Nobility Of Salt




DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euren musikalischen Werdegang. Seit wann seid Ihr musikalisch tätig? Wie habt Ihr Euch kennengelernt und wie entstand die Idee zu Nobility Of Salt?

Ricardo: Die Idee zu Nobility Of Salt steckt schon in dem Namen selbst, welcher ein Auszug aus einem inzwischen zehn Jahre alten Gedicht von mir ist, das sich mit der Gewalt und ewigen Schönheit des Meeres beschäftigt. Meine Intention war es, eine Mixtur aus Dichtung und zeitloser Komposition zu erschaffen und somit beide Kunstformen, in denen ich mich noch immer bewege, miteinander zu verbinden. Direkt musikalisch tätig bin ich seit ungefähr 14 Jahren und habe am Anfang hauptsächlich Gitarre und Piano, und später auch diverse andere Instrumente, spielen gelernt, davor war hauptsächlich das Schreiben meine Leidenschaft.

Ines: Ich habe schon mit 11 Jahren angefangen Gitarre zu spielen. Zuerst waren es hauptsächlich klassische Gitarrenstücke, welche ich bis heute noch sehr gerne spiele. Mit ca.15 Jahren kamen dann Bass und E-Gitarre hinzu und ich spielte mit Freunden in diversen, immer nur sehr kurzlebigen, kleinen Bands. 1996 wurde ich Mitglied von Nobility Of Salt und habe zuerst die zweite Gitarre gespielt. Jetzt spiele ich seit 1997 Bass, was mir außerordentlich großes Vergnügen bereitet.

Rene: Mein musikalischer Einstieg begann 1996 als Sänger von Nobility Of Salt.

Ricardo: In der Tat geht die Bandgeschichte sehr viel weiter zurück als es unsere Alben zeigen. Da die Texte und die Musik aus meiner Feder stammen, liegen die Ursprünge, welche 1994 ihren Anfang nahmen, natürlich bei mir. In jenem Jahr traf ich Stephan, der dann mein Bassist wurde und lernte, aus der Intention heraus klassische Gitarrenstücke neu zu interpretieren, auch Ines kennen, die inzwischen schon seit zehn Jahren meine feste Freundin ist. Wie schon erwähnt, wurde Ines allerdings erst 1996 ein Mitglied von Nobility Of Salt, wo auch Rene, der mein Cousin und bester Freund seit Kindertagen ist, die Band als Sänger zu unterstützen begann. 1997 haben wir unser erstes Demotape „The Evening Prayer“ aufgenommen und zogen danach im Frühjahr für drei Jahre nach England, wo sich Stephan schon im ersten Jahr in der Anonymität der Londoner Metropole verlor. Von diesem Moment an hat Ines den Bass übernommen und an dieser Formation hat sich vom ersten Gig im Londoner „Hope And Anchor“ bis heute, nach der Veröffentlichung von zwei Alben und einer Ep, nichts geändert.



DH: Bei Nobility Of Salt ist ein sehr eigenständiger musikalischer Stil zu erkennen, der sicher beeinflusst ist von Gothic und Wave. Besonders fällt bei Euch die Verwendung amerikanischer Musikinstrumente wie etwa dem Banjo auf. Wie kommt es, dass Ihr genau die Art von Musik macht? Welche musikalischen Vorlieben habt Ihr selber?

Ricardo: Ich neige dazu sehr abgeschieden von irgendwelchen hypermodernen Dingen zu leben und zu arbeiten. Ich will und kann auch nur das Schreiben was in mir steckt und in der Phase des Arrangierens verwende ich, soweit es noch für mich spielbar ist, die Instrumente, die dem jeweiligen Stück am besten zuträglich sind, und bei einigen auf dem letzten Album fiel die Wahl auf das Banjo. Natürlich liegt es auch an unseren musikalischen Einflüssen, welche über Filmmusik, Jazz, Klassik und Folklore bis zu einigen Bands aus der Gegenwart reichen, welche bei mir im besonderen And Also The Trees, Nick Cave und die seeligen Sixteen Horsepower sind. Zum anderen möchte ich Musik schreiben, die nicht altert, da sie aufgrund ihrer natürlichen Verstaubtheit altmodisch wirkt und auch nicht so richtig einer Zeit zugeordnet werden kann, weil sie von Album zu Album aus anderen Gefilden unserer Vergangenheit zu stammen scheint.

