Untoten




DH: Hallo, seit unserem letzten Interview ist viel Zeit vergangen. Damals befragte ich Euch zu eurem Album "Dresscode Black II". Was hat sich seitdem bei Euch alles getan?

David: Ich denke in der Hauptsache haben wir damals, direkt danach (look of blasphemie) die Arbeit an dem Konzept Grabsteinland begonnen. Mit leidlich schlechten Erfahrungen angesichts der Ruda Sache innerhalb des Musikbusiness, denn es hat eben, wenn man nicht gerade ein Ami ist, Manson oder Eminem heisst, nicht immer nur „Vorteile“ in die Nähe solcher Skandal Sachen gestellt zu werden, für die man als Künstler nichts kann.

Die ersten Songs, die enstanden waren Alexanderplatz Never. Es wurde dann schnell klar, dass wir eine Art Reise in ein Märchenland darstellen wollten mit Beginn am Alexanderplatz, dem wohl selstamsten Grosstadt Ort in Deutschland mit dem Wächter Fernsehturm. Ein Album das sich mit Themen wie „Traum trifft auf Wirklichkeit“ Weltflucht beschäftigte, da zu dieser Zeit der Fanatsy Rollenspiel Boom ja längst den Mainstream erreicht hatte mit Filmen wie Matrix und dann Herrr der Ringe.

Ja vielleicht wollten wir auch wirklich etwas flüchten vor dieser Realität mit irgendwelchen obskuren Vorwürfen.

Es sollte um eine Art Alice im Wonderland Situtation zu tun haben. Es gab da mal ein Konzeptalbum "Hab keine Angst Veluzifer" das das Leben eines Strassenkindes im Berlin der 90er Besetzermilieu beschrieb.

Dieses Strassenkind des neuen Jahrhunderts findet einen Eingang in ein Traumland - wobei beim ersten Teil nie klar sein sollte, war ob sie sich das nur erträumt. Der zweite Teil beschäftigt sich nun mit der Realität Grabsteinland, mit den Mythen und Kämpfen im Grabsteinland selbst und der dritte Teil wird sich eingehend mit der seelischen Entwicklung der Hauptpersonen auseinandersetzen. Hat also Themen wie Moral, Glauben, Religion, das grosse Ganze, das vor einer erfundenen Moral steht.

DH: Wie schafft Ihr es nach all den Jahren immer noch so viele tolle neue musikalische Ideen zu haben und diese in solcher Perfektion umzusetzen?

Das ist mit Sicherheit eine Belohnung dafür dass wir uns nicht auf einen festen Markt ausgerichtet haben. Wir hätten schon zu manchen Zeiten einen Stil intensiv weiterverfolgen können, sei es nun zu härteren Zeiten, als die neue deutsche Härte aufkam, dann die Electro Sache u.s.w. Unser Problem ist da sicherlich auch dass unsere „Bildung“ eine solche Einschränkung einfach nicht zulässt. So interessieren wir uns eben auch für die Kunst der letzten Jahrhunderte, gewisse Zusammenhänge zwischen Metaphysik und Wissenschaft, Musik, Kultur und Manipulation derselben und das beeinflusst uns in einem Maße, dass es mir manchmal eher so vorkommt, als würde ich nicht genug dafür tun, denn in mir geistert noch einiges herum und mein Ziel ist es „deutsche(oder nennen wirs korrekterweise europäische)“ Musik wieder zu dem zu machen, was sie in Ansätzen einmal war. Also nicht jedem Ausdruck hinterheruzuhecheln, sei es nun Rock hip hop salsa latin,

Natürlich im Spiegel der Postmoderne, soll heissen ich möchte nicht zurückgehen in der Zeit, weder in die Nazizeit noch ins Mittelalter noch in die 20er Jahre zurück. Wir müssen da wohl einen eigenen Weg finden ... Müssen aber ab und an auch einen Sound finden der im populären Sinne verstanden wird.

Das bedingt schon der Überelebenskampf. Und so kommt es dann zu Alben wie Vampire Book, nekropolis etc.



DH: "Herrschaft der Vampire" finde ich ist das bisher beste Album von Euch überhaupt und nochmals eine Steigerung zu "Grabsteinland - Teil 1"! Wann entstanden die Aufnahmen zu Eurem neuen Album? Gab es die Ideen zu den Songs schon während den Aufnahmen zum Vorgängeralbum?

