Heavy Current




D.H.:Die wichtigste Frage an euch lautet natürlich ersteinmal: Wie geht es euch?

Jan: Danke, der Nachfrage - gut!

D.H.: Zu Anfang könnt Ihr mir etwas über Euch und Eure künstlerische Entwicklung erzählen? Seit wann macht Ihr eigentlich Musik und wie ist das aktuelle Line-Up?

Jan: 1999 hab ich HEAVY-CURRENT als vollelektronisches Projekt mit verschiedenen Musikern gegründet. 2004 haben wir mit Nook, später mit Felix ein Synth-Rockprojekt draus gemacht. Mittlerweile gibt?s von HC vier Alben, vier EP?s und eine Live-DVD/CD.

D.H.: Gibt es so etwas, wie eine grundsätzliche Idee, die sich hinter Heavy Current verbirgt?

Jan: Nöö, ich wollte einfach nur meine Ideen umsetzen...

D.H.: Wieso habt ihr euch für den Bandnamen Heavy Current entschieden? Steckt für euch dahinter eine tiefere Bedeutung?

Jan: Jedes Baby braucht einen Namen, deshalb HC. Die Bedeutung steckt ja schon im Namen, wir sind halt Starkstrom...

D.H.: Was war für jeden von euch überhaupt damals das Schlüsselerlebnis selbst Musik machen zu wollen?

Jan: Schlüsselerlebnisse waren bei mir damals, Lam Bras von Pitchfork und Personal Jesus von Depeche Mode. Da gab es Sounds in deren Musik, die ich mir nicht erklären konnte, die dann auch meine Sicht auf Musik zum Glück generell veränderten. Es muss nichts, aber es kann alles!

D.H.: War "Push The Fire" für Euch die erste große Produktion oder gab es zuvor schon Veröffentlichungen von Euch?

Jan: Da wir schon drei Alben vorher veröffentlicht haben, haben wir viel gelernt, sodass wir Push the Fire komplett selbst produziert haben. Push the Fire war schon ein grosses Projekt, da die Fertigstellung genau in die Zeit fiel, als ich mein Studio umgerüstet hab. Wiederum konnte ich so gleich mal alles ausprobieren und hab somit wieder ne Menge gelernt.

D.H.: Wie ist diese Veröffentlichung bei euren Fans angekommen? Welche Reaktionen gab es von seiten der (Szene & Fach)Presse?

Jan: Unsere Zuhörer sind tierisch begeistert, zumal wir eben anders klingen als andere Elektrobands. Die Presse sieht das zum Grossteil genau so - nur vereinzelte Szene- und Fachblätter haben hier und da ein paar Schwierigkeiten mit Push the Fire, vielleicht nicht Dark genug - oder zu wenig Cluborientiert? Aber genau das war unsere Absicht - Musik machen, die in keine Schublade passt.



D.H.: Wie lange habt ihr an der Fertigstellung für die neue CD gearbeitet? Wo wurde sie aufgenommen und produziert?

Jan: Das Album ist eine komplette Eigenproduktion. Einen Zeitraum kann ich da gar nicht festmachen, da ich täglich mit Musik beschäftigt bin und ständig neue Ideen hab. Zwar waren wir für einige Schlagzeug- und Gitarrenspuren in einem Studio, aber auch nur, weil wir halt nicht die ganzen Mikros zu Hause haben. Die Vokalaufnahmen, einige Gitarren- und Drumaufnahmen, die Produktion und Mastering fanden bei mir zu Hause statt. Für einig Drumaufnahmen, waren wir in einem speziellen Kellergang, bei dem wir den natürlich Hall aufnehmen konnten - das war gigantisch!

D.H.: Welche Anforderungen stellt ihr persönlich an einen guten Song?

Jan: Der muss einen berühren, da spielt es keine Rolle wie hoch die Qualität der Aufnahmen sind oder wie gut einer spielen kann - der Song an sich muss wirken und eine besondere Stimmung haben.

D.H.: Wenn ihr neue Songs komponiert, benötigt ihr da eine bestimmte innerliche Stimmung oder eine besondere Atmosphäre?

