Fearing Christmas



DH: Seit wann gibt es Fearing Christmas? Koennt Ihr Euch noch an die Anfaenge erinnern?

Sascha: Angefangen haben wir 1992. Unser erstes Verkaufstape "Via Occulta" war schon ein besonderes Werk. Eine reine Tape-Veroeffentlichung, bei der die ersten 100 Exemplare mit 100 unterschiedlichen nummerierten Designs erstellt wurden. Eine geniale Idee, wie war damals fanden. Und zwar haben wir 100 Boegen Papier, die als Rohmaterial fuer den Coverdruck dienten, von einer ganzen Grundschulklasse mit Aquarellfarben bemalen lassen. So entstanden diese unterschiedlichen Muster, die jedes Tape zu einem Unikat machten. Diese 100 Stueck sind natuerlich in alle Winde verstreut und wir haben glaube ich nur noch die "1" in unserem Besitz.

DH: Welche Musiker verbergen sich hinter der Band?

Luke: Wir sind wirklich nur zu zweit. Sascha kuemmert sich um die Musik und ich um Texte und Vocals, wobei wir beide mehrere Stimmen singen. Die Musik entsteht rein elektronisch mit Synthies und Softwaresequencern.

DH: Eure Songs sind vornehmlich in deutscher Sprache. Warum habt Ihr die deutsche Sprache als Ausdrucksform gewaehlt?

Sascha: Dazu kann ich etwas sagen, auch wenn es eher Luke betrifft, der die Textstrategie steuert. Wir sind mit englischer Sprache gestartet und alle vorherigen Tapeveroeffentlichungen waren rein englische Werke. Uns ist jedoch sowohl bei uns, als auch bei anderen deutschen Electro-Bands aufgefallen, dass diese englischen Texte doch schnell recht platt wirken, weil man nie so ausgefeilt mit einer "Fremdsprache" umgehen kann wie mit der Muttersprache. Als uns dies klar wurde, was ziemlich genau mitten in den Arbeiten zu "Turm schlaegt Pferd" passierte, haben wir hart umgeschaltet auf deutsche Texte und sind auch recht froh darueber, weil wir textlich viel zufriedener mit Songs wie "Das Haus" oder "Alles gesagt" sind, als z.B. mit "Welcome" oder "Wave". Unser erster deutscher Text ist "Alles gesagt", den wir schon fuer sehr gelungen halten und das hat uns nur bestaerkt diese Schiene weiterzuverfolgen.

DH: Wie kam es zu der Idee des Albums "Turm schlaegt Pferd schachmatt"? Wie seid Ihr auf den Titel des Albums gekommen?

Sascha: Wir haben nicht wirklich ein Konzeptalbum geplant sondern nach und nach einzelne Songs entwickelt. Ausnahme ist hier sicher die Smiling-Face-Trilogie, die mit dem urspruenglichen "Smiling Face" ja schon 1992 startete. Die Story haben wir mit dem Remix "Smile Y2K" wieder aufgegriffen und mit "Part II" und dem "Epilog" finalisiert. Wir haben die Zeile "Turm schlaegt Pferd, Schachmatt." einmal in einem Song einer Berliner Gruppe gehoert, deren Musik uns sehr gefaellt und fanden diesen Spruch einfach so schraeg, dass er schon seit langem Arbeitstitel war und immer mehr zum Namen fuer das Album manifestierte. Wir haben dann mit Olli Thom von "Equatronic" sogar das Coverdesign ganz nach diesem Motto erarbeitet. Einen tieferen Hintergrund wuerde ich in der Tiefsinnigkeit und Komplexitaet unserer Geschichten sehen. Vieles wird verklausuliert, um dann doch ploetzlich ganz krass direkt ausgesprochen zu werden, was oft einhergeht mit Wendepunkten in Lukes Texten. Diese Geschichten haben ein wenig Aehnlichkeit mit dem Schlagabtausch, der auf einem Schachbrett stattfindet.

DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu dem Album? Erzaehlt doch mal kurz wie sich die Arbeit fuer das Album gestaltete?

Luke: Diesem Album liegt ein ungeheuer langer Schoepfungsprozess zugrunde. Schliesslich sind einige der Songs, wie "Wave" und "At Lukeīs" schon mehrere Jahre alt. Wir haben durch verschiedene Einflussfaktoren regelrechte schoepferische Pausen eingelegt, aber teilweise auch z.B. "Das Haus" und "Der Zweifler" innerhalb von drei Wochen aus dem Nichts komplett produziert. Ein aehnliches Paar stellt "Alles Gesagt" und "Ebene 5" dar. Auch diese Songs sind innerhalb weniger Wochen entstanden. Wir arbeiten auch mehr in Abschnitten, haben also nicht alle Songs in einem Rutsch eingespielt sondern, jeden einzelnen Track CD-reif vorproduziert und im Finale im Block gemastert. Dadurch haben wir trotz der zeitlichen Verzoegerungen noch ein relativ homogenes Klangbild hinbekommen, so dass in unsere Augen das Album dann doch wieder wie "aus einem Guss" wirkt. Sascha: Man kann nie genau sagen, ob erst die Musik oder der Text entsteht. Manchmal komponiere ich eine Nummer komplett durch und Luke laesst sich dadurch zu einem Text inspirieren. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass ich Luke nur ein paar thematische Stichworte gegeben habe, er eine Geschichte entwickelt und ich zum Text die Musik kreiere. "At Lukeīs" ist ein typisches Beispiel fuer beide Modelle. Hier stand die Musik und ich hatte auch die Idee dieses "Suicide Clubs", die Luke dann in Text und Gesang gebaut hat. "Das Haus" wiederum ist ein textgetriebenes Stueck.

DH: Wie entstanden die Songtexte und die Musik? Habt Ihr Euch bei dem Album von bestimmten Ereignissen inspirieren lassen?

Luke: Texte zu schreiben, ist fuer mich ein Ventil, eine Moeglichkeit, Erlebtes zu reflektieren, zu Verarbeiten und meiner Seele eine Stimme zu geben. Alle Texte sind sehr persoenlich, auch wenn Sie immer wieder umschreiben oder ueberzeichnen, aus anderen Blickwinkeln beobachten. So ist in jedem Text, speziell seit unserer deutschen Phase, ein Bezug zu reellen Ereignissen.

DH: Wie wichtig sind Euch die Songtexte des Albums? Welchen Stellenwert haben Sie? Sascha: Wir sehen Texte und Musik als gleichberechtigt an.

DH: Der Song "Der Zweifler" gefaellt mir sehr gut. Wovon handelt das Lied?

Luke: Der Titel sagt eigentlich alles. "Der Zweifler" ist ein sehr pessimistisches Stueck, das meine Stimmung in einer bestimmten Phase meines Lebens sehr deutlich wieder gibt. Ich hatte damals die Nase voll von den Leuten, die mir sagten "Es wird schon wieder!", "Alles wird gut!". Letzendlich hatten sie zwar recht, aber ich stehe zu dem Text !

DH: Spielt Ihr auch live und wenn ja, wie setzt ihr die Musik von Fearing Christmas auf der Buehne live um? Sind Konzerte oder eventuell eine Tour in Planung?

Sascha: Wir haben teilweise bereits Plaene mit befreundeten Musikern. Hier soll ein akustisches Schlagzeug, sowie E-Bass und E-Gitarre, evtl. akustische Gitarre zum Einsatz kommen. Die Ideen gehen von einer Art Unplugged-Konzeption aus. Also im Synthiebereich auf die wesentlichen Elemente beschraenkt und dann mit kraftvollen Drums und Gitarrenriffs. Grundsaetzlich koennen wir Fearing Christmas live praesentieren, wobei tatsaechlich hier der Gesang 100% live ist, und das was mit zwei Haenden zu bewaeltigen ist. Es wird also durchaus - wie in der Szene ueblich - teilweise die Musik per Sequencer oder vorproduziert erzeugt. Eine richtige Tour ist nicht geplant. Es werden wohl eher einige, gestreute Einzelgigs sein.

DH: Welche weiteren Plaene habt Ihr mit Fearing Christmas?

Sascha: Zur Zeit promoten wir "Turm schlaegt Pferd" und planen einige Doublefeatures mit befreundeten Bands, wie z.B. der polnische Formation "Godīs Bow" (Die waren im Herbst 2002 als Support auf Tour mit "Deine Lakeien") Vor allem stehen wieder neue Songs in den Startloechern und wir planen fuer die naechste CD eine Konzeptarbeit mit einer durchgaengigen, groesstenteils fiktiven Geschichte. Wir gehen heute davon aus, das naechste Album in ca. 1-2 Jahren fertig zu haben, je nachdem wieviel Zeit uns fuer die reine Studioarbeit bleibt.

DH: Spielt Ihr noch in anderen Bands und was macht Ihr wenn Ihr keine Musik macht?

Luke: Im "wirklichen Leben" ist Sascha bei einer IT-Dienstleistungsfirma beschaeftigt und ich stricke an meinem Informatikdiplom. Wir sind beide noch beteiligt an einem "ganz normalen" Coverprojekt, das nach klassischem Bandlineup viele Konzerte mit Covermusik bestreitet. Hier bin ich als "Tonmann" sowie Sascha als Keyboarder unterwegs, wobei dies in einer ganz anderen Welt stattfindet als Christmas.

DH: Vielen Dank fuer die Beantwortung der Fragen. Wir wuenschen Euch alles Gute und viel Erfolg fuer die Zukunft. Einige letzte Worte?

Sascha: Wir bedanken uns bei unseren Musikerfreunden, die uns jederzeit bei unserer Arbeit sehr angenehm unterstuetzen und sind froh gerade dieser Szene anzugehoeren, die so wunderbar offen ist und groesstenteils immer noch mit so wenig Kommerz wirklich sehr hochwertige Musik und Events hervorbringt. Vielen Dank! "Der Weg ist das Ziel!"

Interview: Andreas Ohle