Ines: Auch ich kann mit dem größten Teil der heutigen Musikwelt nicht so viel anfangen. Ich mag sehr gerne die alten Platten von The Cure, And Also The Trees, Element Of Crime und klassische Musik.

Rene: Zu den musikalischen Vorlieben gehören bei mir u. a. auch Sixteen Horsepower, The Black Heart Procession, Calexico und auch David Bowie. DH: Euer neues Album heißt „Those Narrow Streets“ und ist in der Optik ebenfalls ein wenig angelehnt an die USA Anfang des 19. Jahrhunderts. Habt Ihr einen besonderen Bezug zu dieser Zeit oder zu Amerika?

Ricardo: Nun ja, einen besonderen Bezug zu Amerika habe ich nicht. Das kann ich auch nicht, weil ich aus finanziellen Gründen nie die Gelegenheit hatte das Land für mich zu entdecken. Aber wie ich schon erwähnte, habe ich eine Vorliebe für Filmmusik und meine Sprache ist sehr bildlich. Somit ist die Assoziation der staubigen Weite und letalen Bedrohlichkeit ein gelungenes Sinnbild, eine Metapher, welche im übergeordneten Sinne gewisse Seelen- zustände vermitteln soll. Die romantisierte Vorstellung der Zeit des 19. Jahrhunderts in Amerika schließt allerdings schon mit ein, dass dies auch eine Zeit des Aufbruchs und der Entdeckungen war, ein Aufschrei nach einer erträglicheren Existenz, der jene Emigranten aus dem alten Europa in die neue Welt trieb.

DH: Wie lange dauerte die Arbeit an dem neuen Album und wo fanden die Aufnahmen statt? Wie entstand der Kontakt zu Eurem Label SX Distribution?

Ines: Die Arbeit an unserem neuen Album begann im April 2002 und endete im Oktober 2003. Das gesamte Album wurde in den Sunshine Studios in Berlin aufgenommen und gemastert wurde es, wie unsere letzten Platten, von Nepenthes Music, mit denen wir schon seit mehreren Jahren sehr gut zusammenarbeiten. Der Kontakt zu unserem heutigen Label SX Distribution entstand über unser Management Endzeit Productions.



DH: Besonders gut gefällt mir der Song „A Russian Roulette“. Wovon handelt das Lied? Wovon handeln generell Eure Songs und wie entstehen die Ideen zu den einzelnen Liedern? Gibt es da eine Art Geheimrezept?

Ricardo: Beim Schreiben eines Stückes spüre ich sofort, ob es die Fähigkeit besitzt für sich allein zu stehen, oder andersherum genügend Raum besitzt, Lyrik in seine Hermetik mit einzuschließen. „A Russian Roulette“ ist ein Stück, welches eine extrem charismatische Ausstrahlung hat und schon allein durch seine musikalische Präsenz befähigt ist, jene Gefühle von Einsamkeit, Bedrohung und dem verzweifelten Durst nach Erlösung auszudrücken. Ich kann nicht erklären wie diese Ideen zustande kommen, ich weiß nur, dass ich wie viele andere von dem unerklärlichen Phänomen betroffen bin, mich an das Klavier zu setzen oder die Gitarre zu nehmen und plötzlich ist irgendeine Melodie vorhanden, die mir vor Aufregung die Haare zu Berge stehen lässt. Wenn diese Melodie in den nächsten Tagen dann immer noch meinen Kopf beherrscht und ich sie nicht vergessen habe, weiß ich, dass sie es wert ist an ihr weiterzuarbeiten. Speziell meine Lyrik handelt von fundamentalen Themen und beschreibt jene Existenzen, die an den Abgrund des menschlichen Daseins getrieben wurden. Meist schreibe ich über die Verzweiflung, dem Verblühen unseres Lebens und unserem sinnlosen Bemühen das ureigene Selbst vor sich zu verbergen, um uns lieber mit seelischen Grausamkeiten zugrunde zu richten, während wir dem Moment der traurigen Wahrheit näher rücken und jene Wahrhaftigkeit in unergründlicher Tiefe verlieren.

