Dein Schatten



DH: Seit wann gibt es die Band Dein Schatten? Wie fing damals alles bei Euch an?

Dein Schatten gibt es seit genau Anfang 2000. Daher auch das Pseudonym bornzero, geboren Null. Begonnen hat alles allerdings im Sommerurlaub 1999. Da lernte ich mit meiner Familie Ussama "Ussi" Christian Absi, einen ehemaligen Gruftie wie sich später herausstellte, und dessen Frau und Kind kennen. Wir besuchten uns dann regelmässig. Bei einem dieser Besuche überredete mich Ussi zum Spass mal ein dunkles Lied zu komponieren. Ich muss schon sagen, dass ich ihm den Gefallen zuerst nicht ohne einen gewissen Widerwillen tat. Zu der Zeit war ich viel mit Hip Hop Zeugs für die Hamburger Szene beschäftigt, und Cure &co waren bislang nicht mein Ding. Aber die Neugier, das Geheimnis auch dieses Musikgenres zu knacken überwog am Ende. Das Resultat konnte sich nach Meinung von Experte Ussi mehr als sehen lassen, und Ussis Freunde, die noch aktiv in der Szene verkehren, konnten nicht glauben, dass ich vorher noch nie solche Musik gemacht, geschweige denn jemals bewussst angehört zu haben. Ussama versprach mir, bei der Vermarktung zu helfen, wenn ich nun weiter in diese Richtung Songs schreiben würde.

DH: Habt Ihr musikalische Vorbilder und wenn ja, welche?

Vorbilder hat es in der Vergangenheit einige, und von den Musikstilen her, sehr unterschiedlicher Art gegeben. Vor vielen vielen Jahren bin ich allerdings mein eigener Meister geworden. Als Songschreiber bin ich bei der Suche nach Lösungen und Ausdrucksformen, schon lange selbst das Mass aller Dinge, und für meine Songs und Sounds entwickle ich meine ganz eigene, und nur für mich gültige Ästhetik.Gerne nenne ich die Namen meiner Idole, waren sie doch alle zusammen schliesslich die, die meinen Sound massgeblich beeinflusst haben.Mein Vater, ein Bergmann, war ein ganz passabler Mundharmonika und Akkordeon Spieler. Also mein Idol Nummer eins. Es gibt wohl einen direkten Zusammenhang zwischen den äusseren Einflüssen in der Kindheit, und einem Teil meiner heutigen Einstellung, wie ein Song klingen muss, bis er mir gefällt. Zu den Einflüssen gehörte demnach u.a. Hans Albers, Peter Alexander, Freddy Quinn und Konsorten. Viele Lieder voller Wehmut von der Front und aus den russischen Gefangenenlager, in die mein Vater einige Jahre eingesperrt war gehörten dazu. In der Pubertät standen für mich Bands wie die Birds, Shadows, Beatles, Rolling Stones, Troggs usw. im Vordergrund. Mein erstes Konzert hatte ich übrigens mit 12 Jahren. Mit 14 trat ich in der Dortmunder als Support von Golden Earring auf. Im Alter von 15-17 waren dann zwei Gitarristen aus meiner Geburtsstadt Dortmund ganz entscheidend für meine musikalische Entwicklung. Klaus Walz, der rockige irdige und ständig kiffende Kommunarde und Saitenzieher von der Hardrockband Epitaph, und Bernd Adamkewitz, ein im Singlehaushalt lebender, mehr intellektueller, filigraner jazzinspirierter und drogenfreier Gitarrist. Beide eiferte ich gleichsam mit demselben Enthusiasmus nach. Nimmt man jetzt noch meine YES Phase hinzu, sowie viele Jahre in denen ich Jazzgitarristen wie George Benson, John Abercrombie, John Mac Laughlin, Brian o,Connor ausgiebig studierte, so ist damit ungefähr die Basis meines heutigen Gitarrenspiels erklärt.Nun blieb es beim Gitarrenspiel allerdings nicht allein, denn ich fing frühzeitig an, eigene Songs mit Texten zu schreiben. Und für das Songschreiben und Texten waren dann ganz andere Musiker für mich wesentlich. Joni Mtchell möchte ich hier zuerst erwähnen. Wie oft hat es mir fast das Herz zerrissen, so staute sich in mir die Sehnsucht beim hören ihrer Songs. Simon &Garfunkel, Stevie Wonder, Booker T. and the MGs, Led Zeppelin und natürlich die komplette 60er Beatbandparade von Kinks und CO. hatten es mir angetan. Mit vielen von denen habe ich übrigens später zusammen auf der Bühne stehen dürfen. Die einzige Band aus jüngerer Zeit, die es aber leider auch nicht mehr gibt, deren Popsongs ich noch das Zertifikat "Genial" ausstellen würde, und die auf ihre Art die Nachfolger der Beatles hätten werden können, waren für mich die Frauenband "Bangles". Grönemeyer zolle ich auch noch meinen Respekt.

