine besondere Produktion, weil wir uns nach unserem Wertstahl-Erstling "://firewall" um Öffentlichkeit Gedanken gemacht haben. Zu viele Gedanken, warscheinlich. Wir definieren uns eigentlich täglich neu, das liegt an unserer Abseitsposition und -haltung zum Mainstream.

D.H.: Wie ist diese Veröffentlichung bei euren Fans angekommen?

Kontrol ist natürlich eine sehr polarisierende Platte, was wiederum an ihrer und auch unserer Ungefälligkeit in Bezug auf Konsumierbarkeit liegt. Irgendjemand hat es sogar gebracht, uns schlechtes Songwriting vorzuwerfen. Das sind halt Leute die ausschließlich "Schema F" kennen und wenn sie mit dem dargebotenen nichts anfangen können, weil sie es nicht verstehen. Dann halten sie aber nicht einfach mal die Klappe, sondern meinen, irgendeine Aussage erfinden zu müssen. Aber es sind extrem unterschiedliche und interessante Leute darauf angesprungen. Und das ist in unseren Augen das Beste.



D.H.: Welche Reaktionen gab es von Seiten der (Szene & Fach)Presse?

Wie gesagt, sehr polarisierend. Nahezu auch dahingehend aussagekräftig in Bezug darauf, wen man eigentlich generell besser nicht um eine laberige Grosshändlermeinung fragen sollte. Es war so viel extrem positive Kritik dabei, also positive Kritik von sehr individueller Sorte. Da haben sich einige echt gefreut, mal was anderes zu hören als ständig den gleichen Müll zu dem sie wegen der Verträge dann doch wieder was positives schreiben müssen. Und dann gab es eine Hand voll Leute, die hatten eben keinen Bock und deren Ressort ist auch eher Speichellecken bei Stars und denen kann man einfach nur vollkommene Selbstdisqualifikation bescheinigen. Ein Held hat es auch geschafft, unseren Front242 und Skinny Puppy bezogenen Promo-Text wörtlich zu nehmen. Der hat, befreit von jeglichem Journalismus, gedacht jetzt kommmt die neue Scheibe der Vollklone.

D.H.: Wie lange habt ihr an der Fertigstellung für die neue CD gearbeitet? Wo wurde sie aufgenommen und produziert?

Viele Bands, besonders die berühmten gehen ja in Studios. Das heißt für mich gleich schon, das sie eine externe Bestätigung brauchen um ihr Werk überhaupt selbst akzeptieren zu können. Studio bedeutet auch immer, das eigentlich andere Verantwortung tragen. Andere haben die Texte geschrieben, andere haben den Stil beeinflusst und dann hat noch jemand anderes den Sound vermasselt. Und am Schluss hat das Marketing dann Schuld an allem was sonst so schiefgeht. Wir, also Wertstahl, haben unser Album komplett von A bis Z selber hergestellt. Ohne Studio, ohne Producer Guru... Nur Marc Dienewald war so nett und hat uns zwischendurch Absolution gegeben, dafür danke ich ihm an dieser Stelle nocheinmal. Strong like a Lion, Dude!

D.H.: Gibt es einen Song auf dem Album, der euch besonders am Herzen liegt? Wenn ja, welcher und warum?

Wenn es nur ein Song wäre, dann hätte es ja kein ganzes Album gebraucht, oder? Alle Tracks auf dem Album bedeuten uns etwas besonderes, ich nehme mal an, deshalb sind sie auch so verschieden. Allerdings gibt es einen Track, der etwas herausfällt, weil er eigentlich schon vor Wertstahl entstanden ist, und das ist "Sudden Death". Aber "Time For Smiling" hat auch eine besondere Geschichte, vor allem weil er schonmal als "High Speed Death" veröffentlicht wurde. "Zen Forge", das deDokter hingelegt hat, war einfach ein Punkttreffer. Und dann unsere totale Verschmelzung in seiner Version von "Der Mechanische Soldat", ich denke derart wird noch was nachkommen. Aber von der persönlichen, emotionalen Bedeutung schätzen wir beide alle Titel gleich hoch ein. Besonders gegenüber unseren hunderten unveröffentlichten. (lacht)

D.H.: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Danse Macabre ? Gab es zuvor schon Kontakte mit dem Label?

