Syria



DH: SYRIA ist mittlerweile ein Duo. Wie kam es zu der Entscheidung, als Duo weiterzumachen? Hat sich dadurch etwas für euch verändert?

Christian Dörge: Nun, die Entscheidung, als Duo weiterzumachen, war zunächst - also nach den Aufnahmen zu ‘Me, White Noise’ und ‘Sixties Alien Love Story’ - nicht absehbar: Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten wir bereits seit fünf Jahren als Trio (gemeinsam mit Stina Suntland), und es waren sehr gute, sehr kreative und sehr harmonische Jahre, auf die wir gern und mit intensiven Gefühlen zurückblicken. Zu Anfang des Jahres 2010 haben sich jedoch im Privatleben von Stina viele Dinge verändert, viele Dinge bewegt, sodaß es ihr bis auf weiteres nicht möglich war, weiterhin mit SYRIA (oder den ATOMIC NURSES) aktiv zu sein. Das war natürlich schade - eben weil es wirklich ein absolut erfreuliches und konstruktives Zusammenwirken mit ihr gewesen ist im Laufe der Jahre - , aber ist für den Moment nicht zu ändern. Wir sind unverändert sehr eng befreundet, und vielleicht ergibt sich wieder einmal die Möglichkeit, mit Stina auch künstlerisch den Faden wieder aufzunehmen und weiterzuspinnen.

Was hat sich verändert? Zunächst einmal der technische Aspekt: Ich schreibe jetzt die Songs nur noch für zwei Stimmen statt wie in den vergangenen Jahren für drei. Quantitativ bedeutet dies, daß ich jetzt wieder mehr singe, als es auf den letzten SYRIA-Platten de facto der Fall gewesen ist und Zasu ‘macht’ jetzt praktisch den Job von zwei Sängerinnen, was ihr übrigens ganz wunderbar gelingt. Natürlich war die Reduzierung des Line-ups - insbesondere ganz am Anfang der Aufnahmen - menschlich eine fühlbare Umstellung, weil wir es gewohnt waren, zu dritt im Studio zu sein. Aber wir konnten und können bestens damit umgehen, und ich verhehle nicht, daß ich enorm stolz darauf bin, daß wir mit ‘American Gothic’ das bislang beste SYRIA-Album aufgenommen haben.

Zasu Menil: Die neue Band-Konstellation ermöglichte es uns, das Album als einen Dialog zu gestalten und ebenso zu begreifen: Zwei Menschen, die aufeinander treffen und in einem gemeinschaftlichen und sich gegenseitig befruchtenden Sinn über Themen und Eindrücke ihrer eigenen Welt sprechen. Literatur, Malerei und Wissenschaft sind dabei zugleich Ausgangspunkt als auch im Verlauf - im Fortspinnen des Dialogs - erweitertes Ziel. Das Ergebnis offenbart einen tiefen Einblick in die Triebfeder, den Humor und den Geist und künstlerischen Exzesses - und es war ein großes Vergnügen!

DH: Worauf bezieht sich der Titel des neuen Albums ‘American Gothic’? Wie gestalteten sich die Aufnahmen zu dem neuen SYRIA-Album? Wo fanden die Aufnahmen statt?

Christian Dörge: Der Titel ‘American Gothic’ bezieht sich auf das (Öl-)Gemälde gleichen Titels von Grant Wood, welches im Jahr 1930 entstand und eines der bekanntesten (und erstaunlicherweise: am häufigsten parodierteste) US-amerikanischen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts ist. Dieses Gemälde, welches eine hermetische, fast schon resolute Zweisamkeit ausstrahlt, ist für mich die perfekte Metapher für die Band-Besetzung von SYRIA, wie sie seit Anfang 2010 besteht - eben weil sich diese Stärke und Hermetik ganz konkret in der künstlerischen wie menschlichen Zweisamkeit zwischen Zasu und mir wiederfindet: Wir sind uns während des kreativen Prozesses und der daran anschließenden technischen Abläufe (Aufnahmen, Produktion, Abmischung etc.) intellektuell und emotional stets selbst genug gewesen. Dementsprechend erscheint mir der Titel wie geschaffen für unser erstes Album als Duo. Ich habe ab Januar 2010 mit dem Schreiben der Songs für ‘Spinning Nitrate’ und ‘American Gothic’ begonnen - und gemessen an meinen üblichen Verhältnissen hat diese Phase des Schreibens auffallend lang gedauert (etwa bis Oktober 2010, also bis zu dem Zeitpunkt, als wir mit den eigentlichen Aufnahmen begonnen haben). Dies begründet sich darin, daß sich besagtes Songwriting zeitlich mit den Aufnahmen zu meinem literaturvertonenden Album ‘Analog’ kreuzte und ich im gleichen Zeitraum auch noch die SYRIA-Re-Releases ‘A Gift From Culture’ und ‘The Bohemian Sky. A Collection’ vorbereitete und zusätzlich mit den Best-Of-Alben von BORGIA DISCO und den ATOMIC NURSES beschäftigt war. 2010 war ein immens arbeitsreiches Jahr, weswegen das Songwriting für ‘American Gothic’ zunächst eher zögerlich vorankam.

Die Aufnahmen selbst verliefen sehr harmonisch, sehr routiniert - wir hatten viel, viel Spaß, waren konzentriert und zielbewußt. Es gab keine Verzögerungen, kein Infrage-Stellen: Zasu und ich haben während der sechs Monate im Studio nie aus den Augen verloren, wohin wir musikalisch und inhaltlich mit den neuen Songs wollten. Und ich glaube, das merkt man dem Ergebnis deutlich an. Einige Demos haben wir in München aufgenommen; das grós der Aufnahmen fand - wie seit 2005 - im Parkland-Studio in Linköping/Schweden statt, ergänzende Aufnahmen in Studios in Malmö und Stockholm. Das Mixing habe ich wiederum komplett im Parkland-Studio erledigt. Das Studio-Umfeld - und die entsprechend involvierten Menschen - , die ganze Stabilität des inneren Kreises von SYRIA ist ein nicht zu unterschätzender, wichtiger Aspekt dafür, daß es seit einigen Jahren wirklich Spaß und Freude bereitet, Platten aufzunehmen; derlei war in den (19)90er Jahren nun wirklich eher nicht der Fall. Im Grunde ist es auch dieser Stabilität und der menschliche Nähe, Loyalität und Kontinuität geschuldet, daß es SYRIA noch immer gibt.



DH: Beim Anhören des neuen Albums fällt auf, daß SYRIA einen immer minimalistisch-spröden Sound haben. Ist dies bewußt so gewollt?

Christian Dörge: Der Sound mag spröde sein, minimalistisch ist er jedoch keineswegs. Die Arrangements der einzelnen Songs sind meist außerordentlich umfang- und detailreich. Allerdings lege ich Wert darauf, daß diese Details im Mix auch hörbar bleiben - ich mische sehr dezent ab mit viel, viel Balance-Engineering. Üblicherweise ‘überschreien’ sich die instrumentalen Bestandteile von Songs auf aktuellem Produktionsstand ziemlich stark und aufdringlich; Musik wird heutzutage gern im Sinne massierter Lautstärke prodziert und abgemischt. Auf diese Art und Weise mag ich nicht arbeiten. Meine Musik ist also - argumentativ - weniger lautstark als andere handelsübliche Musik, aber sie ist gewiß nicht minimalistisch arrangiert. Nun ja, und wie gesagt - mit der Bezeichnung ‘spröde’ hast Du gewiß recht. Ich finde es für mich als Künstler wichtig, nicht gar zu gefällige Kunst zu erschaffen, ich will den Hörer auf vergleichsweise differenziertem Wege erreichen, mich jedoch nicht an ihn anschmiegen: Es muß eine Distanz verbleiben, die gegenseitiges Beobachten und Erkennen erst ermöglicht.

