Rotersand



DH: Stellt Euch zunächst doch einmal selber vor. Wer macht was bei Euch?

Rasc: Krischans Hauptjob ist die Produktion. Er kommt aber immer öfter auch mit einer ersten Grundidee für einen Song rüber, wie z.B. bei Social Distortion. Bei den meisten Songs auf Truth is Fanatic gibt es ein eher klassisches Songwriting von Gun und mir, was dann von Krischan perfektioniert – und zerstört - wird, was uns allen immer wieder grossen Spass macht. Krischan hat als DJ Producer eine grundlegend andere Herangehensweise an Musik als ein klassischer Songschreiber.

DH: Wie entstand Rotersand seiner Zeit? Wie kam, dass Ihr in dieser Besetzung heute zusammen seid?

Gun: Rasc und ich kennen uns ja schon seit einigen Jahren. Seit Anfang der 90er haben wir musikalisch und persönlich durch die Arbeit an “TFS”, “1am” und “Warm” eine solide Basis entwickelt. Die ersten Monate war Rotersand ein Duo, Krischan kam einige Monate später dazu und jetzt sind wir im wahrsten Sinne des Wortes komplett.

Rasc: Das glaubt mir ja ohnehin niemand, aber ich dachte schon sehr lange daran, wie reizvoll es wäre mit diesen beiden Herrn in einer Band zu spielen, die für jeden von uns d i e eigene Band ist. Es gibt für mich keine bessere Kombination von Musikern zum Zwecke der Elektronik. Rotersand ist irgendwie wie eine Bestimmung.

DH: Du, Rasc, bist bei The Fair Sex ja so etwas wie der "Kreativmotor". Wie würdest Du das, was Rotersand machen, abgrenzen von dem, was The Fair Sex heute sind? Ist Rotersand eher eine cluborientierte Band als The Fair Sex?

Rasc: Rotersand ist auf jeden Fall eine cluborientierte Electroband.

DH: Die Reaktionen auf Eure erste Single "Merging Oceans" waren mehr als positiv. Ihr hattet zahlreiche Chartsentrys in den europäischen Hitparaden. Hattet Ihr damals mit einem solch großen Erfolg gerechnet?

Gun: Ich habe definitiv nicht damit gerechnet, mir eilt allerdings auch nicht gerade der Ruf eines beseelten Optimisten voraus ... Nein, im Ernst, natürlich hofft man auf eine positive Resonanz, wenn so ein herzblutgetränktes Werk veröffentlicht wird, aber eine solche Dimension der Akzeptanz läßt sich beim besten Willen nicht kalkulieren.

DH: Euer Debut-Album "Truth Is Fanatic" verbindet viele Musikstile. Welche musikalischen Einflüsse habt Ihr in der Vergangenheit gehabt. Hattet Ihr bestimmte Bands, die Euch besonders beeinflusst haben?

Rasc: Ja, und gerade unsere unterschiedlichen Einflüsse machen es aus. Musiker bewundern immer Musiker. Für Gun sind es, seinen Wurzeln entsprechend, Klassik-, Jazz- und Pop-Größen, für Krischan ist´s Techno, Electro und House und ich bin doch sehr durch die 80iger geprägt. Wir alle teilen die Liebe zu elektronischer Musik aller Ausprägungen.

DH: Erzählt uns noch ein wenig mehr über das Album. Was bedeutet der Titel des Albums? Was wollt Ihr damit ausdrücken?

Gun: Es geht im Prinzip um die offenbar weit verbreitete Meinung, daß Wahrheit eine absolute, nicht verhandelbare Größe sei. Von der Erkenntnis, daß Wahrheit nicht als etwas Vorhandenes vorgefunden oder entdeckt werden kann, sondern immer wieder neu konstruiert und ausgehandelt werden muß, scheinen man angesichts erbitterter (Glaubens-) Konflikte weit entfernt zu sein. Die Beliebigkeit und Fanatismus, mit der Menschen “ihre” Wahrheit instrumentalisieren um Ziele zu erreichen hat ja leider nicht nur eine sehr lange Tradition sondern ist gerade zur Zeit wieder besonders en vogue.

DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu dem Album? Wo fanden die Aufnahmen statt? Gab es eine besondere Anekdote, etwas das während den Aufnahmen passiert ist, das ihr uns erzählen möchtet?

Gun: Das Album ist nicht innerhalb eines abgesteckten Zeitrahmens entstanden. Die Songs “reifen” gewissermaßen über einen längeren Zeitraum, bis sie schließlich produziert werden. Der größte Teil der Aufnahmen, sowie Arrangements und Produktion wurden zwar im legendären Studio 600 in Gelsenkirchen gemacht, Kompositionen und Texte entstehen aber an verschiedenen Orten. Zum einen weil wir verhältnismäßig selten die Möglichkeit haben uns für einen längeren Zeitraum gemeinsam zu einer Songwriting-Klausur ins Studio zurückzuziehen, zum anderen weil Ideen und Visionen ohnehin nicht mit dem Terminkalender planbar sind sondern eher unaufgefordert einfallen.

Rasc. Naja, es gab schon einige Songschreibe und Soundtüftel Klausuren im etwas weniger legendären Dachstudio in Köln.

DH: Wie funktioniert bei Euch der Prozeß des kreativen Songschreibens? Gibt es bestimmte Ereignisse oder Erlebnisse, die dazu führen, dass Ihr eine Idee für einen Song habt?