David: selstam wie das Leben nunmal so spielt enstanden gerade diese „ehrlichen“ Songs mit der bisher grössten Geschwindigkeit. Nimmt man den Prozess des Komponierens und Textens zusammen dann enstand die Grundlage im November 2003 an 2-3 regnerischen Herbst Tagen, als die Vögel über Berlin zogen, nach der Tour, und da ergreift mich eh immer eine ganz besonders irreale Stimmung. Simultan dazu hatte ich angefangen, Grabsteinland zu schreiben und da ergaben sich dann viele Bilder, die in die Songs einflossen: etwa der Mythos des Raben, der die Seele stiehlt, der des Lichtbringers, der eine Art Religion des Schmerzes zelebriert, die Frau im blutigen Kleid, die für das Raubtier im Mensch stehen will, "Unvergessen" als Reflektion unserer Friedhofspaziergänge während des Herbstes. Auch die Songs des dritten Teils enstanden sehr schnell. Zumeist schreibe ich ein „Lied“ wie etwa "Unvergessen" in einem Zug von ein paar Minuten, weil, wenn die Inspiration da ist, dann fliesst sie durch dich, und du weisst dann gar nicht mehr woher du es hast. Harte Arbeit ist dann nur das jeweilige Arrangieren, denn da muss man sich entscheiden: so kannst du ein Lied wie "Unvergessen" auch wie ein akusstisches ungarisches Folkstück aufnehmen. Wir hatten uns aber für einen härteren Stil entschieden, da es besser zu der doch düsteren Stimmung des Albums gepasst hat. Wie durch einen Hauch ist ein Traum zum Alptraum geworden.

Zum Thema Songs, „Restverwertung“: ich benütze fast nie alte Songs, und schreibe zumeist fast wie in einer Art Vorahnung genau die Anzahl Songs, die ich nachher brauche, nur die Reihenfolge verändert sich. So enstand die Raben Komposition-Text-Aufnahme an einem Tag weil ich noch einen schnellen Song da haben wollte. Es gibt eine interessante Ausnahme und das ist "Du hast mir ein Haus erbaut" vom ersten Album. Dieses Lied hab ich für das "Veluzifer" Album geschrieben damals schien es mir aber einfach noch nicht reif.

DH: Im Vergleich zum letzten Album finde ich, dass das neue Werk wesentlich düsterer und rockiger ausgefallen ist - ein typisches Gothicalbum wie in Euren früheren Zeiten! Ist dies eine bewusste Rückbesinnung auf alte Stärken?

David: Ich habe es versucht bei der letzten Frage zu erklären, die Basis der Untoten - nämlich die Lieder - da hat sich nicht viel verändert, die „neue“ Reflexion ensteht mit dem Arrangment und da ist man durchaus (da ich ein grosser Musikfan bin) immer auch abhängig, ob die Zeit mit ihren Sounds halbwegs reif ist für deine Vorstellung von Sound. Ich finde etwa ein Album wie "Schwarze Messe" war seiner Zeit eben voraus, weil man es 99 einer Band wie Untoten noch nicht zutraute, dass man Metal mit Kate Bush (Church of Littleton) und dunklen Schlager mit filmhafter Musik vermischen kann (Tanz der Hexen) und wenn ich sehe was derzeit in ist, dann bestätigt dass meine Vorstellung davon. Das Alles floss nun in Rückbesinnung auf unsere lyrischen Fähigkeiten in die Trilogie deutsches Märchen trifft auf deutsche Realität.

DH: War es persönlich für Euch ein Problem mit dem Druck und den hohen Erwartungen, die vor der Veröffentlichung der neuen CD an Euch gestellt wurden, fertig zu werden?

David: Nein kreativen Druck haben wir fast noch nie verspürt. Wir haben uns eine eigene Welt geschaffen, die nicht (noch) von allen verstanden wird, was oft auch damit zu tun hat, dass die Leute sich erst einmal an dem Bandnamen oder an der Esthetik reiben, und so wird man von manchen verdammt, als was auch immer, die meisten, die uns als Gruftispinner bezeichnen (innerhalb des Business), wollen verhindern, dass wir ihnen etwas von ihren Pfründen nehmen - so weigert sich etwa Rock Hard seit Jahren mal einen Review zuschreiben, obschon jeder weiss, dass es auch viele Musikinteressierte gibt, die das Rock Hard lesen und Untoten hören, aber auch da ist das Schöne, das wir unabhängig arbeiten können, ohne von dem Business allzusehr unter Druck gesetzt zu werden, zumal wir auch bei der Plattenfirma Sonic Malade ein Wörtchen hie und da mitzureden haben. Sind aber schon immer schillernd genug gewesen um „aufzufallen“, so dass es für einen guten Lebensunterhalt reicht. Der Druck beginnt ja erst wenn etwas so durch die Decke geht dass man eine Art „Scharlatan" Angst bekommt, sich also fragt: Habe das wirklich Ich gemacht? Habe ich den Erfolg verdient? Und so etwas ereilt dann eher Leute wie derzeit Within Temptation, die ihren Erfolg auf einer Platte aufbauen. Sollten wir eines Tages doch noch Preise und allgemeine Anerkennung bekommen ( wenn man verkraftet haben wird dass „Untote“ schöne Musik machen können) dann werde ich sagen können: ja endlich habt ihrs gerafft was da - ohne eure Hilfe herangewachsen ist...