DH: Eure Musik erinnert an eine Mischung aus Bands wie Dorsetshire, Rammstein und Witt. Ist dies so gewollt und warum singt ihr auch bei vielen Songs in deutscher Sprache?

Ganz und gar nicht. Den Namen Dorsetshire z.B. höre ich heute zum ersten Mal, und von Witt kenne ich nur Die FLUT, und von Rammstein, SONNE und MUTTER. Das war es dann auch schon. Das meine Songs Ähnlich- keiten mit Witt Liedern haben könnten liegt eventuell darin, dass Witt und ich der gleichen Generation angehören, und wir zeitlich denselben äusseren Einflüssen unterworfen waren. Und auch ich hatte in den 80ern mit "Bikini Mädchen" einen kleinen NDH Hit, der aber leider, bevor er die Charts erreichte, wegen Sexismus auf dem Index kam. "Bikini Mädchen, überall so nass... Zwar damals zuviel des guten.Rammstein war früher wie ich gehört habe ja auch mehr eine Fusion + Jazzrock Band gewesen. Sowas habe ich auch viele Jahre in den verschiedensten Formationen gemacht.

DH: Wie seht Ihr die Entwicklung der deutschsprachigen Underground Musikszene? Glaubt Ihr, dass mehr Bands in Zukunft deutsch singen werden?

Die Entwicklung könnte davon abhängig sein, was in den nächsten Jahren politisch auf diesem Erdball passiert. Gibt es Krieg gegen den Irak, und breitet sich dieser aus, was nicht auszuschliessen ist, so könnte es durchaus zu einer sprachlichen Polarisierung in Europa kommen. Pro oder Kontra Amerika könnte eines Tages auch heissen, dass die Sprache auf die gesungen wird, bzw gesungen werden darf, eines Tages von oben diktiert wird. Der Underground wird dann wahrscheinlich das Gegenteil davon tun.

DH: Welche Veröffentlichungen gibt es bisher von Dein Schatten?

Es gibt bislang von DEIN SCHATTEN nur eine Veröffentlichung auf einer Compilation bei Vegaland Record. Darüber- hinaus gibt es eine kürzlich erschienene Anthologie bei USOUND von mir. Ein Werk aus fast 100 bisher unveröffentlichten Popsongs, Instrumentals, verrücktes Zeug und mehr aus den 30 Jahren meines Schaffens. Ansonsten gibt es ja noch eine ganze Menge Vinyl/ CDs/Singles etc von den Acts mit denen ich früher gespielt habe, sowie diverse Soloalben von mir. Alles in allem 250 000 verkaufte Exemplare dürften da wohl schon mittlerweile zusammen gekommen sein.

DH: Wie lange dauerten die Aufnahmen zu der CD Ewiges Eis? Wie gestaltete sich die Studioarbeit?

