Eden Weint Im Grab



DH: Erzählt uns zunächst etwas über Euch. Wer verbirgt hinter Eden Weint Im Grab?

"Eden Weint Im Grab war jahrelang mein Soloprojekt und ich habe mehr oder weniger im Alleingang die Alben 'Traumtrophäen Toter Trauertänzer' (2004), 'Trauermarsch Nach Neotopia' (2008) sowie die etwas aus der Reihe fallenden Trakl-Gedichtvertonungen auf 'Der Herbst des Einsamen' (2009) ersonnen. Schon zu Zeiten von 'Der Herbst des Einsamen' betrat das einstige Studioprojekt vermehrt die Bühne und die in dieser Zeit entstandene Liveband fungiert heutzutage mehr und mehr auch als 'richtige' Band und hat mir auf 'Geysterstunde I' auch erstmal im Studio unter die Arme gegriffen. Was uns als Privatpersonen angeht – ich finde es nicht wichtig, was wir außerhalb der Band machen, da die Musik für sich sprechen soll und ein ganz eigener kleiner Kosmos ist."

DH: Wie lange gibt es Euch schon und wie kam es eigentlich damals zur Gründung der Band?

'Band' ist ein relativer Begriff. Anfangs hatte Eden Weint Im Grab eher Projektcharakter. Ich hatte vor über zehn Jahren das Bedürfnis verspürt, Death Metal zu machen. Das Ergebnis war ein Demo auf meinem 4-Spur-Rekorder, das sehr primitiv war und aus heutiger Sicht doch recht unausgereift klingt. Das Projekt sollte Dark Pride Retaliation heißen, aber ich habe mich dann gegen eine Veröffentlichung entschieden. Einige zwei Jahre später, so um das Jahr 2003 rum, habe ich dann einen neuen Versuch gewagt. Diesmal mit deutschen Texten und weniger Death-Metal-typischen Songs. Das Ergebnis war das EwiG-Debüt 'Trauermarsch Nach Neotopia', das ich mangels Label und Ambitionen frei ins Netz gestellt hatte. Eigentlich war das für mich ein einmaliges Projekt, doch die euphorischen Fanreaktionen haben mich dann dazu gebracht, es doch etwas ernster anzugehen, denn das Debüt wurde viele Tausend Male heruntergeladen und hat unseren Namen im Netz ganz gut verbreitet. Von dort an ging es dann Schritt für Schritt weiter."

DH: Wovon handelt Euer neues Album „Geysterstunde I“? Ist das Album in gewisser Weise eine Art Konzeptalbum?

"Ja, in 'gewisser Weise' trifft es gut. Die Songs kreisen alle um Themen wie Spuk, Paranormales und Horror, mal todernst, mal eher ironisch. Aber jeder Song erzählt seine eigene kleine Geschichte, die von der Musik zusätzlich unterstrichen wird. Ich vergleiche das Album gerne mit einem musikalischen Kurzgeschichtenbuch, denn es gibt keine durchgehende Handlung. Aber die Stimmung des Albums ist so angelegt, dass sie den Hörer in eine düstere, skurrile Parallelwelt entführt, in der ihm unsere Protagonisten jeder für sich ihre absonderlichen Geschichten erzählen."



DH: Auf dem Album fällt die große Bandbreite an düsteren und morbiden Einflüssen auf mit denen Ihr Euren Soundkosmos gestaltet. Entspringt dies einer inneren Sehnsucht von Euch nach mystischen Themen?

"Die Mutmaßung, dass wir eine Sehnsucht nach mystischen Themen haben, trifft zu, die Annahme, dass daher die morbiden Einflüsse kommen, nicht unbedingt. Generell verspüre ich seit jeher eine große Neugier nach den großen Fragen des Seins und beschäftigte mich viel mit Übersinnlichem, Spirituellem und der Welt jenseits des Vorstellbaren. Es gibt verschiedene Arten, diese Fragen zu verarbeiten, bei EwiG geschieht es eben auf eine düstere, teils ironisch überzogene Weise. Aber was viele unserer Protagonisten vereint, ist, dass sie auch über den physischen Tod hinaus weiter agieren und in ihrem Handeln dem Verfall trotzen, da sie sich mit einer bloßen materiellen Welt nicht zufrieden geben wollen. Das resultiert in sehr skurrilen Szenarien, wie einem Leierkastenmann, der auch im Verfall noch einsam auf seinem Jahrmarkt weiter orgelt, einer Geisterarmee, die in alle Ewigkeiten Kriege führen muss, da sie den wahren Kriegsgrund längst vergessen hat, oder tanzenden Leichen, die den Besuch des 'Theater Obszön' mit ihren Aufführungen unterhalten. Wichtig ist mir jedoch, dass es immer noch eine tiefere Ebene gibt, die das Geschehen teils wieder in Frage stellt."