Jan: Mmmhhh.... Musik geht immer. Mit Texten isses meist so, dass ich da ne gewisse Stimmung oder Atmosphäre brauche, die ich mir aber dann auch selbst schaffe. Ich mag es oft Songs zu schreiben, wenn so ein typisches Festivalwetter ist - Sonne, alles grün, etc...

D.H.:An welchen Orten könnt ihr euch am besten auf das Schreiben neuer Songs und Texte konzentrieren?

Jan: Gern schreib ich die Texte an fremden Orten, wie zum Beispiel im Urlaub, oder auf Tour. Obwohl auf Tour meistens nur grobe Ideen aufgeschrieben werden, die ich dann zu Hause fertig schreibe.

D.H.: Welche Themen greift ihr in euren Texten auf und durch was lasst ihr euch beim Texten inspirieren?

Jan: Sagen wir mal so, es gibt kein Thema, was ich nicht behandeln würde... Meist geht`s um persönliche Dinge oder Sichtweisen. Oft aber auch um fiktive Szenerien, die Dinge der "realen" Welt verdeutlichen. Inspirieren können mich Filme, Träume, Situationen, Umwelt... oder einfach Gespräche und Sichtweisen.

D.H.: Habt Ihr selber das Gefühl, dass ihr mit dem Album Eure eigenen musikalischen Grenzen neu definiert und überschritten habt?

Jan: Meiner Meinung nach sollte Musik immer Grenzen wie selbstverständlich überschreiten, als wenn da keine wären. Mich reizt es, wenn jemand sagt, das passt doch nicht, genau das mal auszuprobieren. Ich bin eh ein Gegner von Schubladendenken und werde es auch in unserer Musik weiter zeigen.

D.H.: Vieles auf dem neuen Album scheint auch in gewisser Weise selbstanalytisch. Habt Ihr auf diesem Album auch selbsterlebtes verarbeitet? Wie wichtig ist Euch der inhaltliche Aspekt in Euren Songs?

Jan: Was für ne Frage... natürlich ist der Inhalt meiner Texte extrem wichtig. Was ich da schreibe ist alles persönlich, da es von mir erfahren, gesehen oder erfunden wurde. Seit dem Album ?The Cage Compl-X? schreibe ich vermehrt Songs, in denen ich mit meinem Leben, meinen Fehlern und meinen Platz in der Welt "kämpfe". Dining Death, zum Beispiel ist ein Song über die Schwierigkeiten in der Erwachsenenwelt, wie ich darüber denke und enttäuscht bin, dass sich Dinge mehr verkomplizieren, obwohl wir Erwachsenen doch sooo schlau und weise sind - dabei haben wir nur verlernt ehrlich zu sein, weil wir ja sonst anecken könnten.

D.H.: Wenn Ihr in der Welt etwas verändern könntet, was würdet Ihr tun? Würdet Ihr gerne in anderen Welt als der unseren leben?

Jan: Dieser Planet ist wohl der schönste und zu gleich der grausamste Ort, den wir Menschen kennen. Wenn man was ändern sollte, dann sollte man doch die Intelligenz der Menschen mindern, damit wir instinktiv handeln. Denn Tiere haben keine Atombomben und schneiden sich nicht die Köpfe ab, weil der eine den Gott verehrt und meint seinen Glauben durchzusetzen. Wir, als die intelligentesten Lebewesen hier richten eigentlich nur Schaden an unserer Umwelt, dem Tierreich und noch viel schlimmer, an uns Menschen selbst an. Wiederum kann ich mir keinen anderen Ort als diesen vorstellen - es gibt so unendlich viele schöne Orte und Phänomene hier, was das Leben einfach lebenswert macht.

D.H.: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Label? Gab es zuvor schon Kontakte mit dem Label?

Jan: Zu Sonic X kamen wir eigentlich durch ein Festival in Hannover. Denen hat unser Zeug gefallen und seit dem arbeiten wir zusammen. Vorher hab ich mich immer gescheut mit Labels zu arbeiten, da ich um meine künstlerische Freiheit fürchtete, was ja Blödsinn ist, die kann mir keiner nehmen.

D.H.: In Euren Songs ist oft eine gewisse Melancholie festzustellen. Seid Ihr melancholische Menschen?

Jan: Oh ja...! Melancholie ist so ein bittersüsser Schmerz, der dir zeigt, dass du fühlst, lebst und empfindest. Viele verbinden Melancholie mit etwas schlechten oder gar mit Depressionen, was vollkommener Blödsinn ist. Manchmal sind Situationen so schön, dass sie an sich weh tun. Wer den Film American Beauty kennt, weiss was ich meine...



D.H.: Würdet Ihr gerne ab und zu dem realen Leben auch mal entfliehen?

Jan: Hehe... ich bin ein Tagträumer und entfliehe ständig der "realen Welt", wobei ich finde, Träume gehören zur Realität. Wie ich dem Song Meaning (Edacious) geschrieben hab, sind Träume ein Sinn des Lebens.

D.H.: Freut Ihr Euch schon darauf, demnächst die Songs Eures Albums live zu spielen? Wird es zu dem Album auch eine Tour geben?

Jan: Ja, wir waren ja nun mit Pitchfork, Diary of Dreams und Letzte Instanz auf Tour, welche recht erfolgreich war. Vielleicht ergibt sich ja noch was für den Herbst.

D.H.: Wie verbringt ihr eure "Day off" Tage?

Jan: Kommt drauf an, wo wir sind. Da ich gern reise, seh ich auch zu etwas von der Stadt mitzubekommen, in der wir gerade verweilen.

D.H.: Wie muss man sich euer Tourleben vorstellen? Seid ihr typische Rockstars, die grosse Partys feiern und Hotelzimmer zerstören? Oder geht es nach der Show eher besinnlich und harmonisch zu?

Jan: Das ist unterschiedlich. Da ich als Sänger auf meine Stimme aufpassen muss, muss ich dementsprechend diszipliniert sein und wenig quatschen und viel schlafen. Aber Hotelparties und schlaflose Nächte haben wir auf Tour ständig.

D.H.: Nennt mir drei gute Gründe, warum man dieses Album unbedingt kaufen sollte.

Jan: Es wird Dich rocken, es wird Dich staunen lassen, es wird Dich erregen und es wird Dein Leben verändern.

D.H.: Gibt es einen Song auf dem Album, der euch besonders am Herzen liegt? Wenn ja, welcher und warum?

Jan: Ich liebe alle meine Babys...! Um ein paar hervorzuheben... Rain of Asia, Dining Death oder Lucid Dreaming sind Songs, die ich meine Sichtweisen am besten beschreiben. Rein musikalisch find ich auch Infected, Push the Fire oder One Way World sehr geil, weil sie einfach rocken. SHARK is eher so`n Geheimtip - lasst Euch überraschen.

D.H.: Welche Instrumente spielt ihr noch?

Jan: Felix ist so unser Multi-Instrumentales Genie. Er spielt neben der Gitarre noch Klavier und Cello, welches auf Push the fire mehrfach zum Einsatz kam und teilweise erst so richtig die Stimmung gebracht hat.

D.H.: Wenn man solche Musik mach, fragt man sich, was Ihr wohl sonst so für Musik hört?

Jan: Ich höre viel verschiedene Sachen wie, Electro, Industrial, Indie, Pop, New Rave... Wenn Musik gut ist, kauf ich sie eben, egal was für?n Genre.

D.H.: Gibt es Nebenprojekte, die Ihr betreibt?

Jan: Felix hat noch ne Menge andere Bands und Projekte, bei denen er mitwirkt, da er wirklich viel kann. Nook ist mit HC und seiner Schlagzeugschule recht ausgelastet. Ich selbst nehme mir schon seit Jahren vor ein Electro/Trash/Industrial/Punk Ding zu machen, aber irgendwie landet alles doch bei HC. Aber ich denke, Ihr werdet es schon mitbekommen, wenn ich?s endlich geschafft hab.

D.H.: Wie sehr fühlt Ihr Euch der "schwarzen Szene" angehörig?

Jan: Nook und Felix kommen mehr aus der Rock/Metal-Ecke. Den ersten Kontakt mit der Szene hatten die Beiden eigentlich durch HC, aber fühlen sich recht wohl. Da ich ja mit der Szene gross geworden bin, würde mir sicher was fehlen, wenn ich da nicht mehr unterwegs wäre.

D.H.: Womit verdient Ihr eure Brötchen?

Jan: Nook hat eine Schlagzeugschule und Felix studiert gerade sein Instrument. Ich betrachte HC als meinen Hauptjob, da ich die meiste Zeit dafür opfere. Wenn ich halt Geld brauche nehme ich kleine Jobs an...

D.H.: Wie wird ihre Zukunft Eurer Meinung nach aussehen?

Jan: Über die Zukunft mach ich mir keinen Kopf.

D.H.: Was glaubt ihr, wie wichtig ist in der heutigen (Gothik) Musiklandschaft das Image und das visuelle Erscheinungsbild einer Band? Unterwirft sich Heavy Current irgend einer Kleiderordnung?

Jan: Naja, eine Szene definiert sich ja durch ihre Musik, Gedanken und vor allem Fashion, deshalb find ich?s schon wichtig. Als Musiker ist man schon gezwungen einen eigenen Stil zu kreieren, weil man sich ja abheben will und seine Musik auch in allen Facetten ausdrücken will, sei es Aussagen, Album-Layout oder eben Klamotten. Wir unterwerfen uns keiner Kleiderordnung sondern machen unsere eigene.

D.H.: Wen seht ihr als das typischen Heavy Current Publikum an? Gibt es ein bestimmtes Publikum, dass ihr mit eurer Musik ansprechen möchtet?

Jan: Als Musiker möchte man ja nicht nur eine Sparte bedienen, sondern so viele Menschen wie möglich - zumal unsere Texte ja auch jeden ansprechen sollte. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in der Szene sehr viele Leute unsere Musik mögen, die viel Electro und Industrial-Rock hören. Ausserhalb der Szene sind?s mehr so die Leute, die IAMX, Alec Empire oder Depeche Mode gut finden.

D.H.: Gibt es eine gängige Schublade für die Musik von Heavy Current ? Wie beschreibt ihr Leuten eure Musik, die euch noch nie zuvor gehört haben?

Jan: HC ist ne Schublade... ;) Ich bin immer schlecht in beschreiben, ich würde demjenigen einfach ne CD geben.

D.H.: Wie wichtig ist für Heavy Current (musikalischer) Erfolg?

Jan: Musikalischer Erfolg ist für mich insofern wichtig, dass ich mich entwickeln und immer dazulernen möchte. Jeder neuer Song ist ein weiterer Erfolg für mich.

D.H.: Verbindet ihr mit Musik machen irgendwelche Träume? (Wenn ja, welche?) Jan: Naja, ich bin halt verdammt dankbar und glücklich, in der Lage sein zu können mich mit Musik und Lyrik auszudrücken. Für mich geht damit schon ein Traum in Erfüllung.

D.H.: In welchem Land würdet ihr gerne auf Tour gehen?

Jan: Ein bestimmtes Land schwebt mir da nicht vor - lass uns doch gleich ne Welt-Tour machen.

D.H.: Was für Pläne habt ihr 2009?

Jan: Neue Songs schreiben, auf dem Dark Park Festival spielen - ansonsten mal guck`n, was wir noch so im Herbst machen.

D.H.: Was würdet ihr für Geld niemals tun?

Jan: Dinge, hinter denen ich nicht stehe...

D.H.: Welche Vorbilder oder Helden habt ihr?

Jan: Lester Brunham

D.H.: Was wollt ihr nach der Musik machen?

Jan: Es gibt kein "Danach"!

D.H.: Wenn ihr einen Wusch frei hättet, was würdet ihr euch wünschen?

Jan: Keine Ahnung... Ich würde unendliches Glück wünschen, aber man lernt das Süsse ja nur zu schätzen, wenn man auch das Saure kennt. Ich denke ich verschenke meinen Wunsch an jemanden, der ihn nötiger hat.

D.H.: Ich bedanke mich bei Euch für das Interview und wünsche euch Alles Gute für die Zukunft!

Die letzten Worte überlasse ich Euch:-)

Jan: Vielen Dank fürs Interesse und jetzt schnell raus, die Sonne scheint - Los! ;)

Interview: Claudia Wagner