Zasu Menil: Als minimalistisch oder Minimal Art würde ich unsere Musik nicht bezeichnen. Filminante und überproduzierte Streicher- und Gitarren-Collagen, die viele Bands verwenden, um die Musik über den Inhalt hinaus aufzublasen, würden zur Thematik und unseren Transportmedien Musik und Stimme, wie wir sie begreifen, wohl auch nicht passen - und sind nebenbei auch nicht erwünscht. Wenn man sich einmal die Zeit nimmt, das Album konsequent - vielleicht sogar nicht auf mp3-Niveau herunterkomprimiert - anzuhören, wird man feststellen, wieviel Detailreichtum die Arrangements der einzelnen Songs bieten. Musik ist für uns nicht nur ein passendes Gewand, in dem die Stimme durch die Lieder tanzt: sie will vielmehr Teil, Stimmungsgeber und Kopfkino eines Stückes sein.

DH: Wenn ich die Musik von SYRIA beschreiben müßte, würde ich sagen: Endzeit-Cyberpunk-Gothic mit sehr viel dunklem und charismatischem Pop-Ambiente. Was haltet ihr von dieser Beschreibung?

Christian Dörge: Mit Etiketten für meine Musik habe ich mich persönlich eher selten beschäftigt - und ohnehin niemals aus eigener Motivation, allenfalls auf Nachfrage. Und wenn ich darüber nachdenke, welche Etiketten man mir im Verlauf der letzten 20 Jahre, in denen ich nun schon Platten veröffentliche, schon aufgenötigt hat komme ich doch ins Schmunzeln... gewiß hat SYRIA im Jahr 2011 eine schwerlich überhörbare Pop-Affinität, und wenn Du aus Deiner Definition den Begriff ‘Gothic’ entfernst - kann ich bestens mit dem Begriff des Cyberpunk leben, zumal Cyberpunk-Literatur eine wesentliche Inspiration für die neuen Songs gewesen ist. Bloß: Mit ‘Gothic’ hat SYRIA schon lange, lange nichts mehr am Hut.

Zasu Menil: Alien-Pop war auch eine Beschreibung, die unserer Musik zugesprochen wurde und die ich persönlich recht amüsant finde

DH: Wovon laßt ihr euch beim Songschreiben inspirieren? Gibt es bestimmt Themen, die euch besonders interessieren?

Christian Dörge: Nun, wir umgeben uns mit Kunst, wir beschäftigen uns mit Kunst, dementsprechend ist Kunst im Allgemeinen - und Literatur im Besonderen - eine wesentliche Inspirationsquelle für uns: So hatten auf die Entstehung von ‘Spinning Nitrate’ und ‘American Gothic’ insbesondere die Werke von William Gibson, Philip K. Dick, Bruce Sterling und William S. Burroughs einen nicht unwesentlichen Einfluß. Diesen eher theoretischen - oder überspitzt: ideologischen - Überbau ergänzen wir um Persönliches, Emotionales etc., sodaß letztlich etwas Lebendiges, im konstruktivistischen Sinne Eigenes entsteht. Und: Es gibt gewiß Aspekte im thematischen Spektrum von SYRIA, die sich im Laufe der vergangenen fast zwanzig Jahre immer wieder Bahn gebrochen haben, aber es ist wohl - allgemein gesprochen - das Absurde, Abseitige und mitunter Futuristische (im künstlerischen Sinne), was uns besonders interessiert und umtreibt.

Zasu Menil: Definitiv trifft wohl die Literatur die meiste ‘Schuld’ an unseren Vorlieben: J.G. Ballard, Ray Bradbury, Strugatzki oder Samjatin - um die Liste noch fortzuführen - sind starke inspirative Impulsgeber und gleichzeitig Bestätigung der eigenen künstlerischen Ideenwelt. In diesem Zusammenhang sind natürlich noch die wunderbare Filme der 70er Jahre zu zählen, Dystopien beispielsweise, aber auch viele Theaterstücke und natürlich die Malerei, die bei mir einen sehr hohen Stellenwert hat.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song ‘We´re Photons’. Wovon handelt das Lied? Wie entstand die Idee zu dem Song?