DH: Wie gestalteten sich die Aufnahmen zu dem neuen Album? Gab es eine besondere Atmosphäre in der die Aufnahmen stattfanden?

"Natürlich haben wir grundsätzlich nur nach Mitternacht, bei Kerzenschein und Rotwein aufgenommen und uns vom Treiben der untoten Kreaturen inspirieren lassen, die vor dem Studio ihre schaurigen Tänze darboten. Zwischendrin statteten wir den entlegenen Friedhöfen der Region Besuche ab, um frische Luft zu tanken und uns vom modrigen Geruch der Grüfte inspirieren zu lassen. Das klingt doch viel interessanter als die nüchterne Wahrheit, dass es über die Aufnahmen im Grunde nichts Spannendes zu erzählen gibt, oder? Daher sei noch angemerkt, dass uns natürlich alle Songs von geistigen Energien eingeflüstert wurden, die ihre Botschaften auf diese Weise unter die Menschen bringen wollten – wir sind quasi Medien der Schattenwelt ?"

DH: Besonders gut gefiel mir der Song „Die Knochenmühle“. Wie entstand die Idee zu diesem Song und wovon handelt das Lied?

"Das ist ein verkapptes Stück über Ernährung – ein sehr aktuelles Thema, wie ich finde. Wisst ihr was auf euren Tellern landet? Kümmert es euch? Oder könntet ihr wie die Menschen in dem Stück zu Kannibalen werden, die ihre Kameraden essen, ohne es zu wissen? Um es kurz zu machen: Es ist textlich eine Adaption des Kinderlieds 'Es klappert die Mühle ...' und in unserer Version verarbeitet der Müller in seiner einsamen Knochenmühle die Knochen der Leichen zu einem köstlichen Mehl, das die Menschen als Brot nur zu gerne verspeisen. Eine sehr amüsante, düstere und skurrile Geschichte, die einerseits unterhaltsam und ein bisschen gruselig ist, andererseits aber auch wieder Fragen aufwirft. Wie der Song entstand? Keine Ahnung, die Ideen sind irgendwann einfach da und drängen darauf, manifestiert zu werden. Da wage ich nicht, mich zu wehren."

DH: Neben der Musik kommt bei Eden Weint Im Grab auch der lyrische Aspekt sicher nicht zu kurz. Wie wichtig sind Euch die Texte des Albums? Gab es bestimmte Themen oder Erlebnisse über die Ihr diesmal unbedingt einen Song machen wolltet?

DH: Die Texte stehen gleichwertig zur Musik, da beide Elemente eine Einheit bilden. Die Texte erzählen die jeweilige Geschichte, die Musik unterstreicht sie. Es ist fast schon wie ein musikalisches Hörbuch, was man schon dem Album 'Der Herbst des Einsamen' nachsagte, nur dass es diesmal wieder eher richtige Songs sind. Private Erlebnisse sollte man bei Eden Weint Im Grab nicht in den Texten suchen, da sie fast nie autobiographisch sind. Es geht nicht darum, seine private Alltagssorgen aufzuarbeiten, sondern mit künstlerischen Mitteln düstere Parallelwelten zu kreieren, die für sich bestehen können, ohne dass es wichtig ist, wer sie erschaffen hat. Und dass man in die 'Moritat des Leierkastenmanns', welche das Leid aller ungehörten Künstler beklagt, beispielsweise auch eine autobiographische Seite hinein interpretieren kann, leugne ich nicht, aber das ist letzten Endes doch reine Interpretation."



DH: Manche Songs auf dem neuen Album sind sehr experimentell. Habt Ihr Spaß daran bei Eurer Musik neue Wege zu beschreiten und gewohnte Pfade bisweilen zu verlassen?

"Experimentell im Sinne von 'erfrischend anders' würde ich unterschreiben, aber alle Experimente wie 6/8-Takte, Tango- und Walzer-Einflüsse, Doom-Anleihen, Hörbuch-Erinnerungen oder Soundtrackelemente sind songdienlich eingesetzt und fügen sich in den typischen EwiG-Sound ein. Ich finde es sehr wichtig, nicht stehen zu bleiben und neue Einflüsse einzubinden, damit es für uns und die Hörer spannend bleibt. Schließlich wäre es doch langweilig, wenn man beim ersten Song schon wüsste, wie der Rest klingt. Ich weiß, bei einigen Bands wird das gerade geschätzt, aber EwiG ist da anders und wir legen großen Wert auf Abwechslung und darauf, dass jeder Song seinen eigenen Charakter hat. Ich finde, gerade das zeichnet 'Geysterstunde I' aus – man wird immer wieder überrascht, was das Album sehr kurzweilig macht."

DH: "Geysterstunde I" ist Euer mittlerweile viertes Album. Seht Ihr Euch eigentlich immer noch nur als Metal Band? Wie würdet Ihr Eure Musik stilistisch selber einordnen?

"Die Frage, ob wir uns nur als Metal-Band sehen, ergibt angesichts des vorherigen Albums 'Der Herbst des Einsamen' wenig Sinn ? Denn dieses Album enthielt keinerlei Metal-Einflüsse. Dort standen neben meinen Georg-Trakl-Rezitationen Ambient- und Soundtrackeelemente im Mittelpunkt und hatten Gitarre, Bass und Schlagzeug kurzzeitig komplett verdrängt. Wenn wir uns nur als Metal-Band betrachten würden, hätte es dieses Album nie gegeben. Wir sind in erster Linie Künstler und was immer wir als passend für den EwiG-Kosmos ansehen, erlauben wir uns umzusetzen. Es gibt dabei keine Dogmen. Allerdings ist 'Geysterstunde I' durchaus ein Metal-Album, sofern man in solchen Kategorien denken will, wenn auch kein typisches. Eher ein düsteres Gruselkabinett im Metal-Gewand ..."

DH: Denkt Ihr, dass Ihr in 10 Jahren noch die gleiche Art von Musik machen werdet wie heute?

"Gute Frage. Ich habe in der Tat schon oft darüber nachgedacht, wie Eden Weint Im Grab wohl in zehn oder zwanzig Jahren klingen könnte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt möglich ist, noch mehrere Alben auf einem solchen Niveau zu machen, denn irgendwann sind alle Themen in diesem Bereich abgegrast, ist musikalisch alles gesagt und ich weiß nicht, ob es so passend ist, wenn wir uns als alte, grauhaarige Männer noch auf die Bühne stellen, um solch finstere Musik darzubieten. Daher kann es sein, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich feststelle, dass es besser ist, aufzuhören und Eden Weint Im Grab als wertvolle Erinnerung zu bewahren. Aber wer weiß, vielleicht hört der Ideenquell auch nie auf zu sprudeln und wir finden Mittel und Wege, um es auch in zehn Jahre noch spannend zu halten. Vielleicht mime ich eines Tages auch nur noch den finsteren Märchenonkel? Das Gute ist, dass wir alle auch andere Projekte haben und uns dort auch auf anderen Ebenen musikalisch ausdrücken können – das gibt uns für Eden Weint Im Grab eine gewisse Freiheit und wir sind keinen Zwängen ausgesetzt."



DH: Was folgt auf „Geysterstunde I“? Habt Ihr bereits Pläne für eine Fortsetzung des Albums?

"Es soll auf jeden Fall einen zweiten Teil geben, was ja auch durch die I im aktuellen Titel angedeutet wird. Dafür habe ich einige interessante Themen im Hirn herumspuken, aber es gibt noch keine konkrete Umsetzung, und das wird auch noch dauern. Nun steht erstmal das Live-Spielen im Vordergrund, und im Studio widme ich mich gerade anderen Projekten. Aber eines Tages wird es wieder soweit sein, dass Alexander Paul Blake wieder an neuen EwiG-Songs basteln will und dann geht es vielleicht ganz schnell, wer weiß ..."

DH: Plant Ihr für das neue Album eine besondere Liveumsetzung? Werdet Ihr dieses Jahr auch auf den großen Festivals anwesend sein?

"Wir werden das Album unseren Mitteln entsprechend live umsetzen und versuchen, den Leuten ein paar Schauer über den Rücken zu jagen. So wie es momentan aussieht, werden die großen Festivals aber ohne uns auskommen müssen – ich vermute dahinter eine konkrete Angst der Veranstalter, dass die finsteren Gestalten aus unserem Album, die wir natürlich im Schlepptau haben werden, vor Ort mit ihrem Spuk zu viel Schaden anrichten könnten ?"

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euer Schlußwort:

"Passt auf, wenn ihr die Stereoanlage bei 'Geysterstunde I' zu leise aufdreht, denn es soll schon Fälle gegeben haben, wo die Geystwesen, die den EwiGen Klangmythos in die Welt tragen, zur Verwunderung des Hörers lautstärketechnisch noch etwas nachgeholfen haben. Wer von vorneherein laut aufdreht, spart sich derlei Spuküberraschungen. Kopfhörer und eine mitternächtliche Hörumgebung werden besonders gerne gesehen. Und falls es unter euren Lesern Menschen geben sollte, die tatsächlich noch nichts von EwiG gehört haben – die Downladsektion auf www.edenweintimgrab.de kann Abhilfe schaffen, denn dort locken allerlei freie Downloads als düstere Appetithäppchen. Wir verbeugen uns außerdem vor dem Dark-Heart-Team und danken für die Möglichkeit, unsere Geysterstunde-Propaganda unters Volk bringen zu dürfen!!"

Interview:
Alexander Paul Blake (für Eden Weint Im Grab)
Andreas Ohle (für Dark Heart Magazin)