Borgia Disco



DH: Wie heißt die neueste Scheibe?

Christian Dörge: Es gibt z.Zt. zwei aktuelle Borgia Disco-Veröffentlichungen: die E.P.-CD ‘Atomic’ sowie das Album ‘Conversations With The Iron Orchid’ (inkl. der Bonus-CD ‘The Ghost Of Multiple Feature’).

DH: Wo kann man sie bekommen?

Christian Dörge: Über unseren Vertriebszweig Manufaktur, beim Label oder ggf. bei Mailorder-Shops wie infrarot.de oder indietective.de. Für’s Ausland wurden jeweils individuelle Vertriebsmodelle gewählt.

DH: Wie sind diese Veröffentlichungen bei euren Fans angekommen? Welche Reaktionen gab es von Seiten der (Szene-Fach-) Presse?

Christian Dörge: Die Reaktionen von Fans und Presse waren sehr, sehr gut, mitunter sogar recht euphorisch. Allerdings ließ ein Rezensent durchblicken, er habe so seine Probleme mit den avantgardistischen Elementen von Borgia Disco.

DH: Wie lange hast du an der Fertigstellung der neuen CDs gearbeitet? Wo wurde sie aufgenommen und produziert?

Christian Dörge: Ich habe die Songs - wenn ich mich recht entsinne - ab August 2007 geschrieben und anschließend einige Demos produziert. Die Studio-Aufnahmen dauerten von Dezember 2007 bis Juli 2008; die Produktion fand - wie üblicherweise seit 2005 - im Parkland-Studio in Linköping und im Rosenlundsvägen 24-Studio in Stockholm statt.

DH: Wurdest du bei der Produktion von jemandem hinter den Reglern unterstützt oder lag alles in deinen Händen?

Christian Dörge: Seit 1993 - also seit meinem ersten Album - bin ich auch als Produzent für meine Musik verantwortlich; daran hat sich auch hinsichtlich Borgia Disco nichts geändert.

DH: Welche Anforderungen stellst du persönlich an einen guten Song?

Christian Dörge: Ein Song muß mir ganz einfach nur gefallen, er muß mich intellektuell und sinnlich berühren.

DH: Wenn du neue Songs komponierst, benötigst du eine bestimmte innerliche Stimmung oder eine besondere Atmosphäre?

Christian Dörge: Nein. Ein gewisses Ausmaß an Ruhe ist jedoch recht vorteilhaft.

DH: An welchen Orten kannst du dich am besten auf das Schreiben neuer Songs und Texte konzentrieren?

Christian Dörge: In einem gemütlichen Tonstudio in den schwedischen Wäldern.

DH: Welche Themen greifst du in deinen Texten auf und durch was läßt du dich beim Texten inspirieren?

Christian Dörge: Mein künstlerisches Werk ist derart umfangreich wie die darin verarbeiteten Themen zahlreich sind... ‘Atomic’ und ‘Conversations With The Iron Orchid’ z.B. sind ausgesprochen literarisch inspiriert.

DH: Wie wichtig sind dir deine Texte? Nehmen sie in der Musik von BORGIA DISCO einen großen Stellenwert ein oder siehst du die Texte eher als Beiwerk zur Musik?

Christian Dörge: Meine künstlerischen Wurzeln gründen sich in Literatur und Theater; dementsprechend relevant und ausgearbeitet sind auch meine Song-Texte - sie stehen absolut gleichberechtigt neben der Musik.

DH: Wer verbirgt sich alles hinter BORGIA DISCO?

Christian Dörge: Grundsätzlich zunächst einmal nur ich; ich komponiere die Musik, schreibe die Texte, produziere, arrangiere, singe... ich lade jedoch auch bisweilen Menschen, die mir künstlerisch und freundschaftlich verbunden sind, ein, gesanglich an Borgia Disco mitzuwirken. Im Zusammenhang mit den aktuellen Veröffentlichungen waren dies Zasu und Stina Suntland, die seit 2005 auch gemeinsam mit mir bei Syria zusammenwirken (und die als The Atomic Nurses zwei ganz wundervolle Alben veröffentlicht haben), sowie Ralf Jesek (von In Myr Rosary und Mary’s Comic).

