Inner Exit




DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euren musikalischen Werdegang. Seit wann seid ihr musikalisch tätig? Wie habt Ihr Euch kennengelernt und wie entstand die Idee zu Inner Exit?

INNER EXIT: Wir haben uns 1999 kennen gelernt, als wir gemeinsam ein experimentelles Musiktheater gründeten, in dem wir nach unseren Vorstellungen Themen, welche uns interessierten, umsetzen wollten. Im gleichen Jahr begannen wir für das Bensheimer Badesee-Festival mit dem Projekt „in progress“ unseren musikalischen Beitrag zu entwickeln. Das Ergebnis zeigte uns, dass sowohl die Musik für unsere Themen neue Wege aufzeigte, als auch die Zusammenarbeit in der Musik sich für uns als wichtig herausstellte. So wurde „Inner Exit“ gegründet.

DH: Bei Inner Exit ist ein sehr eigenständiger musikalischer Stil zu erkennen, der viele verschiedene Musikstile wie Folk, Klassik, Pop und Rock miteinander kombiniert. Wie kommt es, dass ihr genau diese Art von Musik macht? Welche musikalischen Vorlieben habt Ihr selber?

Vesna: Wir haben eine sehr eigene Vorstellung von Musik. So wie unsere Musik klingt, entspricht sie unserer Vorstellung von Musik, sie klingt richtig für uns, weil wir genau diese Musik machen wollen. Es werden keine Bestandteile aus anderen Stilen übernommen, die Musik entsteht aus uns selbst, so wie wir denken, dass sie zu klingen hat. Und so wie wir etwas ausdrücken wollen, lassen wir unsere Musik entstehen. Wir haben unterschiedliche musikalische Entwicklungen und schaffen dadurch etwas Neues. So kann es sein, dass es manchmal mit der einen oder anderen Musikrichtung in Verbindung gebracht wird, was aber nicht unsere Absicht ist.

Zu meinen musikalischen Favoriten gehören z.B. Björk, Arvo Pärt, Schostakovich und Lamb aus Manchester. Mir gefallen natürlich auch noch andere Musiker und Komponisten, aber mit den genannten habe ich mich am meisten beschäftigt.



Herbert: Die Eigenständigkeit unserer Musik interessiert uns als Qualitätskriterium oder als Unterscheidungsmerkmal zunächst einmal nicht. Dass sie entstehen mag aus der Art, wie wir unsere Musik machen, hat Vesna gerade gesagt. Sie ergibt sich aber wahrscheinlich auch daraus, dass jeder von uns seine eigene musikalische Erfahrung gemacht hat. Auf der anderen Seite sind aber im Konkreten gemeinsame Vorlieben vorhanden und die Vorstellungen über Musik (und darüber hinaus) sind auf eine gemeinsame, gleich gesinnte Basis gegründet, was natürlich Diskussionen nicht ausschließt. Michi macht z.B. viel Jazz, Vesnas Wurzeln liegen in der kroatischen Musik und ich beschäftige mich nach wie vor mit der klassischen Musik. Vielleicht ergibt gerade aus dieser Kombination, dass wir nichts Langweiliges machen.

Meine musikalischen Vorlieben? An erster Stelle steht natürlich Inner Exit (Scherz muss sein!?) Man könnte sagen, die meisten Einflüsse kommen aus der klassischen Musik, auch etwas aufgrund meiner Ausbildung. vor allem schätze ich Bach, Beethoven, Bruckner, Mahler und die Komponisten des 20. Jhd. wie Bartok, Schönberg, Ligeti, Steve Reich und John Cage. Die Beschäftigung mit anderer Musik kam erst viel später z.B. mit Rockmusik, Was ich aber auch sehr schätze, sind Hardcorebands, die die Aggressivität ihrer Texte in musikalische Espressivität umsetzen. Für mein Gefühl kann das mindestens so wenig schön aber richtig sein, wie „threnos“ von Penderecki. Da ist laut und brutal schon ein legitimes Ausdrucksmittel.

