Darkseed




DH: Seit wann gibt es eigentlich Darkseed? Könnt Ihr Euch noch an die Anfänge erinnern? Wie ist der Name damals entstanden?

Der Name entstand 1992 bei den Aufnahmen unseres ersten Demos. Das Demo war fast fertig, aber wir hatten immer noch keinen Bandnamen. Da kam unser ehemaliger Drummer mit der Idee, die Band Darkseed zu nennen, da er ein Computerspiel mit diesem Namen gespielt hatte. Wir bekommen immer noch Emails, wo Leute nach Lösungshilfen für das Spiel fragen, hehe. Einen genauen Gründungstag gab es nicht, ich habe mit unserem ehemaligen Drummer in einem Haus gewohnt, und wir haben seit ca. 1991 Musik gemacht. Von Monat zu Monat wurde das Material besser und stilistisch klarer, und gegen Mitte 1992 haben wir dann unsere ersten "richtigen" Songs geschrieben, die auch auf diesem ersten Demo sind. Diesen Zeitraum würde ich als Gründung der Band bezeichnen.

DH: Wie ist Euer aktuelles Line-Up? Wie fühlt ihr Euch als Band eigentlich? gibt es eine Art Gruppengefühl, die Euch immer wieder zu neuer Kreativität inspiriert?

Wir sehen und fühlen uns als Band, weil wir genügend Zeit miteinander verbringen, die Schattenseite des Musikerdaseins und die Freudenmomente schweißen natürlich zusammen. Die Kreativität findet jedoch im stillen Kämmerlein statt. Die Songs werden zu Hause im eigenen Homestudio geschrieben, und erst wenn sie fast fertig sind, setzt sich die ganze Band damit auseinander und gibt Verbesserungsvorschläge. Kreativität hat viel mit "in sich hineinhören" zu tun, und das geht am besten, wenn man alleine ist.

DH: Bei Darkseed fällt vor allem die unglaubliche musikalische Entwicklung auf, die ihr seit dem ersten Mini-Album "Romantic Tales" hattet. Was sich seitdem für Euch alles verändert? Geht Ihr heutzutage anders an einen Song heran an früher?

Mit zunehmendem Alter und der gewonnenen musikalischen Erfahrung geht man generell lockerer ran und beschränkt sich wirklich auf das, was man sagen will. Wenn ich für mich persönlich spreche, so macht sich das vor allem darin bemerkbar, dass ich immer den Namen Darkseed und die Bandgeschichte vor mir sehe, bzw. meinen kreativen Kopf, und dann die Songs/Texte mache. Ich denke nicht daran "wie werden die Reviews aussehen, klingt es vielleicht doof oder peinlich oder nach einer anderen Band" etc. Ich mache einfach, was gerade in dem Moment gemacht werden muss. Sozusagen "kreative Gelassenheit". Vor 12 Jahren wussten wir natürlich überhaupt nichts über die Musikwelt, es gab so viele Geheimnisse (Plattenfirmenstruktur, Magazinstruktur, Studiowelt usw.), diese Geheimnisse sind gelüftet und man setzt seinen Schwerpunkt wirklich auf das Produkt, ohne ans Umfeld zu denken oder Panik zu schieben/unruhig/aufgeregt zu sein.

DH: Wie gelingt es Euch diese Balance zwischen kraftvollem Powersound und melodischem Metal zu erreichen. Ist dies das Ergebnis jahrelanger Erfahrung? Habt Ihr da eine Art Geheimrezept?