Seit ich "Das Ich" bei Ecki StiegŽs "Grenzwellen" gehört habe, war ich eigentlich durchweg fasziniert von der Produktion und vor allem von der sich für mich erschließenden Idee. Deren Label Danse Macabre hat für mich immer schon zu einer Art Urgestein der Provokativen und ungefälligen Veröffentlichungen auf höchstem Niveau gehört. Das wir mal zu deren Bandraster gehören würden, hätte ich mir damals nichtmal erträumt, aber unsere Kommunikation hat wirklich hervorragend geklappt.

D.H.: In Euren Songs ist oft eine gewisse Melancholie festzustellen. Seid Ihr melancholische Menschen? Würdet Ihr gerne ab und zu dem realen Leben auch mal entfliehen?

Es fällt mir schwer, mit einer psychischen Veranlagung hausieren zu gehen, so wie es unverholen diverse andere Strategen gemacht haben. Wenn ich mir den Ausverkauf von beispielsweise Amy Winehouses oder Britney Spears Psyche nocheinmal vor Augen führe wird mir schlecht und ich möchte in einer Welt ohne Medien leben. Solche Gefühle schwingen schonmal mit. Aber was bei uns zu hören und zu verstehen ist, ist echt und ungefiltert. Ich möchte aber keinesfalls jemandem ein vordefiniertes Gefühl aufdrängen und deshalb nicht von Melancholie sprechen. Wer weiß was die Symbole bedeuten wird sie erkennen.

D.H.: Freut Ihr Euch schon darauf, demnächst die Songs Eures Albums live zu spielen? Wird es zu dem Album auch eine Tour geben?

Natürlich wird eine gewisse Freude dabei sein, die Hörer zu foltern. - Scherz beiseite, Live wird ein extrem aufwändiger Handstand, den wir aber dem Publikum schuldig sind. Wir haben so sehr gegen die ganze Playback- und Showbuiss-Riege protestiert, das wir in der Pflicht stehen, Wertstahl amtlich zu veranstalten. Aber wenn man seine eigenen Kisten schleppen will, kommt man schon mal ins Schwitzen.

D.H.: Wenn Ihr in der Welt etwas verändern könntet, was würdet Ihr tun? Würdet Ihr gerne in anderen Welt als der unseren leben?

Das ganze große Werk von Leni Riefenstahl ist mit einer braunen Kruste überzogen, weil sie sich in die Meinungsmache der Politik hat einspannen lassen. Ich ärgere mich noch heute darüber, das sie ihre Sache nicht eher der Dokumentation verschrieben hat und zu kurzsichtig war. Ein Künstler sollte sich niemals missbrauchen lassen. Vielmehr sollte er Grenzen aufzeigen oder mahnende Punkte hervorheben. Wir haben unsere eigene, private Meinung. Der Welt würde sie nicht helfen, denn nur wir können sie verstehen.



D.H.: Wieviele Veröffentlichungen gab es bisher von Euch?

Also von Wertstahl selbst, ist Kontrol das zweite Album. Unser Erstling war zwar noch leicht anders besetzt, aber des Kerns Federführung wurde bis heute nur erweitert. Wir werden demnächst aber auch noch einen umfassenden Katalog als Netlabel veröffentlichen, der wohlmöglich fast unsere gesamte Geschichte beleuchtet.

D.H.: Nennt mir drei gute Gründe, warum man dieses Album unbedingt kaufen sollte.

Also ich würde ja sogar beinahe zusätzlich auch empfehlen, es herunterzuladen oder zu klauen. Aber ich muss schon sagen, ich finde es lustig, wie wenig Leute bisher auf ein gewisses Detail bei der Jewelcase-Fassung des Albums aufmerksam geworden sind. Ich glaube aber, das sind die Folgen allgegenwärtiger leerer Versprechungen und einer Geheimnisvergewaltigung à la Harry Potter.