DH: Gibt es so etwas wie eine grundsätzliche Idee, die sich hinter BORGIA DISCO verbirgt?

Christian Dörge: Daß Musik auch Kunst sein darf. Daß Musik nicht zwangsläufig Konsenz bedeuten muß.

DH: Wie, wo und wann kam es zur Gründung von BORGIA DISCO?

Christian Dörge: Wenn ich mich recht entsinne habe ich Borgia Disco im November 2006 ins Leben gerufen - ich habe damals den Song ‘2046’ als Demo aufgenommen; dieses Demo ist später als additional track auf der MCD ‘Utopia’ erschienen. Das ‘Wie’ war wohl eher unspektakulär, eines spezifischen ‘rituellen’ Vorganges kann ich mich nicht erinnern... und das ‘Wo’ war unser Studio in Linköping.

DH: Deine Band gibt es ja nun schon seit einigen Jahren. Wie zufrieden bist du mit dem bisher Erreichten und was würdest du ändern, wenn du die Zeit zurückdrehen könntest?

Christian Dörge: Borgia Disco entwickelt sich ganz genau so, wie ich es mir erhofft hatte - künstlerisch, geschäftlich, in jeder Hinsicht. Ich kann in Ruhe arbeiten, niemand mischt sich ein, ich mag die Songs, die ich aufgenommen habe sehr gern - was will ich mehr? Nachträglicher Korrekturen bedarf es nicht.

DH: Was sollten wir alles aus der Bandgeschichte von BORGIA DISCO wissen?

Christian Dörge: Daß mir der Song ‘Utopia 33 1/3’ ganz besonders am Herzen liegt.

DH: Wieso hast du dich für den Bandnamen BORGIA DISCO entschieden? Steckt für dich dahinter einer tiefere Bedeutung?

Christian Dörge: Der Name Borgia Disco bezieht sich - selbstverständlich - auf Lucrezia Borgia und ist für mich ein Synonym des Mißverständlich-Bedrohlichen.

DH: Was war für dich das Schlüsselerlebnis selbst Musik machen zu wollen?

Christian Dörge: Meine ersten musikalischen Arbeiten entstanden Anfang der (19)90er Jahre im Zusammenhang mit mehreren Theaterstücken, die ich geschrieben und inszeniert habe; von diesen Anfängen war es nur ein kleiner Schritt zum Aufnehmen von Platten. Ein Schlüsselerlebnis war dementsprechend eine ganz bestimmte Faszination, die ich in der Verknüpfung von Musik mit dramaturgischen Elementen gefunden habe.

DH: Was glaubst du, wie wichtig sind in der heutigen (Gotik-) Musiklandschaft das Image und das Erscheinungsbild einer Band? Unterwirft sich BORGIA DISCO irgendeiner Kleiderordnung?

Christian Dörge: Ich habe schon vor mehr als einer Dekade aufgehört, mich konkret für die Gothic-Szene zu interessieren. Borgia Disco definiert sich durch künstlerischen Anspruch und keineswegs durch Dresscodes.

DH: Wen siehst du als das typische BORGIA DISCO-Publikum an? Gibt es ein bestimmtes Publikum, daß du mit deiner Musik ansprechen möchtest?

Christian Dörge: Grundsätzlich sollten schlicht und ergreifend die Menschen Borgia Disco hören, die Lust dazu haben... einen Marketing-Masterplan benötige ich nicht. Ich wünsche mir ein Publikum, welches sich die Platten in Ruhe anhört und empfänglich ist für die musikalischen und textlichen Feinheiten. Und wenn ich das Feedback korrekt einschätze, so habe ich ein solches Publikum erreicht.

DH: Gibt des ‘den’ Unterschied zwischen dem deutschen Publikum und anderem Publikum im Ausland?

Christian Dörge: Ich glaube nicht, daß es diese Art der Unterscheidung gibt resp. geben sollte.

DH: Gibt es eine gängige Schublade für die Musik von BORGIA DISCO? Wie beschreibst du Leuten deine Musik, die dich noch nie zuvor gehört hat?

Christian Dörge: Es gibt gewiß keine Schublade für die Musik von Borgia Disco; wie auch bei Syria bevorzuge ich einen diversen, heterogenen Sound - weswegen ich meine Musik auch tendenziell eher nicht beschreibe. Erwartet das Unrerwartete.

