:Spasmodique:



DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euch und Eure musikalische Entwicklung. Seit wann seid Ihr musikalisch aktiv und wie kam es zur Gründung von :spasmodique:?

Rebella: Musikalisch aktiv sind wir, jeder für sich genommen, schon seit unseren Teenager-Zeiten. - Damals allerdings noch in den verschiedensten Bands und ziemlich gleichmäßig (soweit dass zu dritt möglich ist) über ganz Deutschland verteilt.

Das Wort zur eigentlichen "Gründung" von :spasmodique: möchte ich gerne Claudio überlassen, denn eigentlich ist ER der erste "Stein des Anstoßes" - im ganz wörtlichen Sinn:

Claudio: Tatsächlich war auch ich zuvor mit einer Gitarrenband zugange. Irgendwann, im Herbst des Jahres 1998, habe ich beschlossen, mein eigenes musikalisches Manifest zu kreieren, um Kunst zu transportieren. Alles was ich damals mit Performances, Bildern, Videos ausdrücken wollte, konnte durch die Musik von :spasmodique:, vor allem live, begleitend verstärkt werden. Anfangs wollte ich das alles alleine machen, doch dann kam Rebella und wir waren ein Duo.

DH: "karni mata" ist der Titel Eures neuen Albums. Wie kam es zu der Idee für diesen ungewöhnlichen Titel?

Rebella: Dazu muss ich ein wenig ausholen: Karni Mata war eine Frau, sowie zugleich der Name eines indischen Volks-Stammes. Die Person Karni Mata soll, als Inkarnation der Göttin Durga, im 14. Jahrhundert gelebt haben und wurde schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt.

Der Legende nach soll Karni Mata versucht haben, ein verstorbenes Kind wieder zum Leben zu erwecken. Der Totengott Yama, den sie in Trance um die Seele des Kindes bat, behauptete aber, er habe dazu keine Macht mehr, da die Seele des Kindes bereits wiedergeboren sei.

Aus Enttäuschung und Ärger schwor Karni Mata, dass ab jetzt kein Mitglied Ihres Volks-Stammes mehr das Reich Yamas betreten werde. Stattdessen sollten alle verstorbenen Seelen als Ratten wiedergeboren werden. Nach dem Dasein in Rattengestalt würden die Stammesangehörigen als Barden wieder auf die Welt kommen. Seither werden Ratten, sowie fahrende Sänger (zumindest in Rajasthan) verehrt. In Deshnok gibt es sogar einen Tempel der Karni Mata, in dem tausende von Ratten leben und von den Menschen gefüttert und beschützt werden.

Claudio kam eines Tages mit diesen Fakten und einem bereits halb-fertigen Song-Text zu einer Aufnahme-Session und Jürgen und ich waren sofort von diesem Thema angetan. Jürgen hatte auch schon einen Song parat, der von der Stimmung her sehr gut dazu passte und der Rest ergab sich dann sehr schnell und spontan: Claudio und ich bastelten noch ein wenig am Text, beschlossen, eine Art Duett daraus zu machen und nahmen den Song direkt zweistimmig live auf. Jürgen übernahm dann das schlussendliche "fine-tuning" und mixte hier und dort noch neue musikalische Einsprengsel dazu.

Zu diesem Zeitpunkt existierten bereits die meisten Songs des jetzigen "karni mata"-Albums, doch bis dato konnten wir sie noch nicht wirklich in einem Gesamt-Kontext zusammenfassen. Durch diesen Song aber machte das bisherige Sound-Werk - zumindest für UNS - plötzlich auch im Ganzen Sinn: Uns gefiel die Idee, als umherziehende "Barden" (was wir als Musiker ja nun irgendwie sind), sowie als "Ratten", die hier, im europäischen Raum, ja eher als Ungeziefer kategorisiert werden, "verehrt" und damit einfach mal aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachtet zu werden. Outlaws - indische Art, sozusagen.

Und etwas von "Wiedergeburt" hatte, nach der doch sehr langen Produktionszeit, dieses Album sowieso für uns, womit der Album-Titel "karni mata" also ab sofort feststand.

DH: Auf "Karni Mata finden sich viele ungewöhnliche Sounds und Klänge. Wie wichtig ist Euch die Möglichkeit auch Freiheit für Experimente in der Musik zu haben?

Jürgen: Natürlich sehr wichtig, sonst würden wir ja nicht so arbeiten... Ausserdem ist es sehr reizvoll, neue Sounds und ungewöhnliche Klänge auszuprobieren und sie in die Stücke einzubauen. - Wobei es trotzdem wichtig bleibt, den Bezug zur Popmusik nicht völlig aufzugeben: Gesangslinien und spannende Harmonien geben dem Gesamtsound erst das "Gesicht".

DH: Hat sich in den letzten Jahren für Euch etwas in der Art und Weise verändert, wie ihr einen neuen Song aufnehmt? Haben Euch die die revolutionären technischen Entwicklungen bei den Musikinstrumenten inspiriert?

Jürgen: Aber ja, das macht so doch viel mehr Spaß, weil es immense Möglichkeiten eröffnet, allerdings sollte man nicht vergessen, dass es - auch früher schon - sehr genial produzierte Sachen gab. - Dummerweise eben nur in teuren Studios - und das macht den großen Unterschied zu heute aus. "karni mata" ist eigentlich eine Mischung aus beiden welten: aus der handmade-Gesang-Gitarren-Ecke und der Verwendung von Sequencing und Elektronik.

DH: Der Sound des neuen Albums klingt weitaus düsterer und angsteinflössender als bei vorangegangenen Veröffentlichungen. Ist dies auch Ausdruck Eures eigenen Lebensgefühls?