D.H.: Welche Instrumente spielt Ihr noch?

kNort und ich hatten 1995 eine wunderbar abgefahrene Exilzeit in Kassel. Wir hingen da herum um eigentlich Kunst zu studieren. Anstattdessen sind wir immer wieder in einen kleinen Laborbedarf-Laden gegangen, haben dort schöne Glasbauteile gekauft und so Zubehör. Daraus haben wir "Instrumente" entwickelt, die eigentlich in der Funktion alle wie eine Gaswaschflasche funktionieren. Beispielsweise aus einem U-Rohr kann man, wenn man noch feuerfestes Metallgeflecht Kegelförmig formt, mit einem Glastrichter und zwei Stopfen ein von uns sogenanntes "Nukleares Posthorn" bauen. Ich hatte auch mal zwei Jahre Klavierunterricht, da wusste ich aber noch nichts über Rauschgift.

D.H.: Wenn man solche Musik macht, fragt man sich, was Ihr wohl sonst so für Musik hört?

Ich habe mich mal gefragt, was für Musik hört wohl Dieter Bohlen. Oder Heino. Das kann eigentlich nur Marschmusik sein, oder? Auch ich habe mir Marschmusik angehört, und ich muss sagen, Heinos Umsetzung ist voll daneben. Tony Marshall hat auch alles vermasselt. Generell hören wir Popularmusik nur unter Zwang, also wenn im Zug eine Überzahl bewaffneter Nichtzivilisten anwesend ist, beispielsweise. Ansonsten hören wir so viel verschiedene Musik, das es ein Segen ist, das es heutzutage MP3 gibt. Für die Recherche reicht das völlig. Für den Genuss gerade mal so eben, aber dann machts die Masse wieder. Ich verrate mal, das auf unserem nächsten Album eine unserer Hauptpräferenzen etwas deutlicher zum Tragen kommt.

D.H.: Gibt es Nebenprojekte, die Ihr betreibt?

Es gibt natürlich immer wieder Werke, die nicht in den Wertstahl-Kontext passen. Da ist natürlich die Bestrebung groß, mit Wertstahl eine schwungvolle, dynamische, aber nicht zu diffuse Richtung anzugeben. Andererseits klingen alle unsere anderen Interessen in Wertstahl wieder. deDokter hat seine Projektvergangenheiten, wie auch ich diverse Stilrichtungen ausprobiert habe. Bestimmt wird es in allen Bereichen, so wie auch in der Natur, wieder Aktivität geben, zur Zeit liegt der Fokus jedoch auf Wertstahl. Nennenswerter Weise haben =judas=, unser Dauergastsänger und ich, ein unter gewissen Umständen nennenswertes Nebenprojekt unterhalb des BPJS-Radars namens Bavernlycht. Google reagiert aber nur auf die exakte Schreibweise.

D.H.: Für wen habt ihr schon Remixe erstellt?

Sehr viel für Tyske Ludder, was dann auch zur Produktion von "Anonymous" geführt hat. Es gab einen Remix für Techny.call.X aus Frankreich, der wurde aber nicht mit unseren credits veröffentlicht weil wir damals massive Probleme mit einem Label aus den USA hatten. Es gibt einen wirklich lustigen Remix von "Einheitsschritt" für Kontrast, und dann noch eher Szeneferne Sachen wie The Toten Crackhuren im Kofferraum oder Fleischdolls.

D.H.: Umgekehrt: Wer hat euch schonmal geremixt?

Die Sache mit dem Funker Vogt remix auf Kontrol war eine extrem befriedigende Erfahrung. Gerrit hat den Track einfach auf genau die richtige art und weise "vereidigt", möchte ich fast sagen. Eine Arbeit mit der wir voll und ganz zufrieden waren und die auch für uns noch einen erhobenen Zeigefinger beinhaltete. (You know what we mean.) Und dann gibt es noch mehrere wirklich geniale Drum and Bass remixe von Nekura aus Kanada, mit dem wir gut befreundet sind, aber die leider nicht veröffentlicht werden konnten. (You know who you are.)



