Shizuko Overdrive



DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euch und Euren musikalischen Werdegang. Wie kam es zur Entstehung von Shizuko Overdrive? Hat der Bandname eine besondere Bedeutung?

HC: Hinter Shizuko Overdrive steht eine Menge musikalischer Erfahrung, die interessanter Weise von den Musikern durchaus in den verschiedensten Winkeln gewonnen wurde. Gordon hat schon in den frühen 90er in der Berliner Musikszene seine Kreise gezogen und hier auch schon den Weg vom Funk bis in die Avantgarde beschritten. Kevoc bringt eine Menge Erfahrung aus dem britischen Punkbereich mit, ist aber auch generell im gesamten Indie-Bereich fit. Auch Eve hat mit diversen Musikstilen geflirtet, bis sie den Weg zu uns gefunden hat. Ich habe ebenfalls die lange Reise durch die Stile gemacht, und seit Mitte der 90er gehe ich diesen Weg zusammen mit Gordon in Bands wie CAM Industries, Sternstaub, Nightlight und Romeo Discharge, und das Licht wurde durchgehend schlechter ;-)

Eve: Unser Bandname entstand in Anlehnung an ein Buch des Sci-Fi-Autors William Gibson, der als einer der Mitbegründer des Cyberpunk gilt. Prägend für dieses Genre war unter anderem Gibsons Neuromancer-Trilogie, deren letztes Buch „Mona Lisa Overdrive“ heißt. Daher haben wir uns unser Overdrive geborgt. Den Namen „Mona Lisa“ durch den japanischen Mädchennamen Shizuko zu ersetzen war unser Tribut an die japanische Kulturszene, und in gewisser Weise auch ein Ausdruck unserer Affinität zu ausgefallener Optik, die man ja vor allem aus dem japanischen Musikbereich kennt.

DH: Auf Eurer CD kombinert ihr düsteren Gothicrock mit elektronischem Cyberpunk. Stimmt Ihr mir da zu? Wie kommt es, dass ihr genau diese Art von Musik macht? Gibt es da gewisse musikalische Vorprägungen?

Eve: Naja, „elektronischer Cyberpunk“ findet sich vor allem in unserem Musikvideo zu „Messiah“. Rein musikalisch verwenden wir auf dem Album keine Synthesizer oder ähnliches (wenn man von den Remixes absieht). Düsterer Gothicrock trifft es hingegen gut. In unsere Musik fließen die verschiedensten Vorprägungen ein, da jeder von uns seinen eigenen musikalischen Hintergrund hat. All die unterschiedlichen Elemente haben, bewusst oder unbewusst, natürlich auch Einfluss auf die Musik von „Shizuko Overdrive“. Letztendlich lassen wir uns da sehr treiben, wir haben uns vorher eigentlich kein Konzept ausgedacht, wie das Album exakt klingen soll. Auf der nächsten Platte werden einige Dinge vielleicht schon wieder ganz anders klingen, wer weiß? Es muss ja auch spannend bleiben ;-)



DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu der CD Shizuko? Wo fanden die Aufnahmen zu der CD statt und wie kam es zur Zusammenarbeit mit Eurem Label Avasonic?

HC: Wenn man es genau nimmt, schlägt die eigentliche Aufnahmezeit für das Album mit gerade einmal drei Wochen zu Buche, denn vieles von dem Material war bereits aufgezeichnet, bevor sich die Band in ihrer aktuellen Form zusammengefunden hat. Einige Elemente der Musik hatten schon Jahre auf dem Buckel, und warteten nur darauf, von Eve endlich aus den Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Das geschah dann 2005 in meinem StarShipStudio, in dem die Platte dann auch in den folgenden Wochen bis zum Mastering fertig gestellt wurde.

Als Omniamedia beschlossen, ihren Erfolg im Mittelaltersektor, der mit dem Label Curzweyhl realisiert werden konnte, mit dem Label Avasonic für „dunklere“ Musik zu wiederholen, schien uns dies der geeignete Motor für uns zu sein. Das Label ist jung, hat einen exzellenten Vertrieb, und die Gestaltungsfreiräume für die Bands sind groß.

DH: Euer Sound klingt roher als bei manch anderen Gothicbands. Die Gitarren klingen etwas blechener, die Drums klirrender und der Gesang ist gewisser Form markanter. Ist dies ganz bewusst so von Euch gewollt und wenn ja, warum?

HC: Ziel war es, den Sound des Debuts zu homogenisieren. Durch die verschiedenen Aufnahmestadien und –techniken war es nötig, ausgetrampelte Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen. Auch die unorthodoxe Realisation der Instrumentaufnahmen mit vielen Simulationen gerade im Bereich des Schlagzeuges und der Gitarren zwang zu zum Teil unkonventionellen Ansätzen in der Abmischung. Statt den traditionellen Weg zu gehen und das Material in Weichspüler zu baden, wurden Ecken und Kanten bewusst mit herausgearbeitet, das Spröde dem Weichen vorgezogen, insbesondere um die Stimme unserer neu gewonnenen Sängerin in ein markantes Umfeld zu platzieren.