Christian Dörge: ‘We’re Photons’ war der erste Song, den ich für ‘American Gothic’ geschrieben habe, und auch der erste Song, der vollständig aufgenommen und abgemischt wurde. Ähnlich wie der Titel des Albums deutet ‘We´re Photons’ inhaltlich die veränderte personelle Situation bei SYRIA an und bringt diese in Einklang mit dem textlichen Konzept, in welchem die Protagonisten sich als Lichtquanten (oder umgangssprachlicher: Lichtteilchen) begreifen, definieren - als Bestandteil elektromagnetischer Strahlung, als wesentliches Element. Reduziert auf die personelle Situation in der Band spielt ‘We´re Photons’ mit dem Konzept des Wellen-Teilchen-Dualismus, im übertragenden Sinne also mit einer Charakter-Studie, einem Sowohl-als-auch-Prinzip, welches sich entsprechend inhaltlich auf die einzelnen Songs auswirkt. Im Grunde stand diese Überlegung ganz am Beginn des Songwritings.

Zasu Menil: Nun, es scheint fast, als hätte SYRIA - bezogen auf die Quantentheorie - heute zu seiner perfekten Form gefunden, einer Form, die nicht weiter teilbar ist.

DH: Hört man die Songs des neuen Albums hat man das Gefühl, in eine surreale Welt hineingezogen zu werden. Würdet ihr manchmal diese Welt der Realität vorziehen?

Zasu Menil: Der Surrealismus ist tatsächlich im urspünglichen (also: kunsthistorischen) Sinn der Ausgangspunkt unserer Musik. Visionen, Träume und das Unbewußte vermischen sich hier allerdings am Ende zu etwas völlig Durchdachtem, Logischem - zu etwas Realem also. Insofern würde ich einen bloßen Tausch vermutlich als relativ langweilig und eindimensional empfinden.



Christian Dörge: Der Begriff Surrealismus ist - inhaltlich - mit unserer Arbeit sicher zutreffend: Textlich begreife ich SYRIA folgerichtig im wörtlichen Sinne als sich ‘über der Realität’ befindend, die Tiefen des Unterbewußten auslotend und die (subjektive) menschliche Logik um das Phantastische, Absurde erweiternd. Allerdings ist dieser Surrealismus - ganz im Sinne von André Breton, Luis Bunuel und Guillaume Apollinaire - zutiefst in der Realität verwurzelt, ist also für jeglichen Eskapismus denkbar ungeeignet; ich arbeite allegorisch, nicht eskapistisch - es geht bei SYRIA betont um eine konstruktive Sicht der Dinge.

Oft erinnert der Sound von SYRIA an einen imaginären Filmsoundtrack. Habt ihr schonmal überlegt, einen richtigen Filmsoundtrack zu schreiben?

Christian Dörge: Auf indirekte Weise ist dies bereits geschehen - ich schreibe und produzieren seit einigen Jahren Musik für einen MovieScore-Pool, die auch regelmäßig angekauft wird. Vermutlich wärest Du überrascht, wie oft Du bereits Musik von mir im Zusammenhang mit Filmen oder TV-Serien gehört hast, ohne daß Dir dies gegenwärtig gewesen ist.

Zasu Menil: Das ganze gipfelte sogar Anfang diesen Jahres in einem Angebot eines sehr bekannten Produzenten aus Los Angeles, der Christian zu sich als Co-Produzenten holen wollte...

DH: Neben ‘American Gothic’ ist parallel auch noch die EP ‘Spinning Nitrate’ erschienen, die auch viele Songs enthält. Erzählt uns doch bitte etwas zu dieser EP. Wieso erscheint sie gleichzeitig mit dem neuen Album?

Christian Dörge: Rein technisch argumentiert ist es seit Mitte der (19)90er Jahre üblich, daß ich jedem neuen SYRIA-Album eine oder mehrere Mini-Alben zur Seite stelle - dies sind gewissermaßen unsere Singles. Textlich und musikalisch geben mir diese EPs die Möglichkeit, an das jeweilige Album anzuschließen, die Dinge thematisch abzurunden, mehr in die Tiefe zu gehen. So verhält es sich auch bei unseren aktuellen Veröffentlichungen - ‘American Gothic’ und ‘Spinning Nitrate’ bedingen und ergänzen einander, um ein vollständiges Bild zu erzielen. Dementsprechend komplex ‘kommunizieren’ die Songs beider Tonträger miteinander.