Gun: In den meisten Fällen beginnt es mit einer musikalische Idee, das kann ein Beat sein oder ein bestimmter Sound ein Riff oder eine Melodie, es sind aber auch schon Songs mit dem Text voran aus einer Unterhaltung heraus geboren worden. Danach folgt immer ein interaktiver Prozeß von Ausprobieren, Verwerfen, Verändern und schließlich Festklopfen. An diesem Prozeß sind wir im Normalfall alle beteiligt.

DH: Wie wichtig sind Euch Eure Texte generell?

Gun: Um es auf den Punkt zu bringen, sehr wichtig. Wir verstehen unsere Texte nicht als schmückendes Beiwerk oder lästige Notwendigkeit um den Begriff “Song” zu rechtfertigen. Sie sind elementarer Bestandteil unserer Musik und unseres Selbstverständnisses. Die Texte von Rotersand transportieren Inhalte, die wir jenseits “düsterer” Klischees und johlender Powerphrasen, und hoffentlich auch ohne Verdacht auf erhobenen Zeigefinger, dem geneigten Hörer zur Verfügung stellen möchten.

DH: Wird es zu Eurem Debut Album auch eine Tour geben? Wie hat man sich einen Auftritt von Rotersand vorzustellen? Habt Ihr für Eure Auftritte ein besonderes Konzept?

Rasc. Ja, eine Tour, steht alles auf www.rotersand.net . Je nach Location und Aufwand, den wir personell und budgetär betreiben können, verändert sich das Konzept. Am liebsten mischen wir den Sound live auf der Bühne zusammen und spielen neue Dinge auf Synths und passend effekteten Gitarren dazu.

DH: Kennt Ihr soetwas wie Nervosität vor einem Auftritt und wie geht ihr mit den letzten Stunden vor einem Konzert um?

Gun: Die beiden anderen Herren scheinbar nicht, ich mache mir mit schöner Regelmäßigkeit vor Aufregung ins Hemd.

Rasc. Natürlich bin auch ich aufgeregt aber eher in einer Art Vorfreude. Ich habe eine unbändige Lust das Zeugs live zu spielen. Und diese geilen Songs von Rotersand sind ja auch für uns noch so neu und weil wir es uns live nicht ganz so leicht machen, entwickeln sich die Songs weiter.

Krischan: Ach, natürlich ist man irgendwie angeregt wenn man in konzert spielt, wie kommt die Musik beim Publikum an, wird getanzt, oder schauen alle auf die Bühne und lassen sich entertainen. Alles weitere sehe ich ziemlich fatalistisch, wenn was schiefgeht merken die leute zumindest, dass es live ist und das ist ja auch nicht selbstverständlich heute.

DH: Welche weiteren Pläne habt Ihr in naher Zukunft mit Rotersand? Wird es eine weitere Single aus dem Album geben?

Rasc: Ja, wird es. Wir denken an Almost Violent.

DH: Was haltet Ihr vom Internet. Wie schätzt Ihr die derzeitige Entwicklung ein. Glaubt Ihr, dass Internet für Musiker eher schädlich ist?

Rasc: Bullshit. Wer das behauptet hat nichts verstanden. Einem Newcomer wie uns kann nichts besseres passieren als im Netz mit der eigenen Musik präsent zu sein. Egal wie.

Gun: Ich nehme an es geht um die Thematik von Tauschbörsen, Downloads und Urheberrecht. Natürlich hat das Internet einen negativen Einfluß auf die Höhe der Umsätze, die mit Musik als Ware gemacht werden. Die per Download uneingeschränkte Verfügbarkeit von Musik läßt außerdem ihren “gefühlten” Wert sinken und damit auch ihr Identifikationspotential. Der innere Reichsparteitag beim ersten Hören der lange zusammengesparten CD mag sich bei eben einer “Selbstgebrannten” nicht so richtig einstellen. Ich denke, daß durch das Internet eine Verlagerung dessen stattfindet, was im Zusammenhang mit einem Act von Bedeutung ist. Es geht aufgrund des “wertmindernden" instant access vermehrt um Dinge wie Konzerte, Devotionalien und Kommunikation, um das Erlebnis von Originärem eben und nicht nur um den Zugang zu einem fertigen Produkt. Als Kommunikationsplattform bietet der kurze Weg übers Internet Möglichkeiten zu schnellem und direktem Austausch mit Fans und Medien, wie sie die traditionellen Strukturen der Tonträgerwirtschaft nicht oder nur für Künstler ab einer bestimmten Umsatzgröße bieten. Unterm Strich öffnet das Internet Künstlern mindestens so viele Türen wie es Tonträgerfirmen herkömmliche Vertriebskanäle verstopft.

Rasc. Sag ich doch. Die Musikindustrie stirbt in ihrer alten Form. Das wird aber nicht das Ende von Musik sein. MP3 eignet sich besser zum Promoten von Musik als jede Idee aus einer Marketingabteilung.

Krischan: Es ist aber doch bemerkenswert wie wenig flexibel und innovationsfreudig sich die Musikindustrie (ja, es gibt auch ausnahmen) bis heute mit alternativen Geschäftsmodellen auf die Möglichkeiten im Zusammenhang mit dem Internet zu reagieren. Mit Stimmungsmache, Lobbyarbeit und Krimnalisierung breiter Bevölkerungsschichten scheint man zwingend an alten Verwertungsformen festhalten zu wollen. Da bin ich einerseits enttäuscht und andererseits gespannt, wie auf die nächsten sich durchsetzenden technischen Sprünge im Bereich Übertragungsbandbreite, Funknetze und die damit absehbaren Änderungen im Mediennutzungsverhalten reagiert wird.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg und alles Gute. Euch gehört das Schlusswort:

Gun: Danke...

Rasc: ...für dieses gute Schlusswort.

Interview: Andreas Ohle