Myk Jung



DH: Hallo Myk, man kennt Dich ja sonst eher als den harten Industrial Rocker und nun präsentiert Du mit Zenith Is Decline ein sehr sanftes Album voller Balladen. Wie kam es zu der Idee zu diesem Album? Wie lange dauerten die Aufnahmen zu der CD?

M.: Seit einigen Jahren schon schlummern eine Menge Balladen in der Hinterhand; verteilt auf alten Kassettenaufnahmen, verschwunden in den Schubladen, Fragmente von Lyrics auf zerknitterten Blättern usw. Zwischenzeitlich habe ich mich schon oftmals gefragt, wann (und auch ob) ich endlich einmal einige von ihnen für die Außenwelt, wie auch für mich selbst, festhalten würde. Vor drei Jahren ungefähr beschlich mich plötzlich die Befürchtung, dass ich diese Idee überhaupt nie mehr angehen würde – und so griff ich auf das Angebot meines Produzenten Ramon Creutzer zurück, der mir schon vor einigen Jahren anempfohlen hatte, die „balladeske Seite“ mal auszuleben. Im Mai 2003 haben wir mit der Aufnahme des ersten Songs begonnen. Und dann blieb die Arbeit an diesem Album eine längere Zeit liegen, bis wir uns im Dezember 2004 endlich zur endgültigen Produktion entschlossen haben. Die dauerte dann, unterbrochen durch andere Projekte, ein ganzes Jahr.

DH: Ist „Zenith Is Decline“ viel eher Myk Jung als man ihn von The Fair Sex her kennt? Enthält dieses Album viel persönliches von Dir selber?

M. Seltsamerweise habe ich mir eine ähnliche Frage vor zig-Jahren schon einmal gestellt, als wir mitten in der Produktion eines „Testify“-Albums waren, und ich nebenher gerade wieder einen traurigen Schmachtfetzen auf der Akustikgitarre geschrieben hatte: Ist diese Ruhige, Verletzliche eigentlich mein wahres Ich? Und nicht der Schreihals, der ich am Nachmittag noch im Studio gewesen war? Eigentlich ist es merkwürdig, dass man sich solche Fragen stellt: liegt es doch auf der Hand, dass beide Seiten Aspekte von einem selbst sind. Jedoch: gerade, was die letzten Monate betrifft – ist diese wie sentimentale Seite auf jeden Fall diejenige, die meiner jetzigen persönlichen Verfassung am ehesten entspricht. Momentan bin ich genervt von Krach und angezerrten Bassdrums. Und, natürlich: die lyrics auf „Zenith“ erzählen viel Persönliches. Geschichten von der sehnenden Seele, sozusagen.

DH: Betrachtet man die Entwicklung in der Szene in den letzten Jahren wurde der Sound allgemein viel härter und es gab wenig sanfte Töne – wohl auch eine Reaktion auf soziale und politische Entwicklungen. Ist Dein Album in gewisser Weise auch eine Art Gegenkonzept – ein sanfter Weg zu sich selbst zurückzufinden in diesen hektischen Zeiten?

M.: Nach einigen Jahren der Härte mag es sein, dass die Szene sich an einem Wendepunkt befindet: dass der Aggression der letzten Jahre nun das eher Introvertierte, Melancholische, Ruhige und das In-sich-Hineingehen entgegengesetzt wird. Vielleicht ersteht eine Grundstimmung, die eine solche Abkehr vom Noise mitträgt... Für mich persönlich war es hingegen vor allem eine ganz persönliche Entwicklung. Ich wollte mich zurückziehen, mit ein paar befreundeten Musikern, um wie im stillen Kämmerlein an Songs zu arbeiten, die den ewigen kleinen Zerrton in meinem linken Ohr nicht weiter steigern würden.

DH: Auf Zenith Is Decline sind vornehmlich akustische Instrumente wie Piano, Streicher und Akustikgitarren zu hören. War es in gewisser Weise reizvoll ein Album aufzunehmen, dass wieder „handgemacht“ ist?

M.: Auf jeden Fall war es das! Nun plötzlich nicht mit EBM-Sequenzen zu hantieren, sondern mit bröckeligen Pianos und fragilen Akustikgitarren, war eine reine Wohltat für mich! Obendrein galt es für mich einer Gefahr zu entrinnen: Es ist durchaus so, dass man nach Jahren ähnlicher Projekte, die sich alle um Elektronik und Noise, Sequenzen und Poltergitarren drehten, Gefahr laufen mag, das Arrangieren, das Songerstellen zu standardisieren, nach althergebrachten, eingefahrenen Schemen umzusetzen. Das wollte ich unbedingt zu diesem Zeitpunkt durchbrechen, und es ist genauso gelungen wie ich es mir erwünscht hatte. Und das Schlimmste ist: ich könnte es sofort noch einmal tun! Vielleicht brauche ich tatsächlich noch ein zweites Balladen-Album, um dann wieder mit Freude und Elan an härtere/ brachialere Themen heran zu gehen. Das Leben verläuft ja gemeinhin in ewigen Schleifen, und auf die Stille folgt dann vielleicht wieder der Wunsch nach Krach...