DH: Christian, du hast neben SYRIA noch BORGIA DISCO und THE ATOMIC NURSES als Nebenprojekte und bist zudem noch als Solo-Künstler aktiv. Woher nimmst du all diese kreative Energie? Gibt es auch manchjmal Momente, in denen Du keine Musik machst oder machen willst?

Christian Dörge. Oh, natürlich gibt es diese Momente, schließlich lege ich viel Wert auf ein möglichst angenehmes Privat-/Familien-Leben. Ich bin als Künstler jedoch sehr diszipliniert, sehr organisiert und achte auf die Kontinuität meiner Arbeit - auf diese Weise ergibt sich zwangsläufig ein recht umfangreiches (Gesamt-)Werk, jedoch ist es gleichzeitig von größter Wichtigkeit für mich, daß sich Kunst und Leben in einer gesunden Balance zueinander befinden. Anmerken möchte ich noch, daß sowohl BORGIA DISCO als auch die ATOMIC NURSES - mit Veröffentlichung der Best-Of-Doppel-Alben ‘The Reflecting Skin 2006 - 2010’ resp. ‘Lost In The Supermarket 2006 - 2010’ - inzwischen abgeschlossen sind.

Zasu Menil: In der Tat gehört Christian Dörge für mich zu den diszipliniertesten Künstlern, die es gibt. Gerade diese Disziplin verbunden mit Können, Begeisterungsfähigkeit, Stringenz, Neugier, Humor und einer gewissen Manie für sein Tun bewirken diese großartige Musik mit den sehr klugen, nicht immer einfach zu verstehenden Texten.

DH: Gibt dir diese Art der Selbstverwirklichung als Musiker, Künstler und Autor in gewisser Weise einen Trost im Hinblick auf die Tatsache, daß Du durch Deine Werke in gewisser Weise für die Nachwelt unsterblich bist?

Christian Dörge: Ich fürchte, über diese sehr spezielle Art von Trost habe mich mir bislang noch keine profunden Gedanken gemacht; vermutlich bin ich für Überlegungen dieser Art nicht exzentrisch genug. Natürlich wäre es schön, würde man sich an mich durch meine Kunst erinnern - aber sollten meine Werke gewissermaßen mit mir sterben ist das gewiß auch in Ordnung. Ich unternehme keine Anstrengungen, dem entgegenzuwirken.

DH: Was denkst du generell über den Tod? Hat sich deine Sichtweise im Laufe der Jahre durch die Arbeit als Musiker und Künstler geändert?

Christian Dörge: Nun, meine Sichtweise auf den Tod wurde eher durch private Umstände im Laufe der Jahre... transformiert. Demzufolge setze ich mich mit dem Tod auseinander, sofern er mir privat und unmittelbar begegnet. Gleichsam neige ich auch nicht dazu, den Tod zu romantisieren oder selbigen mit pathetischen Worthülsen zu bedenken: den Tod gilt es zu überdenken und nach Möglichkeit so lange es die Umstände erlauben zu vermeiden.

Zasu Menil: Ach, über das Problem des Todes haben sich schon viele Philosophen die Köpfe heißdiskutiert. Fakt ist, daß er eine unbekannte Größe bleiben wird, womit man vielleicht einen gewissen Aspekt des Interesses oder des Geheimnisvollen erklären könnte. Wenn ich an die juvenile Adoration vieler Menschen denke, die es einfach nur schick finden, sich in diesem Gedankenfeld romantisierend zu bewegen, dann kann ich einfach nur sagen, daß sie offensichtlich und angesichts des gefüllten Kühlschrank der Eltern im Hintergrund noch keine wirklichen Probleme hatten. Ich persönlich erachte es als absolute Zeitverschwendung, mir weitere Gedanken über den Tod zu machen. Das Leben ist eine viel größere Herausforderung, die es erst einmal zu meistern gilt!



DH: Als Autor ist demnächst auch wieder etwas von dir in Buchform zu lesen. Erzähl’ uns bitte auch etwas zum Schluß über dein aktuelles Literaturprojekt.

Christian Dörge: In der Tat arbeite ich z.Zt. an einem neuen Roman - ich hoffe es klappt im Hinblick auf die zeitlichen Rahmenbedingungen, ihn 2012 zu veröffentlichen. Man wird sehen. Inhaltlich mag ich aktuell noch nichts dazu sagen - laß Dich überraschen.

DH: Was macht der Mensch Christian Dörge in zehn Jahren? Wird es SYRIA dann immer noch geben? Wirst du weiterhin Musik machen und künstlerisch aktiv sein?

Christian Dörge: In zehn Jahren... ich werde gewiß noch künstlerisch aktiv sein, gar keine Frage: Es ist mir unmöglich, ohne meine Kunst zu existieren. Natürlich weiß ich nicht, ob es SYRIA dann noch geben wird, möglich ist so mancherlei. Gewiß werden die SYRIA-Songs auch in zehn Jahren ein wichtiger Bestandteil meiner Kunst und meines Lebens sein - in welchem Zusammenhang dies der Fall sein wird lasse ich einfach auf mich zukommen. Ich habe mir abgewöhnt, allzu intensiv und zu spekulativ in meine Zukunft zu schauen. Das Leben läßt sich nicht berechnen.

Zasu Menil: Die Kunst und Christian Dörge ist eine untrennbare Einheit, darüber mache ich mir gar keine Sorgen. Wir werden es sehen, wohin es ihn - und damit auch mich - verschlägt!

DH: Wird SYRIA demnächst auch wieder live auftreten? Plant ihr eine Tour oder eventuell die Teilnahme an Festivals?

Christian Dörge: Nun, wir sind seit einigen Monaten auf Tour, allerdings spielen wir im Rahmen dieser Tour ausschließlich im Ausland - auch vermeiden wir es seit über einem Jahrzehnt grundsätzlich, in Gothic-Clubs und im Kontext mit dieser Szene assoziierter Festivals aufzutreten. Dies ist selbstverständlich für unsere deutschen Fans kein optimaler Zustand, aber unsere Haltung begründet mit eher negativen Erfahrungen mit deutschen Konzert-Veranstaltern und mit allem, was in dieser Hinsicht mit der sogenannten Schwarzen Szene zusammenhängt. Wir müssen ganz einfach darauf achten, daß die Rahmenbedingungen für Konzerte möglichst stimmig sind und wir auch zeitnah und angemessen für unsere Arbeit bezahlt werden. In Ländern wie Schweden, Dänemark, Finnland, Belgien, England und Frankreich sind diese Dinge selbstverständlicher Bestandteil jedes Gastspielvertrages, in Deutschland sind sie - so lehrt die Erfahrung - eher eine für den Konzertveranstalter lästige Pflicht. Und ich habe ehrlich gesagt nur sehr, sehr wenig Lust dazu, unseren Gagen mithilfe unserer Rechtsanwälte hinterherzulaufen.

Schlußendlich muß eine solche Konzert-Tour zwar allen Beteiligten Spaß bereiten und künstlerisch sinnvoll sein - aber der wirtschaftliche Aspekt muß ebenso relevant bleiben, denn es macht wenig Sinn, mit einer Tour rote Zahlen zu schreiben. Folglich spielen wir ausschließlich dort, wo man es vollumfänglich zu schätzen weiß.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Euer Schlußwort:

Christian Dörge: Es ist ohne Frage an uns, daß wir uns für die interessanten Fragen bedanken! Und wir möchten die Gelegenheit nutzen, uns bei unseren Fans zu bedanken, die uns schon seit beinahe 20 Jahren die Treue halten und jede Entwicklung von SYRIA mit Wohlwollen und Interesse mitgemacht und mit uns geteilt haben. You’re so groovy

Interview:
Andreas Ohle (Dark Heart Magazin)
Christian Dörge,Zasu Menil (Syria)