Autoaggressor & Implosion




Eine gemeinsame Interviewanfrage an zwei Projekte gleichzeitig ist so ungewöhnlich, daß beide Projekte diese Herausforderung gemeinsam gerne annehmen. Im folgenden getrennt die Antworten sowohl von AUTOAGGRESSOR als auch von IMPLOSION.

DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euren musikalischen Werdegang. Seit wann seid ihr musikalisch tätig? Wie habt Ihr Euch kennengelernt und wie entstand die Idee zu Implosion?

AUTOAGGRESSOR: Das Projekt AUTOAGGRESSOR existiert seit 1995. Die Konsumentenhaltung, wie sie in Bezug auf Musik heutzutage aufgrund der Konditionierung durch Massenmedien leider üblich ist, vermochte unsere Bedürfnisse einfach nicht zu befriedigen. Zu dieser Zeit hatten wir einzeln angefangen, mit Klängen zu experimentieren und aufgrund der vorhandenen Übereinstimmungen sind wir nach nächtelangen Gesprächen zu dem Entschluß gelangt, gemeinsam ein Projekt zu starten. Ein Nachhall aus dieser Zeit stellt die wortgewordene Manifestierung von autoaggressor dar, die unsere Vorstellungen von damals zusammenfaßt und auch heute noch genauso ihre Gültigkeit für uns besitzt.

IMPLOSION: IMPLOSION ist 1998 aus AUTOAGGRESSOR hervorgegangen. Im Gegensatz zu den extrem krachigen Klängen von AUTOAGGRESSOR war IMPLOSION damals viel ruhiger ausgerichtet, gleichzeitig aber auch strukturisierter. Diese mehr nach Innen ausgerichteten Klänge und die unterschiedliche Besetzung waren für das Finden eines eigenen Projektnamens ausschlaggebend.

AUTOAGGRESSOR: Man kann jedoch das heutige Schaffen beider Projekte nicht mehr auf die damals gültige Klassifizierung beschränken.

DH: Eure Musik würde ich beschreiben als eine Mischung aus Noise und Industrial. Stimmt Ihr mir da zu? Wieso macht Ihr genau diese Art von Musik?

IMPLOSION: Beschreibungen sind immer sehr individuell. Jede Person nimmt Musik anders wahr und findet auch andere Bezeichnungen. Mitunter ist das, was dabei an Gegensätzlichkeit herauskommen kann, schon sehr amüsant. Die offizielle Bezeichnung für die Klänge von IMPLOSION lautet „Geräusche für das Unterbewußtsein" oder auch „sinister ambient noisewave". Das Wort „Noise" ist insofern enthalten, jedoch erschöpft es sich nicht darin. Industrial ist wie auch Noise sowohl ein derartiger Überbegriff, daß man sehr vieles darunter subsumieren kann, als auch eine historisch in ihren Ursprüngen einengende Bezeichnung für die Musik der mittleren bis späten Siebziger Jahre von Gruppen wie Throbbing Gristle, NON oder SPK.

AUTOAGGRESSOR: Wenn man schon Worte wählen möchte, so würden wir gerade die neueren Werke von Autoaggressor eher als okkulten Klang und Brachialkrach beschreiben. Das hat auch den Vorteil, daß diese Begriffe nicht bereits vorbesetzt sind.

DH: Euer Debut heißt "Realitätsverlust". Wie lange dauerte Arbeit an der E.P. und wo fanden die Aufnahmen statt? Seid Ihr derzeit auf der Suche nach einem Label für Eure Musik?