Michael: Genau diese Art von Musik machen wir, weil wir alle einen unterschiedlichen Hintergrund von Musikerfahrung haben, die hier in der Musik zusammen kommt. Wir hören und mögen zum Teil auch unterschiedliche Musik, machen außerhalb von Inner Exit auch unterschiedliche Musik. Alles zusammen genommen lässt diese sehr eigenständige Musik entstehen. Meine musikalischen Vorlieben sind hauptsächlich Jazz, ich bin aber auch für alles Andere offen, wenn es um gute Musik geht. Außer Jazz höre ich z.B. gerne elektronische Musik wie Börk, Lamb.

DH: Bei der Musik von Inner Exit fällt besonders die innere Ruhe auf, die Eure Songs ausstrahlen. Leise Töne und wunderschöne Melodien von Melancholie stehen im Vordergrund. Wie kommt diese Melancholie zustande? Seid Ihr melancholische Menschen?

Vesna: Melancholie ist für mich ein besonderer Zustand, in dem man sensibel auf innere und äußere Begebenheiten reagiert und ausdrücken kann. Meiner Meinung nach muss man aber nicht immer melancholisch sein, um etwas ausdrücken zu wollen und zu können. Man kann auch aus einem glücklichen und leichten Zustand heraus eine besondere Stimmung zum Ausdruck bringen. Es ist die Intensität der Wahrnehmung, die Intensität der Gefühle, ganz gleich welcher Art, ob glücklich oder melancholisch. Daraus ergeben sich die Ausdrucksmöglichkeiten durch die hat man den Zugang zu seinem Ausdruck. Das ist nicht mit Melancholie verbunden, es ist losgelöst davon. Ich würde mich nicht als einen melancholischen Menschen bezeichnen. Und so finde ich unsere Musik nicht unbedingt melancholisch.

Herbert: Ruhe in der Musik bedeutet nicht langsam und schwer, auch nicht zwangsläufig melancholisch. Wenn unsere Musik Ruhe ausstrahlt, strahlt sie Ruhe aus und keine Melancholie und keine Langsamkeit. Ich bin auch nicht immer glücklich darüber, wenn unsere Musik in die melancholische Richtung beschrieben wird, denn sie beinhaltet wesentlich mehr. Bin ich melancholisch? Mir gefällt viel zu wenig von dem, was um mich herum geschieht, als dass ich mich in schwermütiger Selbstvergessenheit zurückziehen könnte. Und in Traurigkeit glücklich sein: ab und zu natürlich schon, aber nur ab und zu. Ich glaube glücklich sein und Musik machen ist zu schön um eine melancholische Grundhaltung zu haben.

Michael: Wir arbeiten nicht darauf hin, melancholische Melodien zu entwickeln. Manchmal gibt der Text auch eine Stimmung vor, bevor es die Melodie überhaupt dazu gibt. Bin ich melancholisch? Es gibt bei mir zeitweise Phasen, die melancholisch sind, trotzdem würde ich mich nicht als Melancholiker bezeichnen.



DH: Euer neues Album heißt "thoughts". Wie lange dauerte die Arbeit an dem neuen Album und wo fanden die Aufnahmen statt?

Vesna: Die Arbeiten zu diesem Album dauerten ca. eineinhalb Jahre, wurden im eigenen Studio vorproduziert. Gemixt und gemastert wurde die CD in Sandhausen im Klangstudio Leyh.

Herbert: Wir haben das Klangstudio Leyh in Sandhausen gewählt, weil es bekannt ist für einen sensiblen Umgang mit komplexer Musik und das war für uns ein sehr wichtiges Kriterium.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song "Beyond The Sun". Wovon handelt das Lied? Wovon handeln generell Eure Songs und wie entstehen die Ideen zu den einzelnen Liedern? Gibt es da eine Art Geheimrezept?