DH: Wie wichtig ist für BORGIA DISCO (musikalischer) Erfolg?

Christian Dörge: Nun, solcherlei hängst zunächst einmal davon ab, wie man Erfolg definiert. Reduziert man Erfolg auf den rein geschäftlichen (also finanziellen) Aspekt, so ist diese Art von Erfolg für mich von eher sekundärer Bedeutung. Gut, geschäftliche Stabilität (und Rentabilität) verschafft mir letztlich die Möglichkeit, vollkommen autonom zu arbeiten und die Dinge ohne Kompromisse umsetzen und verwirklichen zu können, was ohne Frage einigermaßen beruhigend ist. Aber Erfolg ist für mich in erster Linie ein künstlerischer Erfolg - und dieser ist für mich von immenser Relevanz.

DH: Würdest du dich vielleicht auch (musikalisch) verbiegen lassen, um dadurch eventuell erfolgreicher zu werden, einen fetten Label-Deal zu bekommen und bei Viva & MTV den lieben langen Tag präsent zu sein?

Christian Dörge: Man hat im Verlauf der (19)90er Jahre unverdrossen versucht, mich in künstlerischer Hinsicht zu verbiegen; schon damals habe ich derlei Anwandlungen nicht an mich herangelassen - an dieser Einstellung meinerseits hat sich bis heute nichts geändert, und ich verspüre auch keinerlei Interesse, dies künftig zu tun. Nebenbei: Mit meinem Label bin ich mehr als zufrieden.

DH: Verbindest du mit Musikmachen irgendwelche Träume?

Christian Dörge: Nein.

DH: Mit welchen Schwierigkeiten hast du momentan als Künstler am meisten zu kämpfen? Oder läuft bei BORGIA DISCO alles so, wie es laufen sollte?

Christian Dörge: Es läuft alles wunderbar. Ich habe nur viel zu wenig Freizeit.

DH: Was kannst du uns über die Live-Aktivitäten von BORGIA DISCO berichten? Bekommt ihr oft Gelegenheit live zu spielen?

Christian Dörge: Borgia Disco ist als reines Studio-Projekt angelegt, dementsprechend kümmere ich mich weder gedanklich noch im praktischen Sinne um Konzerte. Allerdings ist momentan für den Herbst d.J. eine Syria-Tour angedacht.

DH: Ist es für BORGIA DISCO wichtig, auch im Internet vertreten zu sein?

Christian Dörge: Gewiß, aber nur in eher dezenter Weise. Die etwas arg großspurigen Web-Auftritte vieler anderer Musiker sind meine Sache nicht.

DH: Was möchtest du in naher Zukunft (musikalisch) mit BORGIA DISCO erreichen?

Christian Dörge: Ich möchte den Dingen einfach weiter ihren Lauf lassen. Im Januar habe ich die Aufnahmen und das Mixing des dritten Borgia Disco-Albums abgeschlossen, welches 2010 veröffentlicht werden wird; ggf. werde ich im Verlauf dieses Jahres noch eine Maxi-CD produzieren, aber das ist eine Zeitfrage, weil ich im Verlauf der kommenden Monate sehr eingespannt sein werde mit den Aufnahmen für’s neue Syria-Album und für eine literaturvertonende CD.

DH: Was war 2008 deine schönste Erfahrung als Musiker?

Christian Dörge: Oh, da gab es einige - das Album ‘Lycia. Redux’ zum Beispiel. Oder die Aufnahmen für’s dritte Borgia Disco-Album. Und die Syria-Songs ‘Emma Peel’ und ‘Musings Of A Cigarette Smoking Girl’. Eigentlich ließe sich die Liste noch recht umfänglich fortsetzen...

DH: Gab es für dich 2008 auch weniger erfreuliche Ereignisse?

Christian Dörge: Ja.

DH: Kannst dich denn zu einem bestimmten Termin hinsetzen um an den neuen Songs zu arbeiten oder ist dies gänzlich stimmungsabhängig bei dir?

Christian Dörge: Ich bin ein ziemlich stimmungsunanhängiger Mensch; folglich schreibe ich Songs immer dann, wenn es erforderlich ist - ich hab’ lediglich gern meine Ruhe dabei.