D.H.: Wie sehr fühlt ihr euchder "schwarzen Szene" angehörig?

Wir finden es gut, wenn leute sich kreativ abseits des Mainstreams positionieren. Es wäre allerdings nicht mit unseren Standpunkten vereinbar, uns einer Szene unterzuordnen.

D.H.: Womit verdient ihr eure Brötchen?

Natürlich wäre es schön, mit Wertstahl Geld zu verdienen, aber das ist natürlich in der EBM-Industrial Gemeinde nahezu unmöglich, ohne sich selbst zu verkaufen und zu verleugnen. Daher haben wir Jobs in der Medien und IT Branche, die aber sehr gut mit Wertstahl synergieren.

D.H.: Wie beurteilt ihr die aktuelle Lage der Industrial-Musikszene,?

Wenn man 10 Jahre lang auf dem Fischmarkt gewesen ist, nerven einen die Besoffenen und die Litaneien der Marktschreier. Ich denke Steinewerfen und Aufruhr ist in Zukunft nicht nur gegen die Chefetagen der Kapitalverbrenner ein sich mehrendes Phänomen.

Wie wird ihre Zukunft eurer Meinung nach aussehen?

Die Zukunft ist ungeschrieben. Prognosen sind von relativismen geschwängerte Zufallstreffer. Die Schlacht wird jedoch im Internet geschlagen, wenn Zensursula ebendieses nich noch in diesem Jahr an die neuen Nazis verschleudert.

D.H.: Wie kamt ihr zum Industrial, der ja eine außergewöhnlich extreme klangästethische Position einnimmt ? Welche Einflüsse spielten für euch eine große Rolle?

Als ich fünf jahre alt war, hat mein Vater eine Karl-Heinz-Stockhausen Schallplatte mitgebracht. Ich denke, da wurden die Weichen gestellt. Und dann in den 80ern war es die Computerwelt von Kraftwerk, die so ganz anders war, als der ganze Scheiß, den all die anderen Kinder gehört hatten. Das hat mich wirklich gefesselt, und zutiefst berührt. Noch heute, wenn ich die Computerwelt höre, sehe ich die Bilder, die Kombination aus den Covergrafiken und meinen Fantasien und dem wenigen, was ich über die Welt wusste.

D.H.: Habt ihr ein Lieblingsfestival?

Mehrere sogar. Aber um ehrlich zu sein, was da läuft wird erst in 5 bis 10 jahren in die Dark-Scene einfließen. Deshalb vuuven wir ganz hurtig voran.

D.H.: Ist "Urlaub" eigentlich ein Fremdwort für einen vielbeschäftigten Menschen wie Dich, oder hast Du manchmal auch die Möglichkeit ein paar Wochen frei zu nehmen, um etwas zu relaxen? Und...wie verbringst Du Deine freie Zeit in der Regel?

Wir nehmen von uns keine Pause. Wir versuchen die Welt möglichst störungsfrei zu erleben. Damit hängt auch zusammen, das ich aus Hamburg weggehe, damit Wertstahl in Süddeutschland konzentriert ist.

D.H.: Was würdet ihr für Geld niemals tun?

Suizid begehen. Ich hoffe das führt die Frage ad absurdum. Geld sollte generell keine Motivation sein. Sonst hat man gegen sich und das System verloren.

Was wollt ihr nach der Musik machen?

Da wir keine Show-Egozentriker sind, wird es für uns niemals ein ende der Musik geben. Für die Rolling Stones, wenn sie sich zur Untragbarkeit geschrumpelt haben, schon. Das ist auch echt traurig.

D.H.: Wenn ihr einen Wusch frei hättet, was würdet ihr euch wünschen?

Das kommt ganz darauf an, an wen wir den Richten können. Wir können uns darüber gerne nocheimal privat unterhalten. (lacht)

Die vielen Fragen beantwortete der nette Wolfgang Amadeus Mossad.

Interview: Claudia Wagner