Stendal Blast




DH: Seit wann existieren Stendal Blast? Wie kam es zur Gründung der Band? Stellt Euch zunächst einmal selber kurz vor. Wer macht was bei Euch?

Kaaja Hoyda: Stendal Blast gibt es seit 1989, also jetzt 15 lange Jahre. Die erste Zeit waren wir aber eine reine Proberaumband mit Alkohol, Kiffen und jugendlicher Überheblichkeit. Erst 1995 haben wir mit dem ersten Album „Was verdorrt“ ein echtes Lebenszeichen in die Szene geschickt. Momentan besteht die Band aus mir, Kaaja Hoyda, dem Sänger und Texter, dann aus Bernhard Lottes, dem Gitarristen und Valek Devkar, der Keyboard spielt.

DH: Wo seht Ihr die Wurzeln Eurer Musik? Gibt es bestimmte Bands oder Künstler, die Euch in der Vergangenheit beeinflusst haben?

Kaaja Hoyda: Naja, Ende der Achziger waren da natürlich die Neubauten groß, aber auch der EBM legte richtig los mit Skinny Puppy und Front 242. Und haben aber im Laufe der Jahre viele Bands beeindruckt: von der Sternen bis zu Die tödliche Doris oder Mutter. Jeder hat da so seinen eigenen Geschmack, den wir gut zusammenwürfeln können. Unsere eigentlichen Wurzeln war aber anfangs die Idee, unkontrollierte Musik zu machen, quasi nur zu improvisieren. Für unser erstes Konzert haben wir nie geprobt. Hat Spaß gemacht und war ein großes Fiasko.

DH: Als ich das erste Mal Euren Sound hörte, war ich überrascht von der Kombination deutschsprachiger expressiver Lyrik in Verbindung mit modernen Industrial/Electroklängen und Synthezizern. Wie kam es zu der Idee dies miteinander zu verbinden? Wie würdet Ihr Euren Sound selber beschreiben?

Kaaja Hoyda: Als wir anfingen, professionell Musik zu machen, gab es sowas eigentlich noch nicht. Als wir die erste deutschsprachige Platte machten, galt gerade mal „Die Propheten“ von Das Ich als richtungsweisend, andere deutschrpachige Bands hatten sich kaum etabliert. Elektro und Gitarre passen gut zusammen, jedenfalls nach unserem Geschmack. Und die Expressivität bietet sich an, um unsere Anliegen möglichst klar deutlich zu machen. Unseren Sound würden wir heute als Electronic-Body Rock oder Electronic-Poetry bezeichnen...aber nur, wenn wir das müssten.

DH: Euer neues Album heißt "Schmutzige Hände". Wie lange dauerten die Aufnahmen zu dem Album? Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Eurem Label Schwarzrock / Dark Dimensions / Soul Food?

Kaaja Hoyda: Die gesamte Produktionszeit betrug etwa ein Jahr. Wir versuchen, Qualität durchzuhalten, vermeiden Schnellschüsse und nehmen dafür in Kauf, dass wir zwischendurch etwas in Vergessenheit geraten. Der Kontakt zu Dark Dimensions bestand schon lange, weil ich den Labelchef Frank schon länger kenne. Wir wollten immer zusammenarbeiten – und jetzt machen wir es. Ich denke, Stendal Blast gehen bei ihm in Rente.

DH: Bei vielen Songs wie etwa "My Private Puff" sehe ich sozialkritische Aspekte in Eurer Musik. Hart und brutal stellt ihr die Realität da und haltet den Leuten einen Spiegel vor. Ist dies bewusst gewollt, und was möchtet Ihr damit ausdrücken? Wenn ihr von heute auf morgen etwas in der Welt verändern könntet, was würdet Ihr tun?

Kaaja Hoyda: Natürlich ist das gewollt, sonst würden wir es ja nicht so auffällig und hart ausdrücken.. Bei „My private Puff“ liegt aber auch eine gewisse Schönheit in der Luft; die Schönheit des Kaputten, des Desolaten. Der Song ist eine Momentaufnahme, fast ein Stilleben. Aber sicher ist er irgendwie auch sehr brutal und kann aufs Gemüt schlagen. Wenn wir wirklich einen Tag am Drücker säßen, dann würde ich den sich ausbreitenden Kapitalismus etwas eindämmen. Unsere pluralistische Demokratie bewegt sich in eine Sackgasse, Vernunfts-Kräfte sind schwach geworden.

DH: Eure Songs sind allesamt in deutscher Sprache verfasst. Wo liegen die Gründe dafür? Bietet Euch die deutsche Sprache mehr Ausdrucksmöglichkeit? Könntet Ihr Euch auch vorstellen in Englisch zu singen?

Kaaja Hoyda: Nein, eigentlich nicht. Hin uns wieder gibt es ja englische Fragmente – aber nur, wo sie wirklich etwas ausdrücken, was die deutsche Sprache nicht kann. Ansonsten bin ich so mit der deutschen Sprache verbunden, dass mir die meisten Themen damit am besten gelingen. Und außerdem: Mein Englisch ist wirklich hundsmiserabel.