DH: Was geht dir eigentlich im Kopf herum, wenn du Musik machst?

Christian Dörge: Noten.

DH: Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Christian Dörge: Gar nicht.

DH: In welchem Land würdest du gern auf Tour gehen?

Christian Dörge: In Lummerland.

DH: Welches Land hat dich auf deiner letzten Tour am meisten beeindruckt?

Christian Dörge: Die letzten Tour - eine Syria-Tour - liegt schon sechs Jahre zurück, aber am meisten beeindruckt haben mich die Konzerte in Schweden, England und Frankreich.

DH: Was war das schönste oder ausgefallenste Fan-Geschenk?

Christian Dörge: Eine antiquarische Ausgabe der gesammelten Werke von Lord Byron.

DH: Und was machst du mit deinen Fan-Geschenken?

Christian Dörge: Im vorgenannten Fall - lesen. Ansonsten liebevoll aufbewahren.

DH: Was war das peinlichste, das dir je passiert ist?

Christian Dörge: Ich habe mal ein Album mit Tilo Wolff und Oswald Henke aufgenommen.

DH: Was für Pläne hast du für 2009?

Christian Dörge: Momentan beschäftige ich mich mit Promotion für die aktuellen Veröffentlichungen von Syria und Borgia Disco. Ansonsten bin ich umfänglich im Studio aktiv - seit Januar arbeite ich mit Zasu und Stina an einem neuen, ziemlich vielversprechenden Syria-Album, nehme zeitgleich ein literaturvertonendes Album auf, welches stilistisch an ‘Lycia. Redux’ anknüpfen dürfte - ferner spiele ich mit dem Gedanken, ein Hörbuch aufzunehmen. Und darüber hinaus erwägen wir eine Syria-Tour für den Herbst. Ach ja, zwischendurch ein wenig Urlaub wäre nicht schlecht...

DH: Was würdest du für Geld niemals tun?

Christian Dörge: Nochmals ein Album mit Tilo Wolff und Oswald Henke aufnehmen.

DH: Wenn sich jemand in dich verliebt, ein Fan, und du weißt davon, was machst du dann?

Christian Dörge: Ich verhalte mich weiter freundlich und höflich.

DH: Sehr private Frage: Bist du Single oder vergeben?

Christian Dörge: Sehr vergeben.

DH: Wie sieht deine Traumfrau aus?

Christian Dörge: Siehe www.myspace.com/zasusite.

DH: Welche Vorbilder oder Helden hast du?

Christian Dörge: Da gibt es zwangsläufig einige, wenn auch aus denkbar unterschiedlichen Gründen - Michael Moorcock, weil er wunderbare Bücher geschrieben hat; Jean Cocteau, weil er ein auf vielseitigste Weise genial begabter Künstler war; James Joyce, weil er sich jegliche künstlerische Exzentrik gestattet hat, gleichzeitig jedoch als Privatmensch sehr geerdet war; Wayne Hussey, weil er ein netter Mensch ist; meine Frau, weil ich sie für ihre Klugkeit und Kultiviertheit bewundere; Stina Suntland, weil sie ein ungewöhnlich spiritueller Mensch ist; Phillip Boa, weil er die Songs ‘König Hedon’ und ‘Eva In The Froggarden’ geschrieben hat; Franz Kafka, weil er stets einziartig und unverwechselbar geblieben ist; und natürlich Mervyn Peake, weil mich seine ‘Gormenghast’-Bücher immer wieder beeindrucken und zutiefst bewegen.

DH: Was willst du nach der Musik machen?

Christian Dörge: Ich beabsichtige nicht, in absehbarer Zeit mit dem Musizieren aufzuhören. Aber ich hätte gern mehr Zeit zum Theaterspielen.

DH: Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Christian Dörge: Urlaub.

DH: Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Christian Dörge: Meine Frau, meine Tochter, meine Bibliothek.

Discographie Borgia Disco:

‘Utopia’ (Maxi-CD) - 2008
‘Travels In The Scriptorium’ (Album-CD) - 2008
‘Atomic’ (E.P.-CD) - 2009
‘Conversations With The Iron Orchid’ (Album-CD) - 2009

www.myspace.com/borgiadisco2007
www.virb.com/borgiadisco

Interview: Claudia Wagner (für Dark Heart 03/09)