Lotus Feed


DH: Wie kam es zur Gründung von Lotus Feed? Seit wann existiert Lotus Feed und welche Musiker sind derzeit involviert?

Marten: … Gegründet wurde die Band bereits 1995. Im Verlauf der Jahre gab es allerdings immer wieder Besetzungswechsel, die eine konsequente Fortführung unserer Arbeit erheblich beeinträchtigt haben. Seit Mitte 2009 gibt es nun endlich eine Konstellation, die letztlich zu dem geführt haben, was LOTUS FEED heute darstellen! Das aktuelle Line-Up besteht aus Alex Landsberg (Gesang), Marten Bijkerk (Gitarre), Lars Tellmann (Bass) und David Sielaff (Schlagzeug) – sozusagen die klassische „Rockband-Besetzung“. Es gab zwischenzeitlich Erwägungen, einen zweiten Gitarristen mit an Bord zu holen, um auch live einige Dinge realisieren zu können, die wir im Studio aufgenommen hatten. Das haben wir aber wieder verworfen, weil wir festgestellt haben, dass unsere Songs in den „Bühnenversionen“ sehr gut funktionieren und unser Live-Sound zudem auch unkomplizierter zu händeln ist...

Alex: Wir alle waren und sind sehr inspiriert von der Musik rund um die 80er Jahre, wobei Bands wie Killing Joke oder The Chameleons auch heute noch beweisen, dass sie keine „Relikte“ ihrer Zeit sind. Einmal entflammt, bestand bei uns allen das Bedürfnis sich selbst musikalisch auszudrücken. Das Hauptanliegen bestand dabei gar nicht darin, von allen beachtet im Rampenlicht zu stehen... wir wollten und wollen unsere Leidenschaft ausleben.

David: Zur Gründung der Band kam es aufgrund eines Inserates unseres damaligen Gitaristen, der Mitstreiter für eine Band in Richtung Cure und Sisters suchte. Bis dahin hab’ ich nur in so einer Art Jugend-Workshop-Band in einem Jugendzentrum getrommelt. Der Schwerpunkt lag da allerdings eher auf Bierchen trinken, weil ein musikalischer Konsens mit so einem wild zusammengewürfelten Haufen nur schlecht zu finden war. Und als Dorf-Quotengrufti schien mir das Inserat als gute Chance mich musikalisch mehr austoben zu können.

DH: Wie kam es zu der Idee nach nunmehr 15 Jahren Euer erstes Album "A Different Place" zu veröffentlichen? Hattet Ihr in den Jahren zuvor schon daran gedacht dies mal zu machen?

Marten: Die Idee zum Album existierte natürlich schon lange, wie wohl bei jeder Band! Aber wegen des ständig rotierenden Besetzungskarussells war es sehr schwierig, ein stringentes Konzept zu verfolgen. Nun erst fühlen alle in der Band, dass wir eine geschlossene Einheit sind. Das Material war vorhanden, aber noch ungeschliffen und teilweise skizzenhaft. Ein in sich schlüssiges Album zu schreiben, kann halt schon mal eine schwere Geburt werden... Inzwischen haben wir aber unsere Arbeitsabläufe optimiert und das Songwriting geht uns nun sehr locker von der Hand... Die Tatsache, dass man als Band heutzutage nicht mehr zwangsläufig in teure Studios gehen muss, um qualitativ gute Aufnahmen machen zu können, ist ein weiterer Aspekt, der am Ende dann doch zu einer relativ schnellen Umsetzung der Absicht führte, das Album aufzunehmen. Vor 15 Jahren wäre eine Produktion in dieser Form für eine Newcomerband mit geringem Budget einfach nicht möglich gewesen...

Alex: Es war nicht unsere Absicht, so lange zu warten, und wir standen schon oft in den Startlöchern. Unser erstes Demo-Tape mit 6 Songs aus der Gründungsphase war 1996 im Kasten mit dem Charme eines Achtspur-Homerecordings. Doch wie das Leben halt so spielt, gab es diverse Wechsel in der Besetzung und so haben wir dann auch immer wieder von vorn angefangen, was sich aus heutiger Sicht ja dann auch bezahlt gemacht hat.

Lars: Kann nicht wirklich viel zu den Versäumnissen der Vergangenheit sagen. Aber in der aktuellen Konstellation ziehen alle am selben Strang in die selbe Richtung und das hat die Geschichte ins Rollen gebracht.

DH: Eure Musik erinnert zweifelsohne an den guten alten Wave & Post Punk der 80er Jahre. Wie kommt es dass Ihr genau diese Art von Musik macht? Habt Ihr selber musikalische Vorlieben in dieser Richtung?

