Schneewittchen



DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euch und Euren musikalischen Werdegang. Wie kam es zur Gründung von Schneewittchen? Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Marianne: Thomas hat mich angerufen, er wollte Musik machen und hat gehört, dass es ein Mädchen gibt, das singen kann. Wir wohnten 10 Min auseinander und er ist sofort vorbei gekommen.

Thomas: Ich wollte Popstar werden und hatte keine Zeit zu verlieren.

Marianne: Ich wollte Opernarien singen – nichts anderes. Er hat mir paar Demotapes vorgespielt, ich mochte die Melodien, hab mich aber geweigert diese kitschigen englischen Texte darauf zu singen.

Thomas: Langsam ! Ich war 16,und Marianne spricht kein englisch. Marianne: Ich hab sie umgedichtet, so ist am zweitem Tag der Song „Ich liebe dich“ entstanden, der jetzt auf dem Album „Keine Schmerzen“ ist. Das war der Anfang.

DH: Denkt man an den Namen Schneewittchen, fällt einem zunächst das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm ein. Was verbindet Euch mit diesem Märchen? Habt Ihr besondere Kindheitserinnerungen an die Märchen der Gebrüder Grimm?

Marianne: Schneewittchen ist ein archetypisches Märchen, reich an Symbolen und Gewalt. In diesem Märchen gibt es vier Mordversuche der Mutter an der Tochter und am Schluss muss sich die böse Stiefmutter in glühenden Pantoffeln auf Schneewittchens Hochzeit zu Tode tanzen. Wir haben uns so benannt, weil wir uns in der Symbolik der Märchen, in deren Schönheit und Grausamkeit zu Hause fühlen.

Thomas: Und weil das Feuleton der FAZ uns früher öfter als ein wildes durch geknalltes Schneewittchen bezeichnet hat.

DH: Euer Album hat den Titel „Keine Schmerzen“. Wie lange dauerten die Aufnahmen zu der CD und wo fanden sie statt? Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Eurem Label Danse Macabre?

Thomas: Ca. ¾ Jahr. Den Hauptteil haben wir in Hannover aufgenommen. Bei Jamtone – Studios, die eigentlich auf Jazz spezialisiert sind. Im Studio nebenan werden Pop – Produktionen für den Osteuropäischen Markt gemacht, der Weg in die Slowakei zu dem Streichorchester war also nicht weit. Die Gitarren wurden jeweils in den Studios der Gitarristen eingespielt.

Marianne: Bevor wir Bruno trafen, haben wir mit anderen Lables verhandelt. Das war sehr ernüchternd. Verkaufzahlen haben gezählt. Qualität oder Inhalt nicht. Keiner wollte ein Risiko mit uns eingehen. Dann hat uns Bruno Live gesehen. Ich mochte Bruno sofort, als ich ihm in die Augen gesehen habe und Bruno hat gesagt, er hat große Lust das Album rauszubringen, so wie wir es abgeliefert haben. Er mochte das, was wir machen. Ihn haben nicht in erster Linie Verkaufzahlen interessiert. Ohne ein Lable, das an dich glaubt, ist es ziemlich sinnlos heutzutage.

DH: Eure Musik verbindet Provokation, Wortwitz und dunkle Ironie zu einer ganz eigenen Form der Poesie. Ist Schneewittchen in gewisser Weise auch eine Aufarbeitung Eurer eigenen Gefühlswelt?

Marianne: Ja. Es wird uns vorgeworfen in der Kunst und Theaterszene, dass wir zu persönlich sind, zu eigen, zu strange. Kunst muss persönlich sein. Alles andere ist Dienstleistung . Das rein Formelle, wie oft in der Konzeptkunst zu finden, interessiert mich nicht.

DH: Marianne, bei Dir fällt vor allem das unglaubliche gesangliche Potential auf – von leisen bis hin zu wirklich schrägen Tönen ist alles bei Dir vertreten. In wieweit war für Dich persönlich dieses Album eine Herausforderung?

Marianne: Schneewittchen ist in aller erster Linie eine Live- und Performanceband. Ein Studioalbum ist für uns jedes Mal eine Herausforderung. Da wir das, was uns live ausmacht auf eine Audioebne reduzieren müssen. Das ist nicht einfach und der Knoten noch lange nicht gelöst. Ich lerne stimmlich bei jeder Studioproduktion dazu. Ich bin aber auch latent unzufrieden mit den Konserven, die es ja nun einmal sind und bleiben.

DH: Hast Du Dir vor den Aufnahmen Gedanken dazu gemacht, wie Du die einzelnen Songs singst oder war hier eine gewisse Form von künstlerischer Freiheit verbunden mit einem genialen Improvisationstalent am Werke?