DH: Euer neues Album ist Teil einer Trilogie, die Ihr "Grabsteinland" betitelt habt. Was ist das Grabsteinland für Euch persönlich? Welches Konzept verbirgt sich hinter der Trilogie und was kann man von Teil 3 erwarten? Ist dieser schon in Arbeit?

David: für mich persönlich ist es mein „Lebensspiel“ sich dauernd zu fragen: Was wäre wenn? Was könnte sein ... ? Wie müssten die Landschaften in meinem Fantasieland aussehen? Was würde dort passieren? Die Sehnsucht etwa wieder unzivilisiert zu leben kommt stark zum Ausdruck. Wer wünscht sich nicht zu leben wie ein Wolf oder zu reiten auf einer weiten Schneeebene, und jeder sehnt sich nach Geschichten - Leben mit Inhalten. Es ist also ganz klar eine Utopie und hat auch was politisches, denn zum ersten bin ich (und viele andere) mit der Welt wie sie ist, einfach nicht sehr zufrieden (immerhin lebe ich ja doch in einer Grosstadt) zum zweiten bin ich aber schon an Kultur und am Zusammenleben intressiert ( immerhin lebe ich ja doch in einer Grosstadt ) lasse mich aber da nicht unter Druck setzen: Der allgemeine Vorwurf an die heutige Jugend "wir würden uns alle verflüchtigen, wenn wir nich Hiphopören oder egshooter spielen, und amoklaufen" wird wieder gerne von denen erhoben, die wollen, dass wir ihre Wirklichkeit akzeptiren. Die Wirklichkeit, dass 90 Prozent der Menschen in Armut leben, obschon wir Expertimente wie Sozialismus hatten und weiter haben werden(rechts wie links), dass wir verpestet werden durch Abgase und Industrie, (gleichwohl wir eine ökologsiche Partei an der Macht haben), dass die Weltmacht ein korruptes totalitäres Sytem aufbauen möchte, In der hauptsache aber, dass unsere Kultur daraus bestehen soll: Klingeltöne herunterladen dürfen, oder uns eine crazy Funsportart suchen zu müssen um unsere Langeweile zu vertreiben. Dies alles kann ich und können andere nicht weiter akzeptieren. Die Mittel wie man dagegen angeht sind nun aber unterschiedlich.

Dies ist ein Abriss der sehr aktuellen Gründe für das Schaffen eines Grabsteinlands.

Wir die deutschen Künstler bauen immer noch etwas Neues auf den Ruinen unserer Geschcichte, - und das scheint für die nächsten Jahrzehnte auch weiter das Schicksal eines deutschen Künstlers zu sein. Dazu passt der Begriff Grabsteinland sehr gut. Deshalb war die erste Platte auch eine Art Bestandsaufnahme deutscher (europäischer) Musikstile und das zweite eine moderne Form von dramatischer Schlachtenmusik.

DH: Bei dem neuen Album "Herrschaft der Vampire" hatte ich persönlich oft das Gefühl mich in manchen Textpassagen wieder zuerkennen. Sollte man bei den Texten Eures neuen Albums auch zwischen den Zeilen lesen? Ist das neue Werk eine ganz bewusste aber interpretationsbedürftige Reflektion Eures eigenen Lebens?

David: Ja zwischen den Zeilen zu lesen ist immer ratsam, denn vordergründig wird man sicherlich in dem einen oder anderen Textbaustein durchaus wieder etwas Klischeehaftes vermuten wollen. Ich erkläre ja Texte eigentlich nicht gern aber ein Zeile wie "man fand ein Mädchen im Versteck - ein anders lag bereits begraben von Wunden zart ihr Leib bedeckt" ist meine Sicht auf ein sehr aktuelles Thema ebenso Zeilen wie "wenn es Schmerz ist, den du willst - will ich Schmerz dir gern bereiten". Wir werden zwar von gewissen leuten als Gruft geführt doch wir haben eben nur eine andere Eigenart die Welt zu kommentieren, als etwa Bands wie Mia, die für den ewigen Addidas Abiturienten Novalis zitieren, ,Rosenstolz die mehr für die Sekretärin an sich schreiben, oder Rammstein die für einen 14 jährigen pubertären Burschen da sind, bis der seinen seinen ersten Sex hat. Untoten waren schon immer mehr für Underdogs da die auch den einen oder anderen Zweifel in sich tragen deshalb auch der Name.