An "Ewiges Eis" sowie 10 weitere Titel für die Live- performance habe ich zwei Jahre gearbeitet. Die Umstände der Produktion waren bisweilen sehr stressig. Es erforderte ein gehöriges Mass an zeitlicher Planung und Organisation, denn ich musste in diesen zwei Jahren nebenher noch meine Tochter betreuen. "Nebenher" ist bei einem anderthalbjährigen Kind geschönt beschrieben. Das hiess dann den Spazierweg jeweils so zu gestalten,dass das Kind immer dann müde wurde, wenn der Proberaum in der Nähe war. Dann konnte ich Anna dort ein Bett aus Decken zubereiten, und dann maximal 2 1/2 Stunden wie Besessen reinklotzen. Kann gut sein, dass bei ruhigen Passagen auf der CD, noch die Schlafgeräusche der Kleinen zu hören sind. Getextet habe ich nachts im Bett, oder Tags auf dem Spielplatz. Hätten die anderen Eltern auf dem Spielplatz gewusst was ich dort zusammen- getextet habe zB "Das Tier", ich glaube die hätten mit ihren Kindern fluchtartig den Spielplatz verlassen, und mir die Polizei auf dem Hals geschickt.

DH: Habt Ihr einen ganz persönlichen Lieblingssong auf dem Album und wenn ja wovon handelt er?

Nein. Jedes Lied ist ein Kind von mir. Alle sind auf ihre Weise gut gelungen, daher wird keines bevorzugt.

DH: Wovon handeln Eure Texte und welche Bedeutung misst Ihr den Texten bei Eurem Album und auch generell bei?

Den Dreck habe ich mir schon von der Seele geschrieben. Ebenso meine soziale und leicht messianische Ader spielte beim Texten eine Rolle. Es gibt Kritiker, die einige Texte zu plakativ empfinden. Dazu kann ich nur soviel sagen: Um einerseits eine Geschichte unterhaltsam und spannend zu erzählen, und andererseits gleichzeitig zu versuchen neue musikalisch ästhetische Wege zu erschliessen, erfordert einen Spagat. Ich mache ja keine Avantgarde a la Stockhausen. Ich mache im weitesten Sinne Popmusik. Im Falle von "Ewiges Eis", angeschwärzte Popmusik. Der Zuhörer braucht etwas, woran er sich festhalten kann. Ich gebe es ihm, sei es durch irgendein Muster, dass er wiedererkennt. (ZB die klassische Struktur ABABCBB, auf die viele Songs aufgebaut sind,) oder durch die Verwendung bereits bekannter Melodien, die ich aber mit neuen unbekannten Sounds mische, und mit Texten, die der Zuh rer hier so nicht erwartet h tte. Oder ich benutze absichtlich ein Wort, dessen Metapher dem Zuhörer schon hinlänglich bekannt ist. und kann den Hörer jetzt dafür mit anderen fremden und schrägen Dingen überraschen und beglücken, ohne dass der nun gleich den Kopfhörer aus unverständnis in die Ecke legt. Zu meinem Glück, hat die grosse Mehrzahl der Rezensenten meine Intention auch richtig erkannt.

DH: Wie seht Ihr Eure künstlerische Arbeit. Was bedeutet sie Euch?

Ich brauche meine Musik wie meinen Herzschlag. Würde ich heute aufhören Musik zu machen. lebte ich ein wirklich neues Leben, da bin ich mir sicher. Der Gedanke daran ist irgendwie faszinierend. Zwar ist mein Leben für hiesige Verhältnisse von einigen Armutsphasen durchzogen, die mir in anderen Berufen sicherlich erspart geblieben wären, doch trotzdem kommt mir nicht in dem Sinn der Kunst den Rücken zu kehren.

DH: Tretet Ihr auch live auf? Wie hat man sich einen Auftritt von Dein Schatten vorzustellen?