DH: Oft klingen Eure Songs sehr düster und dunkel. Wovon lasst Ihr Euch beim Songschreiben inspirieren? Gibt es bestimmte Erfahrungen oder Erlebnisse, die Ihr auf „Those Narrow Streets“ verarbeitet habt? Was geht in Euch selbst vor, wenn Ihr Eure eigene Musik hört? Ist Nobility Of Salt ein Spiegelbild Eurer Gedanken?

Ricardo: Da ich die Worte schmiede, sind die Songs an erster Stelle eher ein Spiegelbild meiner Gedanken, was allerdings nicht heißt, dass Ines und Rene anders empfinden, sonst würde es die Band sicherlich nicht geben. Wir sind da sehr ähnlich in unseren Ansichten. „Those Narrow Streets“ ist ein wichtiger Abschnitt in unserer Entwicklung als Band und für mich, als Schreiber der Stücke, ist dieses Album eine Art Zeugnis für meine Beobachtungen und Ansichten aus jener Zeit. Meine eigene Musik zu hören ist seltsam, ein Dokument meiner selbst an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit.

Rene: Was die Musik und die Texte betrifft, entspricht dies auch meinen Empfindungen und Gedanken, denn es wäre für mich als Sänger auch schwierig diese Stimmungen und Gefühle in die Songs zu übertragen, wenn ich diese nicht selbst empfinden würde.

Ines: Ich kann mich hier nur dem schon gesagtem anschließen, denn wenn man nicht selber so tief empfinden würde, könnte man nicht voll hinter den Texten und der Musik stehen.



DH: Du, Rene, bist Sänger von Nobility Of Salt. Im Vergleich zu früheren Alben Eurer Band klingt Deine Stimme diesmal noch emotionaler und beeindruckender. Wie kommt dies Zustande? Ist es nicht manchmal schwierig als Sänger seine Emotionen im Gesang mit rüberzubringen?

Rene: Das liegt daran, dass sich die Songstrukturen und somit auch die Gesangslinien im Vergleich zu früheren Alben weiterentwickelt haben und mir als Sänger die Möglichkeit geben, noch intensiver und auch ausgereifter zu klingen. Die Emotionen im Gesang rüberzubringen fällt mir nicht so schwer, da ich mich mit den Songs identifiziere und es für mich wichtig ist mit meinem Gesang den Stücken die entsprechende Tiefe zu geben.

DH: Wie funktioniert bei Euch der Prozess des kreativen Songschreibens? Arbeitet Ihr immer zusammen an den Songs oder habt Ihr da eine Arbeitsteilung?

Ricardo: Wie schon erwähnt, setze ich mich meist an mein Klavier oder an die Gitarre und wenn eine Melodie mich emotional sehr beeindruckt, dann beginne ich auch mit der Textarbeit und arbeite Melodie und Text zusammen aus. Danach arbeite ich an dem Arrangement und nehme das Stück komplett mit Gesang auf. Dann beginnt die Arbeit mit Ines und Rene, was auch noch einige Zeit dauert. Jeder in der Band hat dann die Möglichkeit sich selbst mit ein- zubringen, abgesehen vom Text natürlich. Wenn Ines also etwas an der Basslinie nicht gefällt, die ich geschrieben habe, oder Rene findet etwas an der Gesangslinie nicht so gut, dann können sie auch ihre eigenen Ideen ver- wirklichen. Ausnahmen sind zum Beispiel Songs wie „Those Narrow Streets“, der extrem persönlich ist. Diese Songs singe ich dann selbst, wie auf dem letzten Album zu hören ist.

DH: Tretet Ihr auch live demnächst auf? Habt Ihr für die musikalische Umsetzung etwas Besonderes geplant? Was sind Eure weiteren musikalischen Pläne? Arbeitet Ihr eventuell schon an neuen Songs?

Ricardo: Ich schreibe permanent neue Stücke. Inzwischen sind schon wieder 18 neue Stücke fertig und ein Doppelalbum als nächste Veröffentlichung ist nicht undenkbar, mal sehen...

Ines: Da wir ständig an neuen Stücken arbeiten, setzen wir diese auch schon bei den Gigs vereinzelt ein.

Rene: Wir spielen am 17.06.2005 im Arcanoa in Berlin. Etwas Besonderes ist dort nicht geplant. Wir werden auf jeden Fall auch neue Songs spielen und hoffen, dass die Fans recht zahlreich erscheinen.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

Interview: Andreas Ohle