DH: Nun gibt es ja in dem musikalischen Bereich in dem ihr aktiv seid auch Bands, die sehr klischeehaft sind. Bei Euch habe ich jedoch nicht dieses Gefühl. Eure Texte wirken sehr ehrlich und nicht aufgesetzt. Findet Ihr Euch selbst in Euren Texten wieder?

Kaaja Hoyda: Absolut. Vielleicht gehören wir zu den wenigen Bands, die textlich fast zu 100 Prozent echt sind. Viele Texte heute, auch in der schwarzen Szene, sind ja nun wirklich auch kümmerlich. Es wimmelt von Zwangsreimen, schlechten Phrasen und ewig wiederholten Bildern. Das wollen wir nicht mitmachen.

DH: In dem Song "Im Monsun" klingelt plötzlich das Telefon. Wie kam es zu der Idee für das Lied? War dies spontan während den Aufnahmen passiert und ist dies Eure Art von Humor, so etwas auf einem Album mitzuveröffentlichen. Denkt Ihr nicht, dass ihr manche Leute damit auch irritiert?

Kaaja Hoyda: Garantiert irritiert das viele Leute, was aber nicht schlimm ist. Eine gute Portion Irritation gehörte immer zu unseren Platten, das ist gute Tradition. Und viele stehen ja auch drauf. Nichts ist schlimmer als Platten, die von vorne bis hinten gleich sind. „Im Monsun“ entstand aus der Idee, eine andere Dimension zu bedienen. Mitten in einem tiefgründigen Text zieht der Alltag ein mit einem profanen Thema wie Essen. Das ist ein privater Einblick, den sonst Bands mitten in ihren Liedern nicht geben.

DH: Als Bonustitel finden sich auf dem Album zwei Songs "Mein Babylon" und "In der Erde", die in Zusammenarbeit mit Blutengel aufgenommen worden sind. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit. Habt Ihr generell freundschaftliche Kontakte zu anderen Bands?

Kaaja Hoyda: Eines schönen Tages rief mich Constance von Blutengel an und wollte wissen, ob wir mal was gemeinsam machen sollen. Die Idee fand ich gut, denn wir sind zwei sehr unterschiedliche Bands. Das ließ auf ein besonders interessantes Ergebnis hoffen. Und es hat ja auch geklappt. Die Aufnahmen mit Blutengel haben sehr viel Spaß gemacht, wir haben uns gut verstanden und in unserer Kreativität ergänzt. Natürlich kennen wir noch ein paar andere Bands privat, aber so richtig regelmäßige Kontakte gibt es derzeit nur zu Deine Lakaien, Blutengel und KiEw.

DH: Wie geht ihr grundsätzlich an einen neuen Song heran? Wie funktioniert bei Euch der Prozeß des kreativen Songschreibens? Gibt es bestimmte Dinge, die Euch dazu inspirieren einen neuen Song zu schreiben?

Kaaja Hoyda: Die Beobachtungen im Alltag, die Lektüre aktueller Zeitschriften und natürlich das Fernsehen sind unglaublich große Inspirationsquellen. Das reicht in der Regel aus. Man muss nur mit offenen Augen durch unsere Gesellschaft gehen, da kommen einem die tollsten Ideen. Meistens entsteht allerdings bei uns die Musik zuerst. Aus kleinen Zellen werden im Laufe der Produktion große Gebilde, danach ziehe ich mich zurück und schreibe Texte.

DH: Wird man Stendal Blast bald live erleben können? Ist eine Tournee eventuell in Planung? Und gibt es schon konkrete Pläne dafür, was nach dieses Album sein wird? Arbeitet Ihr schon an neuen Songs?

Kaaja Hoyda: Wir werden 2005 sicher einige Konzerte spielen, aber eine Tour oder so ist nicht geplant. Wir arbeiten momentan schon an den nächsten Titeln. Wir wollen diesmal nicht so lange mit der nächsten Veröffentlichung warten, weil gerade auch die Ideen ganz gut sprudeln.

DH: Was machen Stendal Blasst, wenn sie mal keine Musik machen? Gibt es für Musiker, die wie ihr so in der Öffentlichkeit steht, überhaupt so etwas wie ein Privatleben?

Kaaja Hoyda: Natürlich gibt es das. Bernhard macht gerade seinen Uni-Abschluss, Valek dreht als Regie-Student seinen dritten Film und ich arbeite als Journalist für eine Zeitung. Privat gehen wir eher selten gemeinsam weg, wir verbringen genug Zeit zusammen im Studio. Jeder hat so seinen eigenen Freundeskreis.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alle Gute und viel Erfolg. Euch gehört das Schusswort:

Kaaja Hoyda: Vielen Dank für das Interview, viel Erfolg für Eure Arbeit und bis zum nächsten Album!

Interview: Andreas Ohle