Anfang/Mitte 2003 wird es eine Europatour geben. Zur Zeit bin ich dabei die Musiker für die Band zu suchen. Klar ist; nur die Besten werden dabei sein. Ich habe 3000 Konzerte in Europa/USA/Japan hinter mir, und ich hoffe vor mir liegen nochmal genauso viel. Wir werden die Konzerte mit "Er kommt zurück" beginnen, so kommt die Doppeldeutigkeit des Titels in Bezug auf meine Person richtig zur Geltung. Aus dem Off werde ich den Song einleiten, während die Band auf der Bühne hantiert. Dann werde ich während des Songs die Bühne betreten, den Kopf in einem weissen Farbeimer stecken dodann den schwarzen Schattenstrich längs über dem Kopf schmieren und im weiteren Verlauf der Show dann zum TIER mutieren, vor allem auf dem Griffbrett, denn auf der Studio CD ist ja gitarrentechnisch nur die Spitze vom Eisberg zu hören, hatte ich doch bei der Studioarbeit viel zu wenig Zeit zum üben.

DH: Seid Ihr in der Szene viel unterwegs? Wie sieht es mit Clubs und Veranstaltungen in Eurer Gegend aus?

Ussi nicht, ich nicht. Wenn man Familie hat ist sowas Vergangenheit. Als Musiker war es auch früher schon für mich langweilig in einem Club abzuhängen.

DH: Wie seht Ihr die Bedeutung des Internets? Habt Ihr selber eine Webseite? Was denkt Ihr über MP3s?

Zum promoten ist das für mich optimal. Ich telefoniere nicht gerne, und Post dauert oft zu lange, und dabei geht leicht Dynamik verloren. Ich habe schon einige Interessante und erfreuliche Kontakte geknüpft. Inwieweit die allerdings dann im realem Leben gültig sind und Bestand haben, wird sich noch zeigen. Die Gefahr ist, das sich der Blick für die Umwelt verzerrt, und man eventuell schon nicht mehr mitbekommt, wann man sich seine Probleme, durch Internetflucht entzieht. www.dein-schatten.de ist unsere Seite, die von einem Bekannten Ussis professionell erstellt und betreut wird.MP3 muss nicht sein. Das 1/3 der Schallplattenläden dieses Jahr zumachen müssen, ist kein gutes Zeichen. Ich bin auch schon etwas zuweit gegangen mit meinem Anbieten von Songs im Net. Sobald DEIN SCHATTEN die ersten Konzerte gibt, wird es von uns in dieser Richtung nichts mehr geben, da werden wir uns strikt verriegeln.

DH: Jetzt könnt Ihr noch etwas loswerden, was Ihr schon immer mal sagen wolltet.

Zuerst möchte ich meiner Frau für ihre Engelsgeduld danken, denn zur Zeit bin ich ziemlich egoistisch, und nicht besonders einfach. Den Platz nutze ich hier dann noch, um auf die Aktion "Make the Vision Europe-overcome War" hinzuweisen, eine gemeinschaftliche Initiative von der Magdeburger Band Creutzfällltjacob und mir. Mittlerweile auf mehr als 40 Bands angewachsen, und unterstützt von Attac, einem Label sowie einigen Veranstaltern, kommen wir dem Ziel mit jedem Tag näher, in Europa eine Art musikalische Peacefront aufzubauen. Die Politik hat versagt, in Israel, in den USA, und bei uns. Wir brauchen keine Bomben und Lügen, wir brauchen eine neue Vision. Wer Interesse hat mitzumachen, kann sich übrigens gerne bei uns oder Attac melden.

DH: Euer Schlusswort:

Ich bedanke mich ebenfalls ganz herzlich bei Dir Andreas, und den Lesern vom Dark Heart Magazin. Ich wünsche uns allen, dass die UN es schafft, Amerika von ihrem schwerwiegenden Vorhaben den Irak anzugreifen noch abhalten kann, denn sonst sehe ich eine sehr sehr düstere Zeit auf uns alle zukommen.

Interview: Andreas Ohle