Weil wir das Bedürfnis nach beidem haben. Einerseits musikalische und gesangliche Härte, andererseits aber das Bedürfnis nach melodischer Harmonie und Auflockerung. Und es hat – wie du richtig annimmst – etwas mit Erfahrung zu tun. Als Songwriter hat man mit der Zeit den Drang, Melodien catchy zu machen, was nichts mit Kommerz zu tun hat, sondern einfach mit der Tatsache, dass man nach so vielen Jahren Metal einfach mehr braucht, um wirklich von den eigenen Songs mitgerissen zu werden um damit die Motivation/Energie aufzubringen, weiterzuschreiben und Spaß dran zu haben. Geheimrezept, hm… sich nicht zu schnell zufrieden zu geben. Wenn den Songwriter das Material nicht packt, dann unbedingt weiter dran schreiben und nicht denken "ne, das wird schon gut sein". Außerdem eng mit dem Sänger zusammenarbeiten, die Gesangslines reißen verdammt viel raus.


DH: Nach dem Album "Astral Adventures" im Jahr 2003 war es längere Zeit ruhig gewesen um Darkseed. Was waren die Gründe hierfür?

Das Album war nicht besonders aufregend, dementsprechend wurde auch die Promo etwas zurückgefahren, was ich nachvollziehen kann. Ich habe mich dann erstmal 1,5 Jahre aus dem Metalgeschäft zurückgezogen und mich auf ein Nicht-Musiker-Leben konzentriert, bzw. nebenbei eher ethnische Musik gemacht (Shiva in Exile, düstere Soundtrackmusik mit ethnischen Gesängen). Die Pause war sehr wichtig und hat viel Orientierungshilfe für Darkseed geleistet, weil durch den Abstand klar wurde, was uns fehlt. Härte und Frische.

DH: Euer neues Album heißt "Ultimate Darkness". Wie lange dauerten die Aufnahmen zu dem neuen Album "Ultimate Darkness" und wo fanden sie statt? Was soll der Titel ausdrücken? Befindet Ihr Euch auf der Suche nach "Ultimate Darkness" oder habt Ihr sie während den Aufnahmen zu dem Album bereits gefunden?

Wir haben ab Ende Juni die Songs geschrieben und sind dann Anfang September ins Studio gegangen, wo wir bis mitte November an "Ultimate Darkness" gearbeitet haben. Das Studio wird von unserem Gitarristen Tommy Herrmann geleitet, daher war die Arbeit natürlich sehr angenehm. "Ultimate Darkness" ist eine Anspielung auf unser meiner Meinung nach bisher bestes Album "Diving Into Darkness" und soll außerdem den textlichen roten Faden aufgreifen. Konzeptionell geht es um alle Formen von "persönlicher Dunkelheit", die dem Menschen in seinem Alltagsleben widerfahren kann. Orientierungslosigkeit, Hass, Oberflächlichkeit der Mitmenschen, Werteverlust, Enttäuschungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, Fassungslosigkeit über unseren Umgang mit Mensch und Natur. Nein, "Ultimate Darkness" braucht man nicht zu suchen, da sie jeder hat und gerne loswerden möchte. Wir bieten zwar keine Hilfe dabei, sie loszuwerden, aber wollen Trost spenden, dadurch dass wir über Probleme schreiben, die einfach jeder Mensch haben könnte. Interessant ist, dass viele Metalfans zu uns finden, indem sie unsere CDs in sehr schwierigen oder entscheidenden Lebenssituationen hören. Das ist mir in Gesprächen mit Fans schon oft aufgefallen und eigentlich einer der Hauptgründe, warum ich wieder bei Darkseed eingestiegen bin. Da ich denke, das wir den Menschen was zu sagen haben, auch wenn es natürlich nur in Form von Songtexten ist, die nicht unbedingt einen Literaturpreis verdienen. Wir sprechen die Sprache der Menschen, jeder kann die Texte verstehen, und trotzdem sind sie meiner Meinung nach nicht plump. Ein schwierige Spagat und bei jedem Album eine neue Herausforderung für mich als Texter.

DH: Beim Anhören des neuen Albums fällt auf, dass manche Songs zweisprachig (deutsch / englisch) sind. Welche Gründe gab es dafür? Gibt es bestimmte Dinge, die man besser in Deutsch als in Englisch singen kann?

Es gab keinen Grund, es ist einfach so passiert beim Entwickeln der Gesangslines. Zuerst war ich selber etwas skeptisch, aber nach 2-3 mal hören wollte ich es auf keinen Fall ändern. Die Fans wollten sogar mehr davon, manche Magazine sehen das leider anders, hehe. Hätte nicht gedacht, dass diese wenigen deutschen Zeilen für Gesprächsstoff sorgen, aber es freut mich, dass man darüber spricht. Sie wecken den deutschen Hörer auf, zumal es Zeilen sind, die Kernaussagen der einzelnen Texte wiedergeben. Ich würde es gerne beim nächsten Album wiedermachen, aber einen komplett deutschen Song wird es nicht geben. Es soll eher eine Auflockerung sein.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song My Burden. Wie entstand die Idee zu dem Lied und wovon handelt es?

Ich muss gestehen, der Song war ursprünglich ein asiatisch/elektrischer Song (daher noch der Anfang mit dieser komischen Panflöte). Mir gefiel die Elektronik so gut, dass ich daraus einen Darkseed-Song machen wollte, der sich dann in eine komplett andere Richtung als ursprünglich geplant entwickelt hat. Er handelt davon, wie ich uns Menschen in der heutigen Zeit sehe. Und zwar als Last für den kompletten Rest der Schöpfung. Ohne uns würde es der Erde besser gehen, und da wir sozusagen im Schöpfungsprozess komplett destruktiv und daher unnütz sind, singe ich "Wir sind Verderben, and this is my burden".


DH: Wie entstehen generell die Songs bei Euch. Wer hat die Ideen. Gibt es eine Person, die alle Songs schreibt oder schreibt Ihr die Songs als Gruppe zusammen?

Bei diesem Album haben Tommy und ich uns die Arbeit am Songwriting geteilt (8 Songs sind von mir, 4 von Tommy), da wir beide am Längsten dabei sind und dadurch relativ sicher in Punkto Darkseed-Style sind. Jeder macht seine Songs zu hause und schickt sie anschließend als MP3 an den Rest der Band, und danach wird auf Verbesserungsvorschläge eingegangen, sofern sie der einzelne Songwriter auch akzeptiert. Ich habe lange am Refrain von Sleep Sleep Sweetheart rumgemeckert, Tommy wollte ihn aber nicht ändern, nun ist er so geblieben und ist einer der stärksten Songs des Albums. Tommy und ich arbeiten jetzt schon seit 10 Jahren bei Darkseed zusammen, wir wissen genau, wie wir am effektivisten aus der Sache rausgehen, daher gibt es keinerlei Reibungspunkte. Vielleicht schreiben wir nächstes Mal die Songs mehr als Gruppe, aber das wird sich erst in naher Zukunft abzeichnen. Das Resultat zählt, und wer letztendlich die Songs schreibt, spielt für den Fan ja keine Rolle, hauptsache das Material hat was, was berührt.

DH: Ihr geht auch live auf große Tournee. Wann kann man Darkseed in Deutschland live sehen. Sind schon Konzerte geplant? Spielt Ihr dieses Jahr auch auf einigen Festivals?

Die ersten Einzelgigs sind gebucht (März), einige Festivals kommen sicher auch hinzu. Eine Tour ist erstmal nicht geplant, aber eher aus persönlichen Gründen, da wir alle zu viel zu tun haben, auch außerhalb von Darkseed. Aber ein tolles Angebot würden wir natürlich nicht abschlagen.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Euch alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Euch gehört das Schlusswort.

Danke ebenfalls für das Interview, die Frage mit "Suche nach ultimativer Dunkelheit" hat mir sehr gut gefallen, daran habe ich noch gar nicht wirklich gedacht. Ich sag mal so, wer diese Dunkelheit noch nicht gefunden hat, soll froh sein, denn dann hat er/sie ein zufriedenes Leben. Wer sie bereits gefunden hat (das werden die meisten sein), sollten mal in die CD reinhören, vielleicht finden sie sich in ihr wieder.

Interview: Andreas Ohle