Marianne: Nein im Improvisieren bin ich kein „Hecht“. Bevor wir die Lieder aufnehmen, spielen wir sie meist schon längere Zeit live. Auf der Bühne wird dann alles ausgetestet, die Lieder entwickeln sich auch oft noch mit dem häufigen Singen . Die Hauptstimme bleibt im Studio dann auch meist ähnlich, wie live. Dafür wird aber sehr viel mit Nebenstimmen experimentiert (und da auch schon mal improvisiert) Manchmal wird ein Stück im Studio auch total umgestellt, das heißt erst einmal auseinander genommen und dann gegebenenfalls völlig neu zusammengesetzt. Es ist ähnlich, wie mit einem Theaterstück, aus dem man einen Film machen will. Die Mittel, die einem zur Verfügung stehen sind andere und die gilt es gut auszunutzen und einzusetzen.

DH: Hört man sich Eure Musik näher an, dann hat man oft auch das Gefühl von Rebellion oder bewusster gesellschaftlicher Abgrenzung. In wieweit deckt sich das mit Eurem eigenen Lebensgefühl? Was denkt Ihr über die Welt in der wir leben?

Marianne: Es ist eine verrückte Welt , unerträglich viel Schmerz und Leid stehen neben berauschender Schönheit. Alles ist sehr komplex und kann von uns (Menschen) absolut nicht überschaut werden. Die Rebellion entsteht von selbst, das „Ich“ steht dieser Welt gegenüber und liegt meistens mit ihr im Kampf. Defizite, Ängste, Verluste...die Ursachen sind vielfältig und unterschiedlich. Die wenigen absoluten Glücksmomente sind die, in denen ich sagen kann: Ich bin eins mit mir und der Welt, dann ist alles rund und jenseits ...die Zeit steht still. Konkret gesagt: Ja mich regt vieles auf, ich finde vieles absolut unerträglich und dagegen muß ich brüllen. Zur Zeit finde ich absolut gruselig, dass wir moralisch (das bezieht sich nicht nur aufs Sexuelle) irgendwie große Schritte zurück machen Richtung Mittelalter. Aber der Riß geht auch durch meine eigene Person...ich steh zerrissen in der Welt, bin absolut inkonsequent, hochmoralisch und verliebt in das Leben . Du kennst ja bestimmt den Spruch: „die Hölle sind immer die anderen“, leider kann ich das oft nicht aufrecht erhalten und dann bin ich meine eigene Hölle.

DH: Auch die musikalische steht der gesanglichen Seite von Schneewittchen in nichts nach und ist schräg und markant – zuweilen theatralisch. Wovon hast Du Dich, Thomas, beim Schreiben der Songs inspirieren lassen? Wie entsteht generell bei Dir ein Song? Gibt es da eine Art Geheimrezept?

Thomas: Es gibt kein Geheimrezept. Es kann ein Film sein, eine Basslinie, ein Satz, den Marianne mir sagt. Die emotionale Seite ist da. Die handwerkliche Seite eine andere. Oft entstehen unsere Lieder nur mit Klavier oder ganz einfachen Drumsounds. Ein gutes Lied muss auch nur akustisch funktionieren – das ist eine John Lennon Weisheit. Dann arbeiten wir an der Performance und am Sound. Manchmal ist das Lied schnell fertig, manchmal muss man lange suchen. „Weiße Wände“ lag z.B. 3 Jahre in der Schublade, bis wir endlich die zündende Idee dazu hatten. Und ich lerne ja immer noch dazu. Aber schon beim Liederschreiben entsteht die Idee, wo es lang soll mit dem Lied. Und mit Marianne hab ich das Glück, dass sie es auf verschiedene Art und Weise interpretieren kann.

DH: Wird es Schneewittchen bald live auf den Bühnen Deutschlands zu sehen geben? Welche weiteren Pläne habt Ihr nach der Veröffentlichung der CD?

Marianne: Wir touren nicht wie andere Bands, wir haben im Monat ein paar Livegigs und bespielen Theaterbühnen genauso wie Clubs. Vielleicht nimmt uns Bruno mal mit, wäre doch sehr spannend.

Thomas: Dieses Jahr wäre es auch toll, wenn wir bei ein paar Festivals wie WGT und Mira Luna dabei ein könnten...mal sehen, das ist noch nicht raus.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euch gehört das Schlusswort:

Marianne: „ So wie Du gelebt hast, so wirst du sterben“ ..Also los: Besiege die Angst! Lebe wild und gefährlich, spar dich nicht auf, sei stark im Lieben und vergiß nicht: nur die Taten zählen !

Danke schön für die guten Fragen, da hat es Spaß gemacht sich drauf einzulassen!

Interview: Andreas Ohle