Jürgen: Gute Frage, die habe ich mir auch häufiger beim Entstehen der Songs gestellt... "Lebensgefühl" vielleicht zum Teil, aber in musikalischer Hinsicht auch die Neugier auf den Gang in die Unterwelt und die Dunkelheit. - Das kann beängstigend sein, oder auch einfach nur spannend und das Dunkle hat schließlich seine eigene Schönheit... Dass da ein eigenes Grundgefühl mitschwingt, ist eigentlich ja klar, sonst wäre es letztlich nur ein intellektuelles Konstrukt.

Darüber hinaus sei nur noch so viel gesagt: Auf die eine oder andere Art und Weise hatten alle Bandmitglieder im Zeitraum der Entstehung und Aufnahmen von "karni mata" mit Erfahrungen zu tun, die mit diesen Dingen ziemlich konform gingen...

[bedeutungsvolles Schweigen...]

DH: Besonders gut gefällt mir auf der CD der Song "Last Demand". Wovon handelt das Lied und wie entstand die Idee zu diesem Song?

Rebella: Oh ja, "last demand": Inzwischen sehe ich dieses Stück als einen der ":spasmodique:-Evergreens" an (neben "the peninsula", natürlich!)... Dieser Song "geisterte", inzwischen als ein Gesamtwerk aller bisher und noch heute :spasmodique:-Schaffenden, schon ziemlich lange durch unsere Proberäume, Gigs und Aufnahme-Sessions und, ehrlich gesagt, habe ich mittlerweile keinen Überblick mehr, in wie vielen Versionen ich diesen Text schon gesungen und auf wie viele Arten wir diesen Song schon gespielt haben. - Ohne jetzt den Song in irgendeiner Form damit abzuwerten. - Im Gegenteil:

Eigentlich sollte es auch immer ein reines Live-Stück bleiben, aber ich denke, dass wir es letzlich aus teils nostalgischen und teils auch "abschließen-wollenden" Gründen mit in den "karni-mata"-Kontext aufgenommen haben. Und genau das macht dieses Stück auch aus: Ich möchte mich jetzt gar nicht auf eine bestimmte "Bedeutung" des Songs/Textes festlegen, obwohl es die - für mich ganz persönlich - sicherlich gibt, aber inzwischen habe ich (besonders nach Live-Gigs) von den unterschiedlichsten Menschen die unterschiedlichsten Interpretationen zu hören bekommen, die ALLE irgendwie "stimmen" - stimmen KÖNNEN... Und das ist doch eigentlich das beste, was einem Song passieren kann, finde ich.

...Natürlich geht es irgendwie um Trauer, Verzweiflung, das Loslassen geliebter Menschen/Dinge, - eine letzte Frage - eine letzte Aufforderung... Doch eigentlich beinhaltet dieses Lied auch, eben aus dieser gewissen Verzweiflung heraus, den Willen und den bereits feststehenden Entschluss, verjährtes, zerstörendes, überflüssiges zu ändern, zurückzulassen, nach vorne zu sehen und weiter zu machen. Ein Neues Ende, eben - das jede(r) für sich interpretieren und verwenden möge, wie es ihr/ihm grade genehm.

DH: Du, C.S. Hauser, bist auch mit anderen Projekten neben :spasmodique; musikalisch aktiv. Wie wichtig ist für die Möglichkeit auch abseits von :spasmodique: eigene Wege gehen zu können?

Claudio: Es ist für uns alle mittlerweile sehr essentiell, eigene Wege zu gehen. Mit „Theorem“ habe ich die schweren Aufnahmezeiten von Karni Mata, vor allem psychisch ausgleichen können. Wenn es Differenzen gab, konnte ich abseits an einer natürlich viel totalitäreren Idee arbeiten. Theorem gab mir auch das wieder zurück, was bei :spasmodique: nebensächlicher geworden war: die künstlerische Plattform.

DH: Gibt es für dich überhaupt eine andere Beschäftigung als Musik?

Claudio: Na klar! Ich bin freischaffender Künstler. Doch nicht nur das. Schon in wenigen Stunden werde ich nach Thessaloniki fliegen, um dort als Jugendreise-Gruppenbetreuer zu arbeiten. Wenn ich zurück bin, gibt es wieder Musik; dann werde ich die neue CD von „Theorem“ fertig stellen.

DH: Welche weiteren Pläne gibt es nach der Veröffentlichung von "Karni Mata"? Habt Ihr vor demnächst live einige Konzerte zu spielen - geht ihr eventuell sogar auf Tour?

Jürgen: Ein paar Konzerte sind Richtung Jahresende schon angepeilt... Im Moment steht aber noch nichts wirklich Spruchreifes an. - Schaut einfach gelegentlich auf unserer Website nach.

Rebella: Genau: Auf unsere Website möchte ich auch nochmal explizit hinweisen. Wir arbeiten ja zur Zeit auch noch alle fleissigst an unseren Solo-und Nebenprojekten ("Theorem", "asphodelos" und "Rebella Jane Doe") und da wird im Laufe dieses Jahres garantiert noch einiges passieren. Alle diesbezüglichen Neuigkeiten werden auf jeden Fall auf spasmodique.com/.de bekanntgegeben.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und viel Erfolg mit der neuen CD. Euch gehört das Schlusswort:

KARNI MATA:

BEHIND YOU - To guide you in the ups and downs of life.

BESIDE YOU - To hold your hand and help you, cross easily and successfully the Hurdles of your path.

BEFORE YOU - To check the paths on which her children walk.

- AFTER ALL SHE IS A "MOTHER". -

Interview: Andreas Ohle