DH: Besonders gut gefällt mir der Messiah. Wie entstand die Idee zu diesem Song und wovon handelt das Lied?

Eve: Die Musik zu „Messiah“ war im Groben schon fertig, als ich begann, mir Gedanken über den Text und den Gesang für diesen Song zu machen. Zuerst hatte ich die Idee für den Refrain, die Gesangslinie war plötzlich in meinem Kopf und ließ mich nicht mehr los. Der Song sollte eine Geschichte aus dem Shadowrun-Universum erzählen (dieses PP-Rollenspiel und die dazugehörigen Bücher sagen dem ein oder anderen sicherlich etwas), und dementsprechend habe ich dann die Lyrics für die Strophen entwickelt. Es geht um ein Elfenkind, welches in der Stadt Monaghan geboren wird, und von seinen Eltern auf den Namen „Messiah“ getauft wird (Elfen fahren auf pathetische Namen ab ;-)

HC: …und haben doofe Ohren…

Eve: Der Junge Messiah wächst in ärmlichen, düsteren Verhältnissen auf, und wird später zu einem der gefürchtetsten und brutalsten Shadowrunner seiner Zeit. Weiterhin erfährt man von der verlorenen Liebe des Runners, und von seinen Fähigkeiten als Technomagier. Die Story ist bewusst offen gehalten, und vielleicht, nein, ganz sicher werde ich sie irgendwann weiter erzählen.

DH: Ihr habt es geschafft ein Debutalbum aufzunehmen, dass einen durchgängigen eigenständigen Stil hat und sehr energiegeladen ist. Woher kommt diese Power? Seid Ihr abseits der Musik auch eher energiegeladene Menschen?

Eve: Oh ja, das sind wir auf jedenfall. Aber vor allem wenn wir zusammen spielen, da entsteht unglaublich viel Energie! Das spürt man vor allen Dingen live wenn wir performen, da kommt immer richtig Stimmung auf!

DH: Hört man sich Eure Songs an, fällt auf, dass ihr keine althergebrachten Klischees bedient, sondern man spürt deutlich eine große Authentizität bei Euch? Lebt Ihr in gewisser Weise auch die Musik, die ihr macht?

Eve: Ich würde es eher andersherum sagen: da die Musik Teil unseres Lebens ist, ist eine gewisse Authentizität einfach unabdingbar, denn sich vollkommen zu verstellen und zu verbiegen ist wohl keines der Dinge, die man beim Musizieren wirklich tun will.

DH: Wie kam es zu der Idee den 80´er Jahre Klassiker Self Control von Laura Braningans neu aufzunehmen? Was haltet ihr persönlich von der Musik der 80er Jahre und könntet Ihr Euch vorstellen noch weitere Songs dieser Zeit zu covern?

HC: Die Musik der 80er ist für uns alle sicherlich ein nicht weg zu diskutierender Faktor. Kaum eine andere Epoche hat unsere Szene so nachhaltig beeinflusst, wie die 80er, und somit kommt wohl kaum ein Gothic in seiner Entwicklung um ein gezieltes Auseinandersetzen mit dieser Zeit herum.

Die 80er haben viele Perlen hervorgebracht, und Laura Brannigan’s Hit „Self Control“ war nicht nur wegen des markanten Gitarrenriffs, sondern insbesondere auch wegen der Kontroverse um den Hintergrund des besungenen „Kontrollverlustes“ schon eine besondere Single. Self Control ist für uns vor allen Dingen ein Live-Song, bei dem bei unseren Konzerten die Säle so richtig anfangen zu beben. In den 80er gibt es noch viele Schätze zu heben, und ein weiterer archäologischer Beutezug ist wohl früher oder später unumgänglich.



DH: Wann kann man Shizuko Overdrive wieder live erleben? Ist eine Tour eventuell in Planung?

Eve: Am 28.04. spielen wir mit Elis und Leaves Eyes in der Matrix in Bochum. Da wird dann auch ein Filmteam dabei sein, das unseren Auftritt auf Tape festhalten wird. Horatio und ich sind außerdem des öfteren als DJ’s unterwegs. Nach dem Gig in der Matrix legen wir beispielsweise mit Bruno (Das Ich) auf.

Wir hoffen in diesem Jahr noch so einige Konzerte und auch ein paar Festivals spielen zu können, konkrete Vereinbarungen gibt es aber noch nicht.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euch gehört das Schlusswort:

Eve: Liebe Grüße an die Leser des Dark Heart Magazin, und auch euch alles Gute weiterhin!

Interview: Andreas Ohle