Experimentum Crucis



Experimentum Crucis - das sind Mirko Hentrich (key, prog.), Oliver M. Dahm (voc.) und Aljosha Everding (guit., key., voc). Die Industrial- Formation besteht seit 1995 und verfolgt seitdem konsequent einen eigenen Stil. Derzeit arbeiten sie an ihrer ersten CD. Dark Heart führte mit Experimentum Crucis das folgende Interview:

DH: Hat Euer Bandname Experimentum Crucis besondere Bedeutung?

EC: Natürlich hat der Name eine Bedeutung. Banalität ist sinnlos! Da Aljosha Physikleistungskurs- geschädigt (der Name seines Soloprojektes "Konstruktive Interferenz" stammt ja auch aus der Physik!) ist, kam er irgendwann einmal auf den Namen Experimentum Crucis. Dieser ist nämlich in erster Linie ein physikalischer Fachausdruck. Zusätzlich stellt er aber auch den zweiten Pol der Musik, die Mystik dar, denn das "expermientum crucis" ist auch ein anderer Name für die Zeit der Inquisition und Hexenverfolgung bekannt-grausame Wasserprobe. Das schöne vielleicht aber auch schlechte an dieser Namensgebung ist, daß dann durch das Lateinische zuerst in eine falsche Richtung (Gotik!!!) gelenkt wird.

DH: Seit wann gibt es Euch eigentlich?

EC: Aljosha: Gegründet haben wir uns im Sommer 1995, als ich auf eine Anzeige von Mirko in einer etwas größeren Musikzeitschrift antwortete. Nach langer Suche lernten wir dann im März 1996 Oliver kennen. Das kuriose dabei ist, daß wir uns eigentlich schon im Februar bei einem Konzert von Ollis damaliger Band bei der er Bass spielte, das erste Mal gesehen hatten. Mirko mischte dieses Konzert ab und wir haben uns tierisch gehaßt, der der Sound bedingt durch die PA (nicht durch Mirko!!!) so schlecht war. Das wir zwei Wochen später dann ebenfalls durch eine Anzeige miteinander telefoniert haben und nun auch Musik miteinander machen, hätte im Februar keiner gedacht. Aber mittlerweile hat sich der Haß doch verflogen.

DH: Wenn ich Eure Musik einordnen müßte, würde ich sagen, daß Ihr Industrial macht. Würdet Ihr dem zustimmen oder seht Ihr das anders?

EC: In erster Linie muß man sich hierbei erst einmal fragen bzw. im klaren darüber werden, was Industrial überhaupt ist. Der Bereich Industrial ist so ein breites Feld, das es erst einmal zu definieren heißt. Heute ist soviel Industrial, oder nennt/schimpft sich zumindest so, daß der eigentliche / wahre Industrial irgendwie darin untergeht. Sind z.B. Nine Inch Nails Industrial? Trent macht zwar ziehmlich geniale Musik, aber Industrial ist das meines Erachtens nicht. Und da sind wir zum Beispiel auch bei dem "Prollen" der Industrie. Das Gelsenkirchener Label Off Beat ist da ein ziehmlich gutes Beispiel. Sie bezeichnen sich ja als die "Industrial Assault Company". Aber welche Off-Beat Band ist wirklich Industrial? Oder ein anderer Fall: Die skandinavische Black Metal Band Satyricon veröffentlichten eine Maxi (Meggiddo), auf der ein Song von Stephan Grothesk (Apoptygma Beserk) remixt wurde. Und nur, weil dort ein paar Keyboards mehr als normal zu hören sind, war es plötzlich eine Industrial-Version. Meines Erachtens wird der Industrialbegriff mächtig mißbraucht um irgendwie cool zu sein. Heute kriegt man ja auch schon Unmengen an Sampling-CDs mit Industrialsounds nachgeschmissen. Jeder Depp kann also irgendwie Industrial machen. Der eigentliche Gedanke aber, der hinter der ganzen Sache stand, geht dabei völlig verloren. Um Industrial aber nun irgendwie zu definieren: Industrial (im ursprünglichen Sinne) ist für mich ein Stück weit klanggewordene Anarchie. Man scheißt auf jegliche Regeln und Gesetze der Musik (sei es nun Melodieführung, Tempo oder Taktarten) und macht sein eigenes Ding. Man bleibt aber nicht nur dabei. Nein, man kann auch (wenn man will!) das Publikum oder die Hörerschaft miteinbeziehen; aus ihrer Passivität herausholen und zu einem Teil in dieser Musikmacherei werden lassen. Dies ist meine Auffassung von Industrial, andere werden Dir vielleicht was anderes erzählen, aber Industrial ist nun irgendwie Ansichtssache. Um aber irgendwie auf Deine Frage zu kommen ... Mit Sicherheit haben wir eine Menge Industrialelemente in unserer Musik. Ich würde allerdings nicht soweit gehen und sagen wir würden Industrial machen. Aber was machen wir nun eigentlich? Wir möchten uns eigentlich nicht irgendwie in das Korsett des Schubladendenkens zwängen; dadurch würden uns, glaube ich, zu viele Freiheiten verloren gehen. Das war irgendwie auch das Schöne an den Rezensionen zu unserem ersten Tape. Die meisten waren der Ansicht, daß wir was eigenständiges oder gar was neues machen. Ob wir nun was vollkommen neues machen, möchte ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Auf jeden Fall machen wir das, was uns gefällt. Und wenn Du meinst das sei Industrial, dann ist das völlig o.k. Für andere ist es dann vielleicht eher Agressive-Electro, Electrowave oder weiß der Geier. Uns ist es echt egal.

DH: Welche Veröffentlichungen hat es Experimental Crucis in der Vergangenheit bisher gegeben?

EC: Bislang existieren von uns zwei offizielle Tapes. Im Spätsommer veröffentlichten wir unser Debüt mit dem Titel "Pere Lachaise" und 1997 das doch recht provokante Tape "Fight Past Reality". Zudem existieren noch ein Tape und eine CD, die jedoch nur für Promozwecke bestimmt waren. Die CD enthält zusätzlich noch eine Reihe von exklusiven Remixen.

DH: Sind weitere Veröffentlichungen geplant?

EC: Ende diesen Jahres werden wir uns wieder einmal ins Studio begeben um unsere erste offizielle CD aufzunehmen, im voraussichtlich im kommenden Frühjahr erscheinen wird.

DH: Wie seht Ihr die Chancen Euch mit Eurer Musik durchzusetzen?

EC: Mirko: Also ich mache in erster Linie für mich. Daher stellt sich natürlich erst einmal die Frage, ob ich mich damit überhaupt durchsetzten will und wenn ja, wo? Natürlich macht es Spaß vor Publikum zu spiele, welches sich im Laufe der Zeit findet. Und sollte sich jemand finden, der unser Material auf CD veröffentlichen möchte, ist dies auch nicht unmöglich. Mit unserer Musik in die Kommerzparaden wie z.B. den Media Control Charts vorzudringen, halte ich jedoch eher für wahrscheinlich.

Aljosha: Ich sehe es da ähnlich wie Mirko, möchte da jedoch noch etwas hinzufügen. In den meisten Rezensionen über unsere Veröffent- lichungen meinten die Rezensenten, daß wir etwas neues machen. Also scheinen wir wohl auf etwas neues zu machen. Und wie das nun einmal mit neuem so ist, greift auch hier natürlich erst einmal das Sprichwort "Was der Bauer nicht kennt, daß frißt er nicht." Also dürfte es wohl für uns nicht einfach sein. Die Frage ist natürlich nun wieder, das hat Mirko ja gesagt, in wie weit wir uns nun durchsetzen wollen. Mit Sicherheit hätten wir jetzt schon mehr Erfolg, wenn wir eine x-te Front 242 Kopie oder ein Sisters-Clone (Hallo Merry Thoughts) wären. Das kennen die Leute und ist auch leicht zu konsumieren. Bei uns wird man allerdings ein wenig vor den Kopf gestoßen. Das ist unbequem und daher vielleicht auch etwas schwierig. Doch was wären heute 242 o.ä., wenn sie damals nicht selber etwas neues gemacht sondern munter kopiert hätten. Ich glaube zwar nicht, daß wir jemals so viele Leute wie die Sisters beeinflussen können, aber ein wenig werden wir uns wohl schon etablieren.

DH: Auf eurem aktuellen Demotape "Fight Past Reality" fiel mir eine düstere dunkle Stimmung auf. Wie setzt Ihr Eure Musik live um?

EC: Mirko: Zunächst einmal sollte man erwähnen, daß wir wirklich live spielen!!! D.h. bei uns kommt auf der Bühne wirklich alles von den Instrumenten und nicht aus der Konserve (Band), was ja leider bei den meisten Electro-Bands heutzu- tage nicht mehr selbstverständlich ist. So habe ich z.B. hierbei neben meinen Keyboards auch einen Sequenzer und Mischpult auf der Bühne. Da ich dadurch auch direkten Zugriff auf die einzelnen Sounds habe, besteht auch die Möglichkeit, während der Songs zu improvisieren. Natürlich is dieses Verfahren erheblich umständlicher.

Oliver. Wir haben absolut kein festes, sich wiederholendes Live- konzept in Form einer konzert- begleitenden Performance oder ähnlichem. Auch wollen und können wir nicht aufgesetzt düster auftreten. Das überlassen wir anderen. Wir geben uns so, wie wir sind: natürlich und unverfälscht. Dies äußert sich sowohl in Kleidung wie auch Verhalten. Keine Moden- schauen oder gestellte Gesten. Jeder von uns ist zwar sein eigener Charakter präsentiert sich auch so, aber jeder ist auch ein live nicht zu ersetzendes musikalisches Glied. Ich denke, daß Publikum nimmt unsere Ehrlichkeit auf, merkt, daß wir eine geschlossene Formation sind und honoriert das. Was kann es denn schöneres geben? S/M Shows und Flammenwerfer können nun mal kein aufrechtes Konzert ersetzen, bei dem die Musik im Vordergrund stehen soll, und darum geht es doch! So gibt es doch auch noch andere Dinge, die uns von der schwarzen Musiklandschaft sicherlich abheben: Wir mögen das Experimentelle und die Improvisation. Solche EInlagen sind gerne willkommen und werden von uns auch live umgesetzt. Wir wollen uns mit unserem Set nicht selbst langweilen und gar nicht erst eine Routine einkehren lassen. So wechselt Aljosha des öfteren die Instrumente und Mirko hat eine Vorliebe für unkonventionelle Klangerzeuger. Obwohl Electro- gruppen oft der Touch der Sterilität anhaftet, habe ich bislang noch nie einen Schlagzeuger oder Bassisten vermißt und trotzdem ergreift mich manchmal das Gefühl in einer verdammten Rock`n Roll Band zu spielen!

DH: Wie wirkt Eure Musik bei einem Live-Konzert auf Euer Publikum?

EC: Komm vorbei und staune!

DH: Verbirgt sich hinter Euren Texten und der Musik eine bestimmte Lebensauffassung?

EC: Oliver: Texte und Musik sollten beide den gleichen Stellenwert haben. Es macht für mich keinen Sinn, eine Idee musikalisch anspruchsvoll umzusetzen, die Bilder und Assoziationen in Form von Worten dabei aber stiefmütter- lich behandeln. Vielen Songwritern oder Sängern scheinen Lyrcis eher unwichtig oder sogar nur ein notwendiges aber lästiges Füllsel zu sein. Zwar spielen sie für mich und Experimentum Crucis eine wichtige Rolle, aber wir unterlassen es, die Texte oder die Musik mit einer Lebensauffassung gleichzusetzen, die ja gerade in der schwarzen Szene einem penetrant aufgedrängt wird. Vielmehr geben die Lyrics jedem unserer Songs einen ganz individuellen Charakter. Dabei sind sie völlig nonlinear, vollkommen autotroph und führen so ein eigenes Leben mit allen Erfahrungen; ich schreibe Worte nicht für oder in einem Konzept. Die Stücke sind im Zusammenhang formlos; dies gilt auch für die Sprache (französisch, deutsch, englisch). Ich habe ein Interesse an Unordnung, Chaos, Provokation, Widersprüchen. Das ist der Weg für mich zur geistigen Handlungs- fähigkeit eines Menschen. Jeder mag ruhig in unseren Stücken die autobiographische, spirituelle oder antroposophische Themen nur streifen, aber nicht manifestieren, für sich eine eigene Nachricht finden; das stört mich nicht, im Gegenteil, so habe ich mein Ziel erreicht. Allerdings ist es ärgerlich und frustierend, wenn man uns partout auf ein bestimmtes Meiungsterrain drängen will, wo wir nicht hin wollen und auch nicht hingehören. So haben beispielsweise Songs wie "Illumination", "Epitaph et con anima", "Messiah", "Der Blechtrommler"oder "Seh ich Dir den Feuerhund" in der Vergangenheit politische oder antireligiöse Interpretationen erfahren, die zudem noch ohne jedes Hinter- grundwissen daherkamen. Wir bieten keine realgreifbare Botschaft. Experimentum Crucis sind ein Zustand, eine Kunstform. Unser Raum kennt keine Wände und keine Türen. Insofern sind wir ab einem bestimmten Punkt nicht mehr angreifbar.

Mirko: Ich setze meistens meine Gedanken in Musik um. Früher waren es eher die melancholischen und langsamen Sachen, was sich aber mittlerweile in Aggressionen gegen die Welt und das Leben im Allgemeinen gewandelt hat.

DH: Ihr könnt gerne noch etwas zum Schluß sagen, wenn Ihr möchtet:

EC: Mirko: Glaubt nicht an einen Gott! Glaubt nicht an einen Sinn des Lebens. Werdet Maschinen und fangt bei Null an!!! Aljosha: Stagnation ist der Tod jeglicher Kultur ! Also seid offen für neues ...

Und kommt zu unseren Konzerten!!!

Interview: Andreas Ohle