Javelin/Löwy



DH: Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Euch?

Harald: Ion und ich hatten bereits 1995 auf dem Chandeen Album The Waking Dream miteinander gearbeitet. Eines Abends saßen wir schließlich zusammen und redeten über unsere Projekte. Ion las mir seine Kurzgeschichte zu Broken Surface vor und ich hatte dann die spontane Idee, das zu vertonen. Naja, das ist jetzt mehr als 4 Jahre her.

DH: Welche musikalischen Ziele wollt Ihr mit diesem Projekt verfolgen?

ION: Bei diesem Album war der Weg das Ziel. Wir arbeiteten sehr stark auf das Projekt selbst bezogen, ohne (bewusste) stilistische Ausrichtungen; darin liegt wohl auch der Grund, wieso dieses Album so schillernd und vielgesichtig ist.

DH:In wieweit nutzt Euch die Tätigkeit in anderen Bands bei der Umsetzung Eures Projekts? Fliessen Erfahrungen anderer Projekte mit ein?

ION: Da ich bereits mit vielen Partnern zusammengearbeitet habe, fließen diese Erfahrungen natürlich als eine Art Fonds grundsätzlich in jede weitere Kollaboration mit ein. Musikalisch knüpft Broken Surface ein bisschen an das an, woran ich einige Jahre zuvor mit dem Saxophonisten Philipp Stein (Oberursel) gewerkelt hatte.

Harald: Erfahrungen fließen selbstverständlich immer mit hinein. Reizvoll ist aber der unbekannte, der neue Weg, den jedes Projekt mit sich bringt.

DH:Wie kam es zu der Idee der Coverversion von Generator 7/8 von Moskwa TV?

Harald: Nachdem das Album Broken Surface fertig gestellt war, hatte ich die Idee, eine Singleauskopplung zu machen. Ion's alter Hit Generator 7/8 bot sich da quasi von selbst an, da das Album als durchgehendes Konzept gedacht ist und wir keinen Song rausreißen wollten. So setzten wir uns also dran und gaben Generator ein neues Gewand.

DH: Wie gestalteten sich die Aufnahmen zu der Maxi Generator 7/8 und zum kommenden Album Broken Surface?

ION: Dieses Projekt war für mich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich: Die meisten der Songs haben wir gemeinsam komponiert, und zwar in direkter Interaktion, d.h. ohne einen musikalischen Ansatz, den der eine oder andere bereits in Petto gehabt hätte; ferner stammen - zumindest die bewussten - Ansätze zu den Songs ausschließlich aus meiner Short Story gleichen Titels, die ich in thematisch und atmosphärisch unterschiedliche Bestandteile zerlegte, sodass diese uns die jeweiligen Wege zu den z.T. sehr unterschiedlichen Tracks weisen konnten. Harald hat sich dabei immer wieder als ungemein flexibel, begeisterungsfähig und einfallsreich erwiesen. Ab und an hatte ich aber auch schwer gegenzuhalten. Leider mussten die Aufnahmen mehrfach für längere Zeit unterbrochen werden, aus unterschiedlichen Gründen, doch das ist dem Album wahrscheinlich sogar zugute gekommen, da es noch mehr reifen konnte. Die Arbeiten an meinem Song 'Falling back' sowie an der LP-Version der Single schließlich setzten den - teilchenbeschleunigten - Schlusspunkt.

DH: Broken Surface, das im Februar erscheint, soll ein Konzeptalbum werden. Welches Konzept steckt dahinter?

ION: Alles begann mit einer Schwarzweiß-Fotoserie meines Freundes Michael Souvignier über NYC, für deren Präsentation im Rahmen einer Ausstellung er mich bat, einen literarischen Text zu verfassen. Diese Mischung aus expressiver, essayartiger Prosa, seltsam abgedrehtem, zum Teil ironisierendem Reisebericht und fragmentarischer Introversion wurde Jahre später Grundlage für unsere musikalische Arbeit. Das Außergewöhnliche an diesem Konzept ist also dies: Die Musik entstand - in zweierlei Hinsicht - NACH dem Text, das Album erzählt EINE in sich geschlossene Geschichte, und das aufwändige Booklet wiederum enthält einige jener exzellenten Bilder, ohne die Broken Surface', zumindest in dieser Form, nie entstanden wäre. Ich denke, ein aufmerksamer Rezipient wird die starke Verwobenheit des Textes mit der Musik intuitiv erspüren, ehe er sie - bei Bedarf - intellektuell nachvollzieht.