Marten: Da können wir gut mit leben! So ganz unbeabsichtigt ist das natürlich auch nicht... Jeder von uns hat seine musikalische Sozialisation mehr oder weniger in den 80ern gehabt. Marten, der auch gerne mal als „Alterspräsident der Band“ tituliert wurde, ist mit dem 70er-Punk und dem wenig später folgenden New Wave und Postpunk aufgewachsen. Angefangen hat es für ihn mit den Stranglers, Sex Pistols, Damned etc. und wenig später kamen dann eben Joy Division, Killing Joke oder The Chameleons etc. hinzu. David und Alex, die zwar etwas jünger sind, haben prinzipiell eine ähnlich musikalische Grundlage, bei der aber der ursprüngliche traditionelle Punk wohl eher eine untergeordnete Rolle gespielt hat und Lars schließlich als „Nesthäkchen“ der Band steht eben ziemlich auf die „historischen“ Wegbereiter für die Szene wie eben The Damned oder die Stranglers. Er steht sozusagen für die 2. Generation in der Wave-Gemeinde...

Alex: Ja wir sind inspiriert von dieser Zeit und dies bekommt man dann auch unweigerlich zu hören. Ich denke in der Hinsicht aber nicht wirklich in eine Richtung, vor kurzem lagen noch diverse Alben von Pink Floyd oder Minus The Bear auf meinem Plattenteller. Mir ist es wichtig, dass wir innerhalb der Band immer wieder zueinander finden und ein Bewusstsein dafür entwickelt haben zu hören wann etwas gut klingt in unsern Ohren.

Lars: Kam tatsächlich Ende der 80er, Anfang der 90er ans bewusste Musik hören. Damals noch alte kopierte Maiden-, Accept- und Def Leppard-Tapes von einem Arbeitskollegen meines Vaters. Da wollte ich dann mit Musik machen anfangen... Dann kamen die Hosen und Ärzte, Cure und Sisters (lief früher alles noch regelmäßig im Radio – das waren noch Zeiten...) – kurze Zeit später Außreißer wie U96 (war halt was neues, aber sehr schnell langweilig). Dann wieder die Rückbesinnung auf Gitarrenmusik. Und seitdem habe ich meinen Horizont stetig erweitert... Heute höre ich am liebsten die ganzen Klassiker aus den späten 70er- und den 80er-Jahren. Und wir machen uns gegenseitig stetig auf neue interessante Perlen dieser Zeit aufmerksam. Wäre schon prinzipiell ganz gerne 10 Jahre früher geboren worden, aber – für die Jungspunde unter uns – es gibt ja durchaus Veranstalter (Thyssens, Tino, Den etc.), die gerne mal die eine oder andere Band nach Deutschland holen, die ich damals verpasst habe ...was sehr lobenswert ist, weil eigentlich ein stetes Verlustgeschäft für die Veranstalter und somit purer Idealismus. Danke dafür!!!


DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu Eurer CD "A Different Place" und wo fanden Sie statt? Habt Ihr während der Aufnahmen eine besondere Atmosphäre gespürt?

Marten: Insgesamt haben wir an „A different place“ etwa 5 Monate gearbeitet. Die Aufnahmen zum Album fanden an verschiedenen Orten statt. Drums und Gesang wurden jeweils in unserem Proberaum aufgenommen, Gitarren und Bass sowie einige Keyboardgeschichten bei Marten und Lars zu Hause. Wir haben mit der Vorproduktion im Sommer 2010 angefangen. Die Drums wurden dann im September aufgenommen – der Rest folgte schließlich im Herbst. Den Endmix hatten wir zum Jahresende 2010 unter Dach und Fach. Mann kann wohl sagen, dass es so etwas wie eine spezielle Atmosphäre während der Aufnahmen gab, denn wir alle spürten zu diesem Zeitpunkt, wie gut alles zusammenpasst. Wir waren sehr entspannt – jeder von uns war und ist 100-prozentig von dem überzeugt, was wir da in Angriff genommen hatten! Vor allem für Alex und David als Gründungmitglieder der Band hat das Album eine besonders große Bedeutung, da sich nun die Früchte von fast 15 Jahren Bandgeschichte endlich ernten lassen können...

Alex: Es war großartig zu hören, wie die einzelnen Puzzelteile auf einmal ein großes Ganzes ergaben.