DH: Besonders gut gefällt mir der Song „The Ancient Moon“. Wovon handelt das Lied und wie entstand die Idee zu diesem Song? Wovon handeln im allgemeinen deine Songs? Gibt es bestimmte Erlebnisse oder Ereignisse, die Dich zum Schreiben eines Songs inspirieren?

M.: Übrigens: die Songtexte sind auf der mykjung-page einsehbar. Die lyrics von „The Ancient Moon“ allerdings mögen immer noch nicht vollkommen nachvollziehbar sein, selbst wenn man den Wortlaut vor sich hat. Hier spielt der Text viel mit Unausgesprochenem, es bleibt einiges im Vagen, im poetischen „Nebel“ sozusagen, der sich für die jeweiligen Interpretationen auf ganz unterschiedliche Art und Weise lüften kann... Aber eigentlich ist es ein Lovesong, in dem es allerdings vornehmlich um die Zerbrechlichkeit der Liebe geht, und dass sie fortwährend großer Anfechtungen und „Gefahren“ ausgesetzt ist: sie mag dahin welken, sie verfehlt unter Umständen ihre Ziele, sie muss immer wieder neu erkämpft werden, und diese Kämpfe können erfolgreich sein – aber auch in Enttäuschungen enden... Vor allem aber schwebte mir dieses Bild vor Augen: zwei Liebende sind gar nicht enttäuscht voneinander, sondern leiden unter der Bitternis, dass der Fluss der Zeit sie auseinander treiben wird.

DH: Was vor allem bei Zenith Is Decline auffällt ist die bisweilen tieftraurige Stimmung der Lieder? Bis Du selbst oft traurig?

M.: Da ist in der Tat was dran. Was ich vor einigen Jahren nicht kannte: zuweilen fällt mich eine ziemlich heftige Traurigkeit an; ich befürchte, das reicht manchmal schon in die Gebiete der Depression hinein. Allein stapfen wir durch’s Leben. So sehr wir auch nach Lebendigkeit lechzen, die Nähe anderer suchen, alte Freunde wiedertreffen oder neue kennenlernen, so sehr wir auch feiern oder uns um diese Welt bemühen: am Ende des Tages sind wir allein. Diese Traurigkeit zu thematisieren, sie damit vielleicht sogar bannen zu können, war glaube ich ein heimliches Anliegen von mir. Dass man in der Traurigkeit der Songs gleichsam baden kann, von mir aus weinen wird, um sich solchermaßen vielleicht ein wenig von ihr zu befreien, oder sie zumindest zu verringern. Das war mein Wunsch.

DH: Könntest Du Dir vorstellen ein weiteres Soloalbum eines Tages aufzunehmen? Oder handelt es sich bei Zenith Is Decline um eine einmalige Sache?

M.: Es gibt gute Gründe, sich jetzt wieder anderen Projekten zuzuwenden – wie zum Beispiel, natürlich, The Fair Sex. Obendrein tue ich das genau zu diesem Zeitpunkt, denn das nächste „Schuldt“-Album soll demnächst beendet werden. Dennoch fühle ich momentan, wie gerade schon angedeutet, einen großen Drang, gar nicht so lange mit einem zweiten Balladen-Album zu warten, sondern im Gegenteil noch in diesem Jahr damit zu beginnen. Es schwirrt eine Idee im Kopf: „Songs For A Movie Soundtrack“ – also eher filmisch angehauchte Stücke umzusetzen; und Song-Kandidaten für dieses Unterfangen stehen auch schon bereit. Darüberhinaus ist mir folgendes aufgefallen: von den wirklich uralten Songs, solchen, die ich schon als Fünfzehn/Sechzehnjähriger schrieb, ist eigentlich nur „Toys Of Time“ übriggeblieben im „Zenith“-Tracklisting. Eine Reise zurück in meine eigene Vergangenheit, eine Sammlung von uralten „Myk-Klasskern“ – würde mich sehr reizen. Wahrscheinlich werde ich Monate brauchen, um mich zu entscheiden, welches Projekt in nächster Zukunft das dringlichere sein wird.

DH: Wird es Myk Jung auch Solo demnächst live zu sehen geben? Ist eventuell eine Tour schon in Planung?

M.: Es gibt Planungen für Livepräsentationen, die ich aber frühestens im Herbst/Winter umsetzen werde. Im Grau der kalten Jahreszeit, wenn es am besten passen wird...

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Dir alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Deine letzten Worte:

M.: Seid aufgewühlt, seid traurig, lasst euch gehen, findet zu euch selbst. Aber seid nicht (lebens-)müde! (könnte genauso gut an mich selbst gerichtet sein, der Aufruf.)

Interview: Andreas Ohle