DH: Wird es auch Liveauftritte von Javelin/Löwy geben - eventuell eine Tour?

ION: Anlässlich des Album Releases findet am 7.3 in der Romanfabrik/Frankfurt eine mehrmediale Performance statt, die die Elemente Lesung, Musikpräsentation mit teilweise. Live-Gesang und Instrumentalimprovisation sowie Visualität, bestehend aus bewegten & statischen Video-Bildern, die wiederum Teile der ursprünglichen Fotoserie enthalten, miteinander verschränkt. Dieses Konzept würde ich gern in der einen oder anderen Großstadt' realisieren; es wird sich zeigen, ob das Interesse an solch einer hybriden Veranstaltungsform, die in ihrer nicht gewollten, vielmehr organischen Verbindung verschiedener Medien wirklich etwas NEUES ist, gerade bei potentiell eher ängstlichen Veranstaltern Akzeptanz findet ...

DH: Wie gestaltet sich bei Euch der Prozess des Songwriting? Seid Ihr durch Eure Zusammenarbeit in der Lage, kreativer zu sein als sonst?

ION: Ausgangspunkt für das Komponieren waren, wie bereits gesagt, die einzelnen Textfragmente sowie die diesen - in meinen Augen - entsprechenden musikalischen Atmosphären & Strukturen, wie ich sie zu Beginn der Arbeiten zu beschreiben versuchte, auch bzgl. der Tracks, die Harald allein layoutete. In ihm fand ich einen - wie's so schön heißt - kongenialen Partner. Die Stimmung beim grundsätzlichen Schaffen der Tracks war fast ausschließlich sehr kreativ und offen für den Wahn des anderen. Wir produzierten keinerlei Ausschuss; was wir auch begonnen, es führte zu einem Ergebnis. Meinungsverschiedenheiten traten fast ausschließlich beim Gewichten einzelner musikalischer Elemente auf, also im direkten Vorfeld der Endproduktion, sowie beim Mixen. Aber letztlich konnten wir uns immer einigen. Manchmal war Harald für mein Empfinden zu früh mit dem Gesang zufrieden...

DH: Wie entstehen die Songtexte? Gibt es bestimmte Begebenheiten, Erfahrungen, die dort mit einfließen?

ION: Die Texte sind - bis auf wenige Ausnahmen - die genaue Übersetzung der ursprünglich in Deutsch geschriebenen Prosa. Ich war zweimal in NYC - mit großem zeitlichen Abstand; das hatte selbstverständlich wesentlichen Einfluss, atmosphärisch wie situativ. So habe ich z.B. das, was 'Last Instructions' schildert, im Kern genauso erlebt.

DH: Welche weiteren Pläne habt Ihr mit diesem Projekt? Wird es weitere Veröffentlichungen geben?

ION: Unglaublich wäre, Broken Surface einmal zu verfilmen, in einem Stil, der irgendwo zwischen Permanent Vacation', 'Subway Riders' und 'Pi' läge ... aber ich bin nun mal kein Filmemacher. Ansonsten versuchen, diejenigen zu erreichen, die auf etwas Derartiges schon lange warten. Für ein von der Struktur her verwandtes Projekt liegen bereits einige Texte vor, doch Harald und ich sind in diesem Jahr bereits ziemlich beschäftigt - an verschiedenen Baustellen. Mal sehen, ob sich ab 2004 eine Gelegenheit ergibt, dort weiterzumachen, wo Broken Surface endet ... Momentan würde ich es vornehmlich begrüßen, wenn meine Solo-LP endlich das Licht der Öffentlichkeit erblickte, und sei es auch dämmerig ...

DH: Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Euer Schlusswort:

ION: Wer in Broken Surface 'mal reinhören' möchte, der sollte sich Zeit dafür nehmen; das Teil kommt langsam, aber unaufhaltsam :)

Interview: Andreas Ohle