Lars: Bin kein großer Recording Fan, aber glücklich, wenn hinterher ein gutes Album bei rauskommt... ;-). Schön ist, alles bei der Produktion in eigener Hand zu haben. Wobei es sicherlich mal interessant zu hören gewesen wäre, wie andere Personen das Stück gemixt hätten. Ich liebe den Entstehungsprozess eines Songs ... also von der Idee bis zum fertigen Stück im Proberaum. Damit wiederum könnte ich Tage und Wochen verbringen... Und – ich habe zum ersten Mal was aufgenommen, hinter dem ich 100 % stehe. Und ich bin mit dem Kopf schon völlig im neuen Album... Startschuss ca. August 2011...

David: Kein Recording-Freund. Da kann ich mich Lars anschließen. Für mich bedeutet das Aufnehmen eher Stress. Vor allem, wenn man sich mit unserem Recording-Chef Marten einem durchaus strengen und perfektionistischen Produzenten gegenüber sieht. „Spiel’s noch mal, David“, „Na, das geht aber noch besser“. Aber wenn ich nun das Ergebnis betrachte, hat sich die Schinderei gelohnt. Auf der Bühne fühle ich mich dennoch wohler...

DH: Euer Album wirkt sehr abwechslungsreich. Gab es bestimmte Kriterien für die Songauswahl? Konntet Ihr aus einer größeren Anzahl Liedern wählen?

Marten: In einer 15-jährigen Bandgeschichte kannst du natürlich schon mal auf einen gewissen Fundus zurückgreifen... Material war jede Menge vorhanden. Wir haben uns für einen repräsentativen Querschnitt entschieden. Daher sind auf dem Album sowohl Nummern aus der Gründungszeit als auch neue Songs vertreten. Die älteren Stücke haben wir in den vergangenen anderthalb Jahren überarbeitet. So hat sich am Ende ein Album herauskristallisiert, das abwechslungsreich und dennoch sehr homogen ist...

Lars: hier geht’s vor allem auch um die gesamte Stimmigkeit im Song. Wenn alles passt, also Arrangement, Harmonien, Rhythmus-Fraktion und letztendlich der Gesang – kommt er ‚ne Runde weiter. Und wenn er sich dann noch live umsetzen lässt, ist er mit dabei.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song "King For Two Days". Wovon handelt das Lied? Wovon handeln generell Eure Songs? Gibt es bestimmte Themen, über die Ihr auf diesem Album singen wolltet?

Marten: Vielen Dank! Wir mögen die Nummer auch alle sehr gerne... Sie scheint tatsächlich so etwas wie die „Hitsingle“ des Albums zu sein... Das allgemeine Feedback auf „King...“ ist ziemlich positiv. Die Leute stehen drauf... Gerade live funktioniert der Song immer sehr gut!

Alex: Es gibt kein bestimmtes Thema oder einen Grundgedanken. Die Songs reflektieren menschliche Beziehungen oder auch die persönliche Entwicklung. Ich weiß meistens vorher gar nicht genau, über was ich singen will, dies wird mir erst beim Schreiben der Songs wirklich deutlich.

Lars: Auf der nächsten Platte hätte ich ja gerne auch mal was politisches... ;-) aber letztendlich haben wir in der Band 'ne relativ strikte Arbeitsteilung. Also liegen die Texte definitiv bei Alex ... was ich auch prinzipiell sehr gut finde. Ich lasse mir auch nur sehr ungern Noten mit der Aufforderung – „Spiel mal!“ vorlegen...

DH: Wie seht Ihr derzeit die aktuelle Entwicklung der alternativen Rockszene in Deutschland. Denkt Ihr, dass der Wave &Post Punk demnächst ein Comeback erleben wird?

Marten: Hat er das nicht bereits? Im Grunde hat vieles davon ja schon vor einigen Jahren mit Bands wie Interpol oder Bloc Party begonnen. Heute haben diese Bands natürlich einen anderen kommerziellen Level erreicht, dennoch haben sie seinerzeit dazu beigetragen, dass heute wieder sehr viele Bands in diesem Bereich unterwegs sind. Vor allem im Underground tut sich da schon seit geraumer Zeit so einiges. Und die jüngeren Semester in der Szene entdecken scheinbar heute die Heroen von einst. Da wiederholt sich eben doch so einiges in der Geschichte. Das kann man wohl für so ziemlich alle Musikrichtungen gleichermaßen feststellen... Hoffen wir, dass das noch ein Weilchen so bleibt.

Lars: Ich möchte uns aber in keiner Weise mit Interpol oder Bloc Party verglichen wissen!

Lars: Und damit das so bleibt – Support your scene! Geht verdammt noch mal zu Konzerten, kauft Musik, wenn möglich, und/oder veranstaltet selber was. Nicht nur motzen, sondern selber was tun. (Hat der Calmund mal so schön auf Kölsch gesagt... komme aber jetzt grad nich darauf.)

David: Abgesehen von einigen größeren erfolgreichen Bands, wird das wohl immer eine relativ kleine Szene bleiben. Vielleicht auch besser so. Masse muss sich auch nicht immer gleich positiv auf die Qualitiät auswirken. Wenn ein Genre als „neuer Markt“ entdeckt wird, wird er schnell auch mit viel kurzlebigem Müll überflutet. Und dann ist es auch schon wieder vorbei.


DH: Nun seid Ihr bereits relativ viel live unterwegs gewesen. Plant Ihr zu dem Album demnächst eine größere Deutschland-Tour, werdet Ihr auch auf Festivals zu sehen sein?

Marten: Inzwischen kümmert sich das Booking vom Static-Magazin um uns. Bisher haben wir das immer selbst geregelt. Die Agenturen haben natürlich ganz andere Kontaktmöglichkeiten und so denken wir, dass wir demnächst wohl auch häufiger live zu sehen sein werden. Eine ausgedehntere Tour wird es aber vermutlich leider nicht geben können, da wir alle unseren normalen Day-Jobs nachgehen müssen. Ob es in diesem Jahr noch was mit Festivals wird, können wir leider nicht sagen. Das hängt wohl maßgeblich vom Verhandlungsgeschick unseres Bookings ab.

DH: Was ist das für ein Gefühl für Euch die neuen Songs live auf der Bühne zu präsentieren? Seid Ihr schon gespannt wie die neuen Songs beim Publikum ankommen werden?

Marten: Neue Songs zu spielen ist immer eine zweischneidige Angelegenheit. Für uns als Band ist das zunächst immer mal ein Testlauf. Natürlich spielt man seine Songs voller Überzeugung, aber manchmal macht man auch die Erfahrung, dass das Publikum Nummern liebt, bei denen man selbst nicht unbedingt damit gerechnet hat und umgekehrt gibt es Songs, die man selbst besonders gerne spielt, die aber nicht unbedingt allgemeine Begeisterung hervorrufen. Solche Nummern sortieren wir dann eben aus... Was aber nicht heißt, dass wir uns da nach Hörerwünschen richten! Am Ende müssen jedoch alle zufrieden sein. Als Musiker brauchst du ja schließlich dein Feedback – sonst kannst du ja auch gleich im Proberaum bleiben...

Lars: Außerdem ist live spielen immer eine Weiterentwicklung und in der Regel bekommen auch alte Songs auf der Bühne noch mal einen etwas anderen Ablauf oder Anstrich.

Alex: Auf jeden Fall. Wenn es uns gelingt, dass das Publikum und die Band mit der Erinnerung an einen schönen Abend nach Hause gehen, haben wir doch schon gewonnen, oder?

David: Ein großer Teil des Albums ist ja auch gar nicht mehr so neu. Im Prinzip haben wir die Titel alle bereits vor dem Release schon live performt. Das liegt natürlich daran, dass einige Songs bereits 15 Jahre alt sind. Ich glaube aber, dass uns das mit dem nächsten Album ähnlich gehen wird. Schließlich gefallen uns die Nummern ja. Dann wollen wir mit denen auch nicht so lange hinterm Berg halten.

DH: Welche weiteren Pläne gibt es für Lotus Feed nach diesem Album? Wollt Ihr ein weiteres Album machen?

Marten: Wir arbeiten bereits am Nachfolger zu „A different place“. Ein Teil des Materials ist schon geschrieben. Es gibt auch schon jede Menge Ideen für weitere Songs. Zwar existiert noch keinen konkreter Zeitplan, aber wir sind zuversichtlich, dass wir im Spätsommer mit den Aufnahmen zum nächsten Album beginnen werden. Daneben werden wir hoffentlich noch häufig live zu sehen sein. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir unsere Live-Präsenz auch endlich auf's Ausland ausdehnen.

Alex: Yes!!

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euer Schlusswort:

Wir möchten uns bei alle bedanken, die uns in der letzten Zeit so enthusiastisch supportet haben. Sowohl die Leute aus dem privaten Umfeld als auch die DJs und Veranstalter, die uns mit einer Menge Promotion unterstützen; insbesondere: Ralf & Thomas Thyssen, Tino Friedemann und die Leute aus dem Rhein-/Main-Gebiet, Ian P. Christ und Philipp Strobel (Remembrance Daze) in Berlin, BB und Den.Y und natürlich unser Label af-music!

Interview: Andreas Ohle