Stillste Stund



DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euch und Euren musikalischen Werdegang. Wer verbirgt sich alles hinter Stillste Stund?

Oliver: Stillste Stund, also das sind Birgit Strunz und Oliver Uckermann. Mein musikalischer Werdegang erstreckt sich über einen Zeitraum von mittlerweile über 15 Jahren. Ende der 80er Jahre habe ich angefangen Musik zu machen, spielte zuerst Bass in einer Punkband und fing dann auch sehr bald damit an, eigene Songs zu basteln, bis irgendwann der Wunsch entstand ein Projekt auf die Beine zu stellen und die eigene Musik der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aber dazwischen lagen viele Jahre, in denen ich einfach nur für mich alleine Musik geschrieben habe. Ab und zu arbeite ich Stücke aus dieser Zeit heute auf, so z.B. das sehr wavige Darksomely auf der aktuellen Platte.

Birgit: Was meinen musikalischen Background angeht, so habe ich viele Jahre im Kirchenchor gesungen und fand auch Gefallen an diverser Kirchenmusik. Aber auch später war das Singen immer ein wichtiger Aspekt für mich, wenn auch nur in den eigenen vier Wänden... Eine glückliche Fügung führte dann schließlich dazu, dass wir uns über den Weg liefen und irgendwann einfach anfingen, ein wenig herumzuprobieren... was eben letztendlich zur Formation von Stillste Stund führte.

DH: Auf Eurem neuesten Album verbindet ihr zahlreiche musikalische Einflüsse wie Synthie-Pop, Electro Gothic, Mittelalter und Darkwave zu einem sehr eigenen ungewohnten aber dennoch reizvollen Sound. Gab es in Eurer Jugend besondere musikalische Vorprägungen?

Birgit: Man kann sagen, dass wir beide schon ziemlich von der Musik aus den Bereichen New Wave/New Romantic, Postpunk und Darkwave der späten 70er und 80er geprägt wurden. Einige Bands aus dieser Zeit, die wir immer noch sehr schätzen, wären u.a. z.B. The Cure, Siouxie & the Banshees, Joy Division, Bauhaus, Japan/David Sylvian, Cocteau Twins, Einstürzende Neubauten, Tuxedomoon usw. Aber natürlich übt auch Musik aus späteren Jahrzehnten und anderen Stilrichtungen ihren Einfluss aus.

Oliver: Wenn man Musik aufrichtig schätzt, ist man offen für viele Richtungen, versucht viele Aspekte von Musik und die Menschen dahinter zu verstehen. Man wird sehr tolerant gegenüber den verschiedensten Styles. Ich höre nach wie vor gerne die "alten Helden", die Birgit schon erwähnt hat, zumal es jetzt viele Re-Releases mit Zusatzmaterial gibt. Aber ich mag auch viele aktuelle Produktionen und sehr gerne düstere Soundtrack Scores. Wenn man also Musik als Ganzes mag wird man sehr tolerant und offen für Neues. Und dann lässt man es auch zu, dass sich diese Einflüsse in der eigenen Musik widerspiegeln. So kam es auch zu dem Endteil der "Teufelbuhle", der sehr an einen irischen Jig erinnert.

DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu der neuen CD "Blendwerk Antikunst"? Wo fanden die Aufnahmen statt und wie kam es zur Zusammenarbeit mit Eurem Label Alice In?

Birgit: Die Arbeiten an sich zogen sich in etwa über einen Zeitraum von 2-3 Monaten hin. Wir nehmen nie alles an einem Stück oder an nur wenigen Tagen auf, sondern arbeiten immer mal wieder nach Zeit, Lust und Laune an einem Stück, so entsteht alles nach und nach und auch relativ intuitiv... was uns sehr wichtig ist! Leider ist es auch bis zum letzten Album immer so gewesen, dass wir durch diverse unvorhergesehene Ereignisse des Öfteren zu Pausen gezwungen waren, wodurch die Vollendung von Blendwerk länger auf sich warten ließ als geplant. Wir hoffen jedoch, inbezug auf das nächste Album wesentlich zügiger voranzukommen, die aktuellen Gegebenheiten lassen hoffen...

Oliver: Von Vorteil ist dabei für uns, dass wir im eigenen Studio arbeiten können, also keine typische Mietstudio-Hektik und kein Zeitdruck im Nacken unsere Arbeit beeinflussen können. Wir genießen das sehr. Zu Alice In fanden wir ja bereits 1999, als wir unsere erste Demo-CD mal an ein Label schicken wollten, was dann auch auf Anhieb geklappt hat. Frank D´Angelo von Alice In lässt uns alle Freiheiten, die wir brauchen. Ich denke bei einem richtig großen Major Label wären CDs wie die vorletzte, "Biestblut", niemals möglich gewesen, weil sich die Majors sowas selten zutrauen. Danke also nochmal an unser Label an dieser Stelle!



DH: Blendwerk Antikunst ist zuweilen sehr abstrakt und voller innerer gesellschaftlicher Kritik. Ist der Titel des Albums für Euch selbst Aussage und Programm zugleich? Seht ihr Euch selbst als Menschen, die mit Konventionellem brechen und auf der Suche nach etwas Neuem sind?

Birgit: In gewisser Weise natürlich schon, was ja, wie ich denke, schon an unser beider Lebensweg ein wenig erkennbar ist. Die Suche nach Neuem und das Ausprobieren und Betreten von Pfaden abseits des Konventionellen und Kommerziellen sind schon recht zentrale Themen für uns, auch in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens. Wobei wir jetzt auch nicht alles verteufeln, was auch nur den Anschein von geregeltem Leben hat. Dafür leben auch wir wohl noch zu "bodenständig" und es wäre Heuchelei, etwas anderes zu behaupten. Aber bedauerlicherweise ist es eben so, dass man in unserer kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaft praktisch dazu gezwungen wird, sich gewissen Normen zumindest anzugleichen, wenn man bestimmte Visionen umsetzen möchte - das geht wohl den meisten so, die eher idealistisch geprägte Ziele vor Augen haben. Im besten Fall schafft man es eben irgendwie, das gesellschaftliche Normgefüge so gut wie möglich für die Verwirklichung dieser Ziele zu nutzen und etwas daraus zu machen.

Wichtig ist dabei, dass man mit wachem Verstand durch die Welt geht, Umstände und Entwicklungen kritisch betrachtet und sich nicht mitreißen lässt in diesen Strudel aus Konsum, Gier und zweifelhaften Zerstreuungen (und das gilt für fast jeden Bereich). Nur wenn man sich genügend Distanz dazu bewahrt, behält man klare Sicht und kann ggf. dagegen ansteuern.

Oliver: Ja, ich denke, wir sind beide ziemliche Gegner dieser Entwicklung in unserer Gesellschaft, sich alles aufschwatzen zu lassen ohne es selbst kritisch zu überprüfen, ohne nachzudenken. Das kann sich auf alle möglichen Lebensbereiche beziehen: ob Musik und Subkultur, wie auf dem Album angeprangert, ob in der Ernährung, Politik oder im Medienkonsum. Unsere Gesellschaft ist furchtbar abgestumpft und konsumgeil. Die Industrie verkauft uns viel Schrott, nett in hübscher Verpackung aufgemacht - ok. Schlimmer noch ist, dass die Leute es schlucken und dass man heute mit Verpackung mehr erreicht, als mit Inhalt. Dieses Treiben widert mich ziemlich an, muss ich sagen. Ich will nicht sagen, dass ich mich da zu 100% ausnehmen kann und nicht auch auf viel Industrie- und Konsumkrams reinfalle, aber wenn es so ist, bin ich mir dessen wenigstens noch bewusst, bzw. vielen Dingen kann man sich nicht in voller Konsequenz entziehen, da müsste man schon komplett aussteigen. Aber das kann ja noch kommen...

Es wird Zeit, dass man sich die Frage stellt, ob man von einer schicken Verpackung oder doch eher von dem Inhalt der Verpackung satt werden möchte. Das gilt auch für unsere Musikkultur. Wem die Verpackung reicht, der ist bereits nur noch eine unbedeutende Nummer im System - herzlichen Glückwunsch...

DH: Im Vergleich zu früheren Stillste Stund Veröffentlichungen wirkt das neue Album vielschichtiger und dynamischer. Wie kommt diese Veränderung zustande? Habt Ihr im Vergleich zu früheren Aufnahmen etwas anders gemacht oder dies einfach ein natürlicher Entwicklungsprozess? Könnte man sagen: Stillste Stund sind erwachsen geworden?

Birgit: Erwachsen geworden - keine Ahnung... wird man je erwachsen? Ich würde sagen, es ist einfach eine persönliche Weiterentwicklung.

Oliver: Ja, es ist einfach unsere natürliche Entwicklung. Man kann sagen, dass wir bei BA in vieler Hinsicht auf eine neue Weise an Songs und Texte herangegangen sind. Wir experimentieren immer viel herum, ob das die Inhalte der Texte, die Art des Gesangs, der Instrumentierung und Einspielungen oder stilistische Einflüsse sind. Dabei ist die Vorgehensweise bei jedem Track anders. Manche entstehen um fertigen Gesang herum, manche haben einen Cellopart als Grundlage oder eine elektronische Basssequenz. Das Gewicht zwischen Elektronik und Akustik bzw. Semi-Klassik hat sich bei uns schon öfter in Extreme verschoben. Siehe z.B. den Gegensatz zwischen den Tracks "Obsessed with Purple" und "Lass uns der Regen sein"... Sowas bringt Abwechslung und macht uns viel Spaß.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song "Apocalyptic Noon“ eine klassische Gothic-Hymne, wie ich finde. Wovon handelt das Lied und wie entstand die Idee zu diesem Song. Plant Ihr in Zukunft weitere Songs in dieser Richtung?

Birgit: Eigentlich gab es keine konkrete Idee zu dem Songtext, er entstand ziemlich spontan und hat somit keine direkte Handlung... es vermischen sich darin vielmehr persönliche Themen und Eindrücke mit allgemeinen Ängsten und Hoffnungen in Bezug auf Gegenwart und Zukunft. Auf mich wirkte der Text im Nachhinein einigermaßen esoterisch (vielleicht sogar leicht buddhistisch) angehaucht, was nicht unbedingt in meiner Absicht lag, aber das könnte u.a. damit zusammenhängen, dass ich mich in der Vergangenheit eine Zeit lang eingehender mit diesen Bereichen beschäftigt habe.

Die Kernaussage liegt für mich darin, dass wir zuerst alles Negative, was wir an Schmerz, Trauer und Leid erfahren haben, hinter uns lassen müssen, um uns weiterentwickeln zu können, dass wir uns nicht ständig in Ängsten, Grübelei und unrealistischen Hoffnungen verlieren dürfen, sondern stattdessen versuchen müssen, unser wahres Selbst zu erkennen, und dass dies eben der Schlüssel ist zu einem sinnvollen und erfüllten Leben, in dem wir - trotz aller Katastrophen um uns herum - etwas Positives bewirken können.

Es wäre natürlich schön, wenn etwas ähnliches wieder zustande käme, aber planen kann man sowas wohl nicht - entweder es geschieht oder eben nicht, wir lassen uns da freien Lauf. Ein paar Ideen zu weiteren englischsprachigen Stücken gibt es aber schon.



DH: Du, Birgit, verleihst mit Deiner Stimme neben "Apocalyptic Noon" gleich mehreren Songs zu einem wundervollen Klang. Inwieweit waren für die Dich die Aufnahmen zu der neuen CD Blendwerk Antikunst eine Herausforderung?

Birgit: Also ich will mal nicht hoffen, dass dies die "Herausforderung meines Lebens" war, sondern dass da in Zukunft noch mehr Potenzial drinsteckt - aber es stimmt schon, es war gesanglich etwas anspruchsvoller im Vergleich zu den vorherigen Alben, was ja aber nicht zuletzt auch an der Häufigkeit meiner Einsätze liegt.

Neu und schön bei diesen Aufnahmen war, dass ich mehr als zuvor eigene Ideen sowohl bei Text als auch Gesang einbringen und dementsprechend auch viel mehr experimentieren konnte. Die eigentliche Herausforderung lag dann darin, mich selbst zu überzeugen und zufrieden zu stellen - denn ich bin eher selten mit dem zufrieden, was ich mache.

DH: Wieso habt Ihr Euch dafür entschieden erstmals in der Geschichte von Stillste Stund auch drei englischsprachige Songs aufzunehmen?

Birgit: Zum einen gab es des Öfteren Nachfragen von Seiten ausländischer Hörer. Zum anderen schreiben wir beide auch mal gern den ein oder anderen englischsprachigen Text, und da gerade zu diesen Stücken auch bereits Gesangsideen existierten, wurden diese natürlich gleich umgesetzt. Wir dachten außerdem, dass es der Gesamtmischung eine zusätzliche "Würze" verleiht. Und wir werden auch sicher für die Zukunft das ein oder andere englischsprachige Stück mit einplanen.

DH: Bei allen Songs ist immer das gewisse etwas Andere zu spüren – eine Art schwarzes Lebensgefühl, das Morbidität und andere finstere und skurrile Gedanken widerspiegelt. Bietet sich dem Hörer mit Blendwerk Antikunst somit ein tiefer Blick in Euer Innerestes?

Birgit: Wie tief der Einblick der Hörer in unsere Gedankenwelt nun ist bzw. ob es wirklich je ein echter Einblick sein kann oder die Texte lediglich Anlass zu eigenen Spekulationen und Interpretationen geben, das lässt sich schwer sagen... Fakt ist natürlich, dass sich in den Texten sehr vieles aus der inneren Gedankenwelt, auch aus teils recht privaten Themen, widerspiegelt, doch oft ist am Ende, wenn ein Text/Stück dann fertig ist, vom Grundanstoss nicht mehr so viel übrig oder es kommt sogar etwas völlig anderes heraus als das, worüber man eigentlich schreiben wollte. Meist ist es wohl eh so, dass sich ein Text/Song irgendwie ergibt, von irgendwoher oder aus irgendwelchen unbewussten Schichten...

Es dürfte in den meisten Fällen eher nicht eindeutig erkennbar sein, was da nun innerlich genau abgelaufen ist, sodass die Texte nicht unbedingt eins zu eins innere Gedanken und Vorgänge wiedergeben, in denen man lesen könnte wie in einem offenen Buch.

Oliver: Ja, ich denke da ähnlich. Der kretaive Prozess, egal ob beim Texteschreiben, Musikmachen oder anderen Künsten, ist nicht bis zum Ergebnis hin durchplanbar und somit entstehen sehr oft ungewollte und unvorhersehbare Dinge. Das ist sogar sehr wichtig. Ich könnte mir vorstellen, dass man unsere Gedanken- und Gefühlswelt durch unsere Musik und Texte ganz gut erahnen kann, aber wird ein Mensch jemals einen anderen bis in den hintersten Winkel verstehen können? Wohl weniger, das ist schon bei Menschen, die sich gut kennen schwer und erst recht auf dieser Distanz, die nunmal zwischen Musiker und Hörer besteht.

Ich gehe sogar noch weiter und denke, dass man als Hörer viele Dinge in die Songs hineininterpretiert, die weit entfernt von der Intention liegen. Das ist aber nichts Verkehrtes, denn Kunst liegt immer im Auge bzw. hier im Ohr des Betrachters/Hörers.

DH: Wie kam es zu der Idee neben der normalen CD eine limitierte Doppel CD zu veröffentlichen auf der sich als Bonus u.a. die Kurzgeschichte Endwerk befindet? Denkt Ihr, dass eine Doppel-CD einem Künstler generell mehr Raum bietet sich zu präsentieren?

Birgit: Unser Plattenlabel hat uns diese Option erstmals ermöglicht und da haben wir sie natürlich gerne wahrgenommen. Nicht zuletzt natürlich, weil eine Doppel-CD mehr Platz bietet für musikalische Extras, sondern auch weil ein Digipack einen besseren Rahmen für die visuelle Umsetzung zu einem Album ermöglicht, was uns ebenfalls sehr wichtig ist.

Oliver: Die Standard-CD ist ja schon volle 74 Minuten lang und so kam uns eine Doppel-CD sehr gelegen um noch das 23minütige Endwerk mit präsentieren zu können. Ich möchte unsere hörspielartige Seite nicht vernachlässigen und wir werden bestimmt noch mehr in diese Richtung machen wollen. Ich glaube auch, dass die Leute diese Art Dualität zwischen normalen Tracks und hörspielartigen Konzepttracks mögen. Blendwerk Antikunst war bereits einen Monat nach der Veröffentlichung im Oktober unser meist verkauftes Album, weshalb wir uns an dieser Stelle unbedingt bei unseren Fans bedanken möchten!

DH: Wird es demnächst Stillste Stund wieder live auf der Bühne zu sehen geben? Freut Ihr Euch schon darauf, dass neue Material live zu spielen?

Birgit: Generell war Stillste Stund ja nie als Live-Projekt geplant. Wir hatten in erster Linie immer nur den Anspruch, uns selbst zu verwirklichen, aber wir freuen uns natürlich, wenn es Menschen gibt, die dem Ergebnis dieses Bestrebens etwas abgewinnen können. Wir haben zwar in letzter Zeit öfter mal über die Eventualität eines Live-Auftritts und die mögliche Umsetzung diskutiert, wollen uns da aber im Moment wirklich nicht festlegen; vielleicht wird es uns irgendwann einmal live geben, wenn alles stimmt und wir von der Art der Umsetzung auch überzeugt sind - vielleicht aber auch nie...

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euch gehört das Schlusswort:

Birgit: Nicht immer das letzte Wort haben zu müssen, ist auch eine Zier.

Oliver: ... allein, das zu sagen ist absolut paradox und gefällt mir!

Interview: Andreas Ohle