Vesna: Bei dem Lied „Beyond the sun“ beschreibt der Text einen besonderen Ort, mit eigener Ferne und Atmosphäre, mit eigenen Klangbildern. Und daraus ergibt sich die Sehnsucht nach diesem Ort. Bei dem Remix von „Beyond the Sun“ kommt das Gefühl der Ferne und der Sehnsucht noch stärker zum Ausdruck. Unsere Lieder erzählen oft von Momentaufnahmen, es sind Stimmungen auch von Erlebtem, die beschrieben werden. Einige Texte haben auch ganz konkrete Themen oder erzählen Geschichten über ein ganz bestimmtes Thema. In „Lullaby“ wird z.B. von einer konkreten Erfahrung erzählt. Es wird die Situation geschildert ohne den autobiographischen Bezug, aber aufgrund eigener Erfahrung. Für die Entstehung der Lieder gibt es kein Rezept. Es gibt unterschiedliche Wege wie die Lieder entstehen können. Entweder schreibe ich den Text, stelle ihn dann Herbert vor. Oder ich habe eine mehr oder minder fertige Idee von der Melodie und dem Klang und wir arbeiten dann gemeinsam weiter daran. Oder es ist zuerst die Musik da. Dann geht der Text auf die Musik ein. Unsere Lieder geben Gedanken wieder über eine bestimmte Situation, über Augenblicke, Gedanken. „thoughts“ sind Gedankenströme, Seelenansichten. Gedanken entstehen aus dem Inneren heraus, formen sich zu visionären Klangwelten. Sie entfalten sich zu einer musikalischen Reise für die Sinne.

Michael: Ich schaue, was an Musik schon da ist, ich mache nicht die kompositorische Arbeit, sondern versuche Ideen aus dem bereits Vorhandenem zu entwickeln, z. B. was Herbert mit den Sounds mitbringt oder auch schlagzeugmäßig vom Charakter gut zu dem Lied und zu dem Text passt. Es entsteht vieles zusammen mit Vesna und Herbert. Ein Geheimrezept gibt es natürlich nicht.

DH: Wovon lasst Ihr Euch beim Songschreiben inspirieren. Gibt es bestimmte Erfahrungen oder Erlebnisse, die ihr auf "thoughts" verarbeitet habt? Was geht in Euch selbst vor, wenn Ihr Eure eigene Musik hört?

Vesna: Inspirationen gibt es auf unterschiedliche Weise, z.B. das was man wahrnimmt, empfindet, oder wenn man mit der Sprache spielt, wie z.B. Worte klingen, wie sie zusammengefügt werden, was sich Neues daraus ergibt. Ich kann niemals den Text getrennt von der Musik betrachten. Es ergibt sich. Es ist immer nur ein Teil im Text und ein Teil in der Musik vorhanden, was den Ausdruck betrifft. So wird es komplexer aber es wird auch leichter, weil es mehr Möglichkeiten bietet. Es findet praktisch ein Gespräch zwischen Worten vom Text und der Stimme als Musik statt, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, sich auszudrücken. Man achtet so auch mehr auf den Klang eines Wortes, es besteht nicht mehr nur die Bedeutung eines Wortes. Unsere eigene Musik höre ich nicht so oft. Wenn ich sie höre bin ich nicht richtig entspannt, das liegt vielleicht daran, weil es unsere Musik ist und ich sie anders höre. Ich finde sie aber schön und es ist genau die Musik die ich machen möchte und ich finde es gut und wichtig, dass ich sie mache.



Herbert: Ich höre unsere Musik am häufigsten im Auto. Dabei kann ich in Ruhe überlegen, wie es musikalisch weitergehen soll. Die musikalische Identität von Inner Exit zu behalten ohne sich zu wiederholen und Entwicklungsansätze für neue Lieder in den alten zu finden und zu erkennen ist anstrengend und ziemlich aufregend.

Michael: Es gibt Erfahrungen und Erlebnisse, die bearbeitet werden. Höre ich die Musik von Inner Exit, versuche ich sie auf unterschiedliche Weise zu hören, einmal sie einfach wirken lassen, mich auch fallen zu lassen und zu genießen. Manchmal höre ich sie auch analytisch, z.B. was ich noch anders machen könnte, wie es weiterentwickelt werden könnte. Auf der Bühne spüre ich es intensiver, da kann mich die Musik selbst richtig mitnehmen, z.B. bei dem Lied „Lullaby“. Es gibt keine Abstumpfung, sondern das Gefühl, das Empfinden bleibt unvermindert intensiv. Spiele ich selbst, ist es noch intensiver als beim Zuhören.

DH: Wie funktioniert bei Euch der Prozeß des kreativen Songschreibens? Arbeitet Ihr immer zusammen an den Songs oder habt Ihr da eine Arbeitsteilung?

Herbert: Für die Entstehung der Lieder gibt es keine Regel. Es gibt unterschiedliche Wege wie die Lieder entstehen können, wie es schon gesagt wurde. Wichtig ist für uns beim Entstehen der Lieder die richtigen Mittel einzusetzen und dazu gehören auf jeden Fall die elektronischen Mittel. Die Elektronik gibt keine stilistische Bindung, sondern ist ein Instrument wie die Geige, mit seinen eigenen Möglichkeiten in Sound und Spieltechnik.

DH: Du, Vesna, bist Sängerin von Inner Exit. Wie gehst Du an einen neuen Song konzeptionell heran. Wie findest Du den passenden Gesang für den Song. Singst Du lieber live oder im Studio. Ist es besondere Herausforderung für Dich live zu singen?

Vesna: Auch hier gilt wieder: für die Entstehung der Lieder gibt es kein Rezept. Für mich ist das Wichtigste den Zugang zum Lied als Ganzes zu finden. Ausdruck, Dynamik, die Art wie ich es singe ergeben sich, kommen dazu. Fehlt der Zugang als Ganzes, singe ich schlecht. Ich singe lieber live, die Intensität und die Konzentration ist eine andere als im Studio. Man teilt die Musik unmittelbar mit Zuhörern und man spürt sofort, dass das, was man ausdrückt, wird unmittelbar empfangen. Man hat mehr Raum für Spontaneität, man kann Akzente setzen, mit der Atmosphäre mitgehen, reagieren. Im Studio ist die Arbeit anders, man wiederholt oft und kann so lange wiederholen, bis es den Vorstellungen, wie das Lied zu sein hat, entspricht, bis es technisch und künstlerisch „fehlerfrei“ ist (die Aufgabe und der Sinn der Studioarbeit). Das kann manchmal auch eine sehr schwierige und anstrengende Arbeit sein.



DH: Tretet Ihr auch demnächst live auf? Was sind Eure weiteren musikalischen Pläne? Arbeitet Ihr eventuell schon an neuen Songs?

Vesna: Ich freue mich auf neue Lieder. Durch die Beteiligung befreundeter Musiker wird es eine neue Klangfärbung geben. Da es mit viel Arbeit und Zeit verbunden ist, wird es im Sommer wenig Live-Auftritte geben.

Herbert: Wir werden in diesem Jahr sicher noch einige Liveauftritte haben, die wir rechtzeitig auf unserer homepage ankündigen werden. Der Schwerpunkt liegt aber darauf neue Lieder für die nächste CD vorzubereiten (einen Teil haben wir schon) damit sie im Herbst erscheinen kann. Hinzu kommt, wie Vesna schon bemerkte, die Zusammenarbeit mit befreundeten Musikern, wie z.B. Werner Köhler (Fagott), Solveig Moske (Viola) und Jonathan Flaksmann (Violoncello), was aufregend und inspirierend zugleich ist.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg und alles Gute. Euch gehört das Schlusswort:

INNER EXIT: Wir wünschen uns, dass die Menschen unsere Musik hören, ohne zu überlegen wo sie uns einordnen sollen. Sie sollen sich an unserer Musik erfreuen. Wir machen auch keine Zielgruppen-Musik. Unsere Musik ist die Sprache des Gefühls und wer diese Sprache versteht und spricht, wird auch unsere Musik mögen.

„Keine Macht dem Schubladendenken“ nicht in der Musik und anderswo auch nicht.

Interview: Andreas Ohle