DH: Ich denke deine Stimme, Greta, ist das Markenzeichen der Untoten! Ausdrucksstark, kraftvoll und voller Weiblichkeit. Es gibt Beispiele anderer Musiker wie etwa Peter Heppner (Wolfsheim), der mit vielen anderen Musikern bereits zusammen Songs aufgenommen hat. Würdest Du auch gerne einmal abseits von den Untoten musikalisch aktiv sein oder ist da sogar etwas in Planung? Könntest Du Dir z.B. ein Duett mit Peter Heppner vorstellen?



Greta: Das Problem ist, daß ich mich bei den Untoten wirklich 100% wieder finde. Der richtige Mainstream Erfolg, kam natürlich bei Heppner (den ich übrigens sehr schätze) durch die Zusammarbeit mit Witt,Schiller etc. und hat so auch Wolfsheim etwas gebracht.

Vielleicht wäre das auch ein Grund für mich meine Stimme zu "leihen", käme aber sehr auf die leute an ...

DH: Im November werdet Ihr auf große Deutschlandtour gehen. Welche Erwartungen habt Ihran die Konzerte? Freut Ihr Euch endlich wieder live zu spielen und das neue Album euren Fans zu präsentieren? Habt Ihr Euch für die Konzerte speziell vorbereitet? Wird es eine neue Bühnenshow von Euch geben?

David: Ja wir freuen uns besonders, da wir nun genügend Material haben, die das Grabsteinland reflektieren, so dass wir eine ganze Stunde lang eintauchen in das Grabsteinland. Live ist immer schwierig für eine Band, die mehr als eine Platte gemacht hat, das sehe ich an Wunschlisten, dass wir nicht nur ein Album haben, und manche Wünsche reichen ja noch bis zu Veluzifer zurück, dass wir diese kaum noch berücksichtigen ist da auch klar. Denn wir sind ja keine Best of Band, ich denk in den drei Teilen liegt das beste begraben, das wir im Ansatz immer schon versucht haben mystisch düster romatisch aber auch dynamisch und erotisch

DH: Welche weiteren Pläne gibt es außer dem dritten Teil von Grabsteinland für Euch in naher Zukunft? Könntet Ihr Euch z.B. ein Remix oder ein Best Of Album von Euch vorstellen? Nach mittlerweile fast 10 Jahren wäre die Zeit dafür doch reif? Wäre ein Remixalbum eine reizvolle Idee für Euch?

David: Um uns mit der Vergangenheit zu beschäftigen fehlt uns eigentlich die Zeit und die Muse, denn wir haben ja immer noch aktuelle Ideen so zum Beispiel einen Roman über das Grabsteinland, den dritten Teil und ein kleines aber feines Nebenprojekt über das wir noch nicht reden können. Dann wird es auch Zeit uns visuell zu präsentieren - was irgendwann in den nächsten beiden Jahren in eine DVD münden soll.

Von Remixen halte ich fast absolut gar nichts, es sei denn ein klasssiches Orchester würde das Grabsteinland noch einmal einspielen.

Und eine Best-of - das hab ich an Fanreaktionen bemerkt, das wird bei Untoten von jedem anders gesehen: deshalb ist es wohl besser, man kauft sich alle Platten und stellt sich das selber zusammen. Ich denke dass eine Best-of nur in Frage kommt, wenn etwa eine grosse Firma das dann richtig promotet mit teurem Video. (jetzt mal ökonmisch betrachtet) also das wäre für uns eine Art Angebot an die „Industrie“, dass sie ein Best-of machen dürften, aber die Industrie hat sich bisher noch nicht gemeldet, da sie immer noch etwas Angst haben vor diesen Spinnern Untoten und vielleicht haben sie ja Recht.



DH: Gibt es für bei all dem Erfolg überhaupt noch Zeit für ein Privatleben? Oder verbindet Ihr berufliches und privates auf geschickte Art und Weise?

David: ja ich verbinde das perfekt ich bin schon von klein auf, auch privat, dauernd am Nachdenken über Gott und die Welt und habe dann Gottseidank irgendwann gemerkt, dass ich wohl die Begabung mitbekommen habe, mich ganz gut ausdrücken zu können - in verschiedenen Techniken auch. Ich habe auch das Geschenk bekommen, dass bei mir Privates und Berufliches Glück irgendwie sehr angenehm miteinander verknüpft ist.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und viel Erfolg mit dem neuen Album. Euch gehört das Schlusswort:

David: zum dark heart fällt mir ein:
"so hat das Licht aus dem Dunkel heraus herzen dunkel scheinen lassen ..."

Info: www.untoten.com

Interview: Andreas Ohle