Andreas Gross



DH: Erzähl uns bitte zunächst etwas über Dich und Deine musikalischeEntwicklung. Seit wann bist Du musikalisch aktiv?

Selbst Musik komponiere ich seit 1991, das war kurz vor meinem Abitur. Damals habe ich mit einem Kumpel ziemlich bizarres Zeug gemacht; wir hatten sein Casio-Keyboard und ein Mono-Mischpult, das 16,- DM gekostet hatte und mit einer Batterie lief. Echt übel! Aber von da an gings immer weiter aufwärts, bald hatte ich meinen ersten richtigen Synthesizer, einen Yamaha SY-85, ein kleines richtiges Mischpult und einen DAT-Rekorder, damit konnte man schon halbwegs hörbare Songs aufnehmen. Da ich seit diesen Tagen die meiste Zeit damit verbringe, irgendwelche Töne zu produzieren, kam natürlich innerhalb so vieler Jahre auch eine ganze Menge Schrott mit dabei heraus; trotzdem war alles wichtig, um musikalisch dahin zu gelangen, wo ich jetzt bin. Nunmehr habe ich ein eigenes Tonstudio und kann meine Alben sogar selbst mastern. Wie ich schon öfters erwähