The House Of Usher



DH: Euer letztes Album hieß „Inferno“. Danach war es lange Zeit ruhig um The House Of Usher. Was habt Ihr in dieser Zeit alles getan? Seid ihr anderweitig musikalisch aktiv gewesen?

Jörg: Nö, da hätten wir gar keine Zeit zu gehabt! Wir sind ja gleich nach der Veröffentlichung von „Inferno“ zusammen nach Cornwall gefahren, um Ideen für ein neues Album zu sammeln. Als wir von dort zurückkamen, standen mit dem WGT, ZILLO und einem Festival in Lorient/Bretagne wichtige Auftritte an, die den Beginn der Aufnahmen im Studio verhinderten. Und dann kam irgendwann der Bruch in der Band, und wir mußten mit den „neuen“ alten Mitgliedern Markus und René erst mal wieder zusammenwachsen. Wir haben eine kritische Bestandaufnahme gemacht, einige Stücke verworfen, dafür neue aufs Album genommen und die Singles „Hegemony“ und „Sanctuary“ veröffentlicht. So eine Single ist von der Planung her nicht viel weniger aufwendiger als ein ganzes Album. Aber wir haben uns damit in jeder Hinsicht gut auf „Radio Cornwall“ vorbereiten können, haben uns langsam an den Sound herangetastet und unsere Infrastruktur verbessert. DH: Mittlerweile gibt es The House Of Usher nun schon 15 Jahre. Muss man idealistisch sein um so lange im Musikbusiness zu sein? Hat sich in den letzten 15 Jahren für euch etwas als Band verändert in der Art und Weise der Zusammenarbeit?

Markus: Idealismus muß man als Musiker tatsächlich in ausreichender Menge mitbringen!

Jörg: Ja, es ist, als ob Du zwei Jobs gleichzeitig hättest! Da wir von der Musik nicht leben können, müssen wir wie jeder andere auch arbeiten und den Rest nebenher erledigen. Das bedeutet, daß Du auf eine Menge angenehmer Dinge verzichten mußt! Wir haben uns alles, was THE HOUSE OF USHER heute ist, hart erkämpfen müssen, auch gegen viele Widerstände. Aber das macht die Veröffentlichung von „Radio Cornwall“ für uns um so wichtiger. Uns ist nichts geschenkt worden.

Markus: In der Zusammenarbeit hat sich seit unseren Anfangstagen insofern etwas geändert, daß wir nicht mehr so oft zusammen proben können wie früher. Dies liegt daran, daß wir alle zu weit auseinander wohnen, und natürlich spielen unsere Jobs da auch eine Rolle. So muß jeder für sich zu Hause mehr für die Band leisten. Dank Internet und Telefon sind wir alle immer gut untereinander informiert.

DH: Welche Auswirkungen hatte der Weggang von Martin Kroetz auf die Band? Habt Ihr heutzutage ein anderes Gruppengefühl als früher?

Jörg: Hmm, nein, eigentlich nicht. Wir sind immer eine große Familie gewesen, und ich glaube, es ist ganz normal, daß man irgendwann einmal feststellt, daß man zu lange schon dasselbe gemacht hat und etwas Neues beginnen sollte. Auch Markus und René haben uns ja eine Zeitlang verlassen, um ihre eigenen Wege zu gehen, bevor sie dann zurückgekehrt sind. Als Martin und Dominic die Band verließen, befanden wir uns in einer schwierigen Situation. Die beiden mußten für unsere Proben mehrere hundert Kilometer weit fahren, seitdem diese in Kamen stattfanden. Außerdem hatten wir mit „Inferno“ das Ende einer Entwicklung erreicht, aus der es kaum einen Ausweg zu geben schien. Wir hatten auf dem Album mit „Crisis“ und „With The Heat Of A Sun“ zwei eingängige Songs gehabt, die von den Leuten sehr gut angenommen wurden. Und wir hatten mit Stücken wie „The Day The World Stopped Breathing“, „As Shall Thee Enlighten“ oder „Infernal“ schon fast die Richtung „Art-Rock“ eingeschlagen. Als wir mit einer Handvoll Songs aus Cornwall zurückkamen, zögerten wir den Beginn der Aufnahmen immer mehr hinaus.

DH: Auch euer neues Album „Radio Cornwall“ bietet wieder besten Gothicrock. Seht Ihr Euch eigentlich mehr als Gothicband oder mehr als Rockband?

Jörg: Eigentlich sind wir eine Rockband. Aber gleichzeitig sind wir auch eine Gothicband. Uns ist beim Schreiben der Stücke für „Radio Cornwall“ aufgefallen, daß wir uns mit Songs wie „More Than Average“ oder „It Doesn’t Matter“ sehr in Richtung Mainstream-Rock bewegten, und wir haben uns dabei ein bißchen komisch gefühlt. Seltsamerweise verschwand dieses Gefühl, sobald ich zu den Songs gesungen hatte. Und als sie dann erst fertig produziert waren, klangen sie wie lupenreine Gothicsongs. Vom Gefühl her also Gothic, von der Struktur her Rock.



DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu „Radio Cornwall“? Inwieweit wirkte sich die Umgebung Cornwalls auf die Aufnahmen aus? Gab es dort eine besondere Atmosphäre, die sich im Sound des Albums wieder findet?

Jörg: Die Aufnahmen haben wir ja erst gemacht, als wir schon lange wieder zu Hause waren, aber ein großer Teil der Demos ist während unserer Woche in Cornwall entstanden, in der wir auch den Albumtitel und die Thematik festgelegt haben. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, aber es hat dort irgendwie eine Art Geist geherrscht… innerhalb der Band, und in der Landschaft, die uns unheimlich beeindruckt und das Album geprägt hat. Zusammen in einem Haus zu leben, zu kochen, zu essen, zu schlafen… das war eine gute Erfahrung. Ich glaube, das unterscheidet uns von Projekten. Wir fühlen uns wirklich als Band, und unsere Freundschaft untereinander ist mindestens so wichtig wie die spielerische Harmonie. In dieser Woche stand die Musik im Vordergrund. Wir wurden durch nichts von außen abgelenkt, waren eine verschworene kleine Gruppe. Ich denke, wir werden für unser nächstes Album einen ähnlichen Weg einschlagen und haben auch schon ein Ziel ins Auge gefaßt.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song „The Floor She Walked Upon“. Wie entstand die Idee zu diesem Song und wovon handelt das Lied?

Markus: Mit der Urversion dieses Stückes stellte ich mich wieder bei THOU vor, nachdem Martin die Band verlassen hatte. Der Song wurde aber später mehrfach von uns umgeschrieben, bis endlich alles paßte und er die jetzige Gestalt hatte.

Jörg: Ja, das klingt vielleicht merkwürdig, aber Markus mußte bei einer Probe ‚vorspielen’, und ich erinnere mich, daß es für ihn gar nicht so einfach war, die Band zu überzeugen. Ich darf gar nicht daran denken, daß wir ihn unter Umständen hätten ablehnen können. Tatsächlich wollten wir aber einfach allen Bewerbern die gleichen Chancen geben. Markus brachte also dieses Stück mit, und wir spielten es mit Dominic als zweitem Gitarristen. Der Funke sprang sofort über. Da war wieder das alte Gefühl, das uns die ersten Jahre in der Band verbunden hatte. Den Text habe ich erst später gefunden. Er handelt von einem Mädchen, das davon überzeugt ist, daß neben unserer Welt noch eine andere existiert, und das glaubt, im Schatten des Mondes die Brücken gefunden haben, die über eine gefährliche See dorthin führen.

DH: Beschäftigt man sich näher mit The House Of Usher, dann fällt auf, dass es zu vielen Songs Geschichten oder Ideen gibt. Wodurch lasst Ihr Euch beim Schreiben eines neuen Songs inspirieren? Gibt es bestimmte Themen, die Euch bei der Produktion von Radio Cornwall besonders am Herzen lagen?

Jörg: Nein, in textlicher Hinsicht ist „Radio Cornwall“ kein Konzeptalbum, und die Stücke handeln von den unterschiedlichsten Themen. Es sind oft Dinge, die ich erlebt oder beobachtet, und die in mir einen Eindruck hinterlassen haben. „More Than Average“, „No Love Lost“, „For Better For Worse“ und „It Doesn’t Matter“ handeln von unerfüllter oder – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglicher Liebe. Ich habe das Gefühl, der Mensch ist in unserer „modernen“ Gesellschaft noch viel einsamer als je zuvor. Wir alle sehnen uns nach Nähe, nach Berührung, nach einer tieferen Beziehung. Und doch werden wir darin immer wieder enttäuscht und enttäuschen selbst andere. Ich weiß nicht, wieso es dazu kommt, aber ich glaube, diese Entwicklung wird sich noch weiter fortsetzen. Vom Gegenteil erzählt „Hide & Seek“, von der Unschuld der ersten Menschen, die in ihrem Spiel mit dem Feuer der Erkenntnis einen Weltenbrand entfachen. „Radio Cornwall“ und „A Dead Man’s Hand“ sind politische Lieder, gegen den Irakkrieg, gegen Fanatismus, „Wherever The Storm May Drop Us Down“ beschreibt die Kraft, die wir in der Band aus unserer Freundschaft beziehen, und „Le Morte d’Arthur“ erzählt eine neu erfundene Sage.



DH: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Mittelalterensemble VIOLET, die bei der limitierten Erstauflage auf der Bonus-CD mit dabei sind? Gab es schon vorher freundschaftliche Kontakte zu der Gruppe? Sind weitere Kollaborationen mit anderen Bands in der Zukunft geplant oder könntet Ihr Euch diese vorstellen? Wenn ja, mit welcher Band würdet ihr gerne einmal zusammen etwas machen?

Jörg: Unsere Wege haben sich immer wieder mit denen von VIOLET gekreuzt. Ich glaube, wir waren uns schon immer irgendwie sympathisch, aber musikalisch gab es nur wenige Berührungspunkte. Als wir dann irgendwann in unseren Proberaum zu einer „öffentlichen Probe“ einluden, kamen unter anderem auch Mitglieder von VIOLET, und kurz darauf stand ein akustisches Konzert in einer Tropfsteinhöhle an. Ich weiß nicht mehr, wer wen gefragt hat, aber VIOLET erklärten sich bereit, uns dabei mit ihren Instrumenten zu unterstützen. Es wurde ein zauberhafter Abend an einem einzigartigen Ort. Leider konnten wir nur knapp 50 Besucher zulassen, denn mehr Platz war in der Höhle nicht. Wir haben von diesem Konzert einen Mitschnitt gemacht, und seitdem gab es den Gedanken, wenigstens „With The Heat Of A Sun“ einmal in einer gemeinsamen Version im Studio einzuspielen. Als wir das Okay für eine Bonus-CD zum Album bekamen, haben wir von jedem vorherigen Album einen Song ausgesucht, und diesen zusammen mit VIOLET neu eingespielt.

Kollaborationen mit anderen Bands kann ich mir im Moment eigentlich nicht vorstellen. Es müßte ja etwas sein, das zu einem unerwarteten und spannenden Ergebnis führt und trotzdem die Identität der Band nicht verändert. Vielleicht gibt es eines Tages wieder eine solche Konstellation, aber zur Zeit wüßte ich nicht, wer da in Frage käme.

DH: Mit „The Floor She Walked Upon“ und „Radio Cornwall“ finden sich zwei sehr verdächtige Clubhits auf dem Album. Denkt Ihr, dass eine Band wie The House Of Usher auch Songs schreiben sollte, die für die Tanzfläche geeignet sind? Habt Ihr schon mal daran gedacht Songs von Euch remixen zu lassen?

Markus: Wir schreiben unsere Stücke eigentlich nicht gezielt tanzflächentauglich, aber gerade bei diesen beiden Stücken hatten wir das Gefühl schon in der Produktionsphase. Doch zu diesem Zeitpunkt existierten die Stücke bereits und mußten nicht noch geschrieben werden.

Jörg: Ich finde, Musik sollte auch Spaß machen, und Tanzen macht Spaß, deshalb ist es klasse, wenn wir Songs haben, zu denen man tanzen möchte. „The Floor She Walked Upon“ hat ja nicht nur einen tanzbaren Beat und eine schöne Melodie, sondern noch etwas Anderes, Mitreißendes. Ich kann das schlecht beschreiben, und deshalb kann ich auch nicht gezielt darauf hinarbeiten. Aber ich weiß, daß die meisten Leute, die es hören, genauso empfinden. Wir haben uns ja Mitte der 90er-Jahre schon mal remixen lassen, von THE ESCAPE, IN STRICT CONFIDENCE und PANIC ON THE TITANIC. Wir haben diese Mixe bis auf den ANNUVIN-Mix von „Leave“ aber niemals veröffentlicht. Mich ermüdet diese Remixerei, die heutzutage praktiziert wird, auch unendlich. Ich finde, es kommt selten etwas wirklich Gutes dabei heraus. Wenn ich ein Stück von THE MISSION hören will, dann will ich das Original hören, und keinen WUMPSCUT-Remix. Und wenn ich WUMPSCUT hören will, dann kaufe ich mir deren CD. Weißt Du, das Ergebnis dieser Mixerei ist doch bloß, daß am Ende alles gleich klingt. Wir machen manchmal Remixe unserer eigenen Stücke, weil wir das Gefühl haben, ein Aspekt sei in der Originalversion nicht ausreichend zur Geltung gekommen. Aber das Stück bleibt dann trotzdem 100% THE HOUSE OF USHER.

DH: In den vergangenen Jahren habt Ihr immer Eure CDs bei kleineren Labeln wie etwa Celtic Circle Productions oder zuletzt Equinoxe Records veröffentlicht. Könntet Ihr Euch auch vorstellen, eine Tages zu einem Major-Label zu gehen?

Markus: Vorstellen könnten wir uns das schon, aber wir würden uns nicht um jeden Preis verkaufen. Bei Équinoxe Records haben wir alle Freiheiten, die wir brauchen. Es gibt immer eine Reihe Gründe, die für ein kleines Label sprechen, aber auch eine ganze Reihe, die für ein Major-Label sprechen.

DH: Du, Jörg, bist neben Deiner Tätigkeit als Sänger bei The House Of Usher auch anderweitig aktiv, u.a. als Schriftsteller. Woher nimmst Du all diese kreative Energie? Ist da etwas, das tief in Dir steckt und dich immer wieder dazu bringt künstlerisch tätig zu sein?

Jörg: Ich habe mich schon als Kind mit anderen Dingen beschäftigt als die meisten anderen Kinder. Mich hat alles Phantastische und Dunkle interessiert, und ich glaube, das ist den meisten Menschen suspekt. Ich war so lange ein Außenseiter, bis ich die Gothicszene entdeckte und feststellte, daß hier alles, was an mir bis dahin schräg angeguckt worden war, völlig normal war. Die Technik, Konflikte durch das Schreiben oder Zeichnen zu sublimieren, habe ich aus meiner Kindheit gerettet, auch wenn es mir heute egal ist, was andere über mein Aussehen sagen. Ja, ich glaube, ich verarbeite die Erfahrungen und Gefühle, mit denen ich auf andere Art und Weise nicht fertig würde, wenn ich eine Geschichte oder einen Songtext schreibe. Ich bin süchtig nach unserer Musik geworden. Das merke ich, wenn wir längere Zeit nicht proben. Dann werde ich ungeduldig, ungemütlich, ja, richtig unausstehlich!

DH: Seit 1990 seit Ihr nun mittlerweile in der Schwarzen Szene aktiv. Seht Ihr Euch heutzutage immer noch direkt in die Szene involviert, oder hat sich in den vergangenen Jahren das Verhältnis zur Schwarzen Szene verändert?

Jörg: Wir haben uns wahrscheinlich nicht so sehr verändert wie die Szene, aber wir fühlen uns darin nach wie vor zu Hause. Das ist für mich nichts, was ich wie einen Mantel ablegen kann. In meinem Inneren würde ich mich ja nicht ändern.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euch gehört das Schlusswort:

Jörg: In den letzten Tagen ist mir durch die Interviews, die einen ja zwingen, sich mit Dingen kritisch auseinanderzusetzen, denen man sonst vielleicht gerne ausweicht, erst richtig bewußt geworden, wieviel wir eigentlich in „Radio Cornwall“ investiert haben. Du selber weißt ja durch Deine eigene Musik, daß man einen langen Weg zurücklegen muß, um ein Album fertig zu bekommen. Ich habe das Gefühl, dabei bleibt vieles auf dem Weg. Man bringt viele Opfer, aber man bekommt dafür auch vieles geschenkt. In diesem Sinne freue ich mich auf unsere Tour im November und die Leute, die wir dort kennenlernen werden. Und ich bin froh, daß es in einem Zeitalter der überreizten Sinne und der Oberflächlichkeit Menschen wie Dich gibt, die anderen zuhören und sich für deren Gedanken interessieren. Herzlichen Dank!

Kontakt: www.the-house-of-usher.de

Interview: Andreas Ohle (für Dark Heart)
Jörg Kleudgen (für The House Of Usher)