IMPLOSION: „Realitätsverlust" ist nicht das Debüt von IMPLOSION. Es sind verschiedene Demos erschienen, zwei Alben sind von Kleinvertrieben veröffentlicht worden: 1998 die Kassette „Kreißsaal" bei Gorkon Recordings und 2004 eben jenes Minialbum als limitierte CDR mit T-Shirt und exklusiver Räuchermischung beim Versand der Kleinen Hexe ( www.versandderkleinenhexe.de ). 1999/2000 ist das Split-Album „Split/ter" auf Tape und danach auf CDR erschienen, mittlerweile jedoch vergriffen. Gleiches gilt für das 2000er Werk „Zeppelin", von welchem jedoch eine Neuauflage in derzeit nicht absehbarer Zukunft nicht ausgeschlossen wird. Im gleichen Jahr ist auch das Minialbum „Mementum" veröffentlicht worden. 2001 ist die „Evolutionsmaschine" auf CDR erschienen, von welchem die Tanzhits „subStanz" und „Cthulhu Night" stammen. Ein Überblick über das bisherige Schaffen verschafft das Album „subStanz", eine Zusammenstellung der bisherigen Werke bis 2002. Die Arbeit an dem Minialbum „Realitätsverlust" ging über rund zwei Jahre, wurde jedoch von größeren Pausen unterbrochen. Zuerst sind vier Stücke als Maxi-CDR erschienen, zu Samhain 2004 kam dann die limitierte Fassung mit zwei weiteren Stücken sowie dem T-Shirt und der dem Titel des Albums entsprechenden Räuchermischung dazu.

AUTOAGGRESSOR: Ein Label für die Klangkunst von AUTOAGGRESSOR oder IMPLOSION wäre zwar willkommen, doch kommerzielle Gedanken treten hinter dem kreativen Ausdruck zurück. Es wäre leicht, massentaugliche Musik zu produzieren, doch dies ist für uns nicht interessant. Sollte sich irgendwann mal ein Label finden lassen, daß sich auf die Projekte einläßt, wären wir mit Sicherheit offen für Gespräche. Allerdings steht und fällt unser Schaffen nicht mit einem Label.

DH: Besonders gut gefällt mir der Titelsong "Realitätsverlust". Wovon handelt das Lied? Wovon handeln generell Eure Songs und wie entstehen die Ideen zu den einzelnen Liedern? Gibt es da eine Art Geheimrezept?

IMPLOSION: Die auf dem Minialbum enthaltene Fassung („Grad 3") ist die dritte Variante von „Realitätsverlust". Die erste ist als eines der monatlich kostenlos zum Herunterladen auf der Seite www.in-implosion.de bereitgestellten Stücke des Monats in mp3-Format erschienen. „Grad 2" ist auf der Compilation „Extreme Jenseitshymnen 4" enthalten. Es ist mehr als eine Bedeutung in dem Song enthalten, wie es für Stücke von IMPLOSION typisch ist. Den einfachsten Zugang dürfte man über die Sprachfetzen erhalten, die der Matrix-Welt entlehnt sind. „Realitätsverlust" thematisiert insofern das Erwachen des Eingeweihten aus seiner gewohnten Realität - ohne sich dabei auf die Matrix-Welt zu beschränken. Gleichzeitig ist durch die Färbung der Sprachfetzen in Frage gestellt, ob nicht das „Erwachen" selbst den Verlust der wirklichen Realität darstellt. Welche Deutung und auch Sichtweise letztlich ausschlaggebend ist, bleibt den Hörern persönlich vorbehalten.

AUTOAGGRESSOR: Es gibt weder ein Geheimrezept noch eine umfassende Schublade für die Werke von beiden Projekten. Ideen entstehen im Laufe eines kreativen Prozesses und werden umgesetzt, wenn die Zeit reif ist. Mal hat das eine Projekt, mal das andere Vorrang. Der innere Schrei entscheidet.

DH: Implosion ist - wie im Bandinfo zu lesen ist - jedoch nur ein Nebenprojekt von autoaggressor. Erzählt uns etwas zu autoaggressor. Seit wann gibt autoaggressor und wie unterscheidet sich dieses Projekt von Implosion?

AUTOAGGRESSOR: Erst einmal heißt es AUTOAGGRESSOR, um die Schreibweise richtig zu stellen.

IMPLOSION: IMPLOSION ist ein selbständiges Nebenprojekt, welches sich durch personelle Unterschiede und damit dadurch bedingt auch Arbeitsweisen von AUTOAGGRESSOR unterscheidet.

DH: Bei Implosion wie auch auch bei autoaggressor fällt auf, dass Euer Sound sehr fremdartig und verzehrt klingt. Gibt es eine besondere Aufnahmetechnik mit der ihr arbeitet?

IMPLOSION: Es gibt mehr als eine Aufnahmetechnik bei beiden Projekten. Letztlich beeinflussen sich beide Projekte stets gegenseitig. Die üblichen Arbeitsformen sind es jedenfalls nicht. Gängige Pfade sind nicht die Wege von IMPLOSION oder AUTOAGGRESSOR.

AUTOAGGRESSOR: Angefangen hat alles mit der Entdeckung der analogen Multi-Einspur-Aufnahmetechnologie (MORe). Diese haben wir kontinuierlich weiterentwickelt sowie weitere Techniken daneben integriert, soweit es jeweils in unser Konzept gepaßt hat.

Könntet Ihr Euch vorstellen, dass andere einmal Eure Songs remixen? Hättet Ihr Interesse daran, dass Eure Songs auch in Clubs und Discotheken gespielt werden oder ist Implosion / autoaggressor eine Musik, die eher Daheim konsumiert werden sollte?

IMPLOSION: Ein Remix von einem IMPLOSIONs-Stück wäre allein durch die Arbeitsweise von IMPLOSION sehr erschwert. Ein solcher Remix wäre nur sehr schwer vorstellbar.

AUTOAGGRESSOR: Das Wort Konsum in Bezug auf unsere Klangkunst wirkt in unseren Ohren bzw. Augen deplaziert. Wir haben einmal für jemand anderes aufgrund einer Anfrage einen Remix erstellt. Einen Gegenremix haben wir jedoch dankend abgelehnt. Derartiges würde nicht zu unserer Arbeitsweise und Klangwelt passen. Man kann ein Werk von AUTOAGGRESSOR mit einem vollendeten Gemälde vergleichen, das man lediglich abmalen und dadurch nachvollziehen könnte, nicht jedoch das Original überarbeiten. Das Schaffen von AUTOAGGRESSOR stellt als solches ein Ritual dar, welches nicht beliebig reproduziert oder variiert werden kann, ohne den eigentlichen Impetus zu verlieren.

IMPLOSION: Einige Stücke von IMPLOSION werden seit Jahren schon in den Clubs gespielt. Es kommen immer wieder Feedbacks von DJ´s, nicht nur aus Deutschland. Am erfolgreichsten war bislang sicher „subStanz", aber auch schon „Cthulhu Night" oder „Datenflut" waren in manchen Clubs mit unter den erfolgreichsten Tanzhits des Abends zu finden. Mehr als 50 Personen auf der Fläche wurden mehrfach gezählt, so daß man von Tanzflächentauglichkeit wohl eindeutig sprechen kann. Gleichwohl sind die meisten Stücke allein für das Innere Erleben konzipiert und wenig oder überhaupt nicht tanzbar. Clubtauglichkeit ist immer nur ein Nebenprodukt.

DH: "Grüne Sphäre" lautet der aktuelle Titel Eures autoaggressor Releases. Gab es zuvor schon andere Veröffentlichungen von autoaggressor?

AUTOAGGRESSOR: Eine Sammlung digital überarbeiteter Werke bis 1998 ist auf MC in 24 Editionen von 24 Exemplaren unter dem Titel „Für Dich" 2001 erschienen. Mit „Ins Dunkel" haben wir im Jahr 2002 ein Minialbum auf CDR veröffentlicht. „Grüne Sphäre" ist unser neustes Werk, hauptsächlich in der Samhainnacht 2004 entstanden.

DH: Euer Album habt Ihr Jhonn Balance (1962-2004) und seiner Arbeit gwidmet. Was sind hierfür die Gründe? Habt Ihr einen besondere Bezug zu Jhonn Balance?

AUTOAGGRESSOR: Der tragische Unfalltod von Jhonn Balance ist in die Zeit der Entstehung der „Grünen Sphäre" gefallen. Aufgrund der tiefen Verbundenheit mit ihm und seinem Lebenswerk haben wir das Album ihm gewidmet und dieser Widmung bei der Überarbeitung und Endabmischung Rechnung getragen.

IMPLOSION: Sei Tod ist ein immenser Verlust nicht nur für die Musikwelt. John Balance war immer eine unbeschreiblich vielfältige Quelle der Inspiration für uns alle. Sofort nach dem Bekanntwerden seines Todes ist auch das John Balance-Memoriamsstück „Mondtier" entstanden, welches seitdem auf der Seite www.in-implosion.de zum Herunterladen bereitgestellt wird. Johnn war schon immer weiter, nun ist er es noch mehr...

DH: Generell klingt autoaggressor weitaus düsterer als Implosion. Was geht in Euch selbst vor, wenn Ihr Eure eigene Musik hört? Ist autoaggressor ein Spiegelbild Eurer Gedanken?

AUTOAGGRESSOR: Wir sind AUTOAGGRESSOR. Nicht nur beim Hören unserer Werke, sondern auch beim Erschaffen sowie im Leben insgesamt. Es ist unsere eigene innere Welt. Auf die Gedankenwelt läßt sich AUTOAGGRESSOR nicht beschränken. Alles wird umfaßt.

DH: Wie funktioniert bei Euch der Prozeß des kreativen Songschreibens? Arbeitet Ihr immer zusammen an den Songs oder habt Ihr da eine Arbeitsteilung?

AUOAGGRESSOR: Jedes Stück wird von jedem Mitglied von AUTOAGGRESSOR mal etwas mehr, mal etwas weniger dominiert. Letztlich ist AUTOAGGRESSOR jedoch immer eine Gemeinschaftsarbeit von uns allen. Wie vorhin schon erwähnt, entwickelt sich unsere Klangkunst in Form eines Rituals, welches sowohl eine Vorbereitung, Eröffnung, Durchführung als auch einen Ausklang verlangt. Die Nachbereitung ist ebenfalls für unser Werk erforderlich.

DH: Tretet Ihr auch live demnächst auf? Habt Ihr für die musikalische Umsetzung Eurer beiden Projekte etwas besonders geplant?

AUTOAGGRESSOR: Sämtliche Aufnahmen sind aus Liveperformances an besonderen Orten und zu ganz bestimmten Zeiten entstanden. Die Zuhörer sind stets handverlesen, um das Ritual nicht zu stören und das Ergebnis nicht zu verfälschen.

IMPLOSION: Liveanfragen gab es schon öfters, doch aus mehreren Gründen ist es bislang noch zu keinem Liveauftritt von IMPLOSION gekommen. Es gibt Konzepte, die irgendwann einmal verwirklicht werden. In absehbarer Zukunft jedoch nicht. Liveperformances bleiben derzeit AUTOAGGRESSOR vorbehalten.

DH: Was sind Eure weiteren musikalischen Pläne? Arbeitet Ihr eventuell schon an neuen Songs? Ist ein Album geplant?

IMPLOSION: Durch die Stücke des Monats auf www.in-implosion.de wird fortlaufend über neue Klangwerke nachgedacht und dies auch in die Tat umgesetzt. Aufgrund dieser immensen kreativen Arbeit ist es jedoch schwer geworden, daneben auch an einem neuen Album zu arbeiten. Nur die Stücke der vergangenen Monate zu sammeln ist nicht beabsichtigt, dazu versteht IMPLOSION ein Album zu sehr als Gesamtkonzept. Ideen existieren, die zu ihrer Zeit verwirklicht werden.

AUTOAGGRESSOR: Ein Teil eines neuen Albums ist bereits aufgenommen worden. Es ist nicht abzusehen, wann wir dieses vollenden werden. Wem die „Grüne Sphäre" gefällt, sollte sich auf www.autoaggressor.com auf dem Laufenden halten.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg und alles Gute. Euch gehört das Schlusswort:

IMPLOSION und AUTOAGGRESSOR gemeinsam: Es ist nicht zu ende. Es beginnt immer erst.


IMPLOSION - klangkunst projekt
- geräusche für das unterbewußtsein -
http://www.in-implosion.de/

- sinister ambient noisewave -
wechselndes mp3 stück des monats zum freien herunterladen


AUTOAGGRESSOR
www.autoaggressor.com
harsh ritual noise - IMPLOSION sideprojekt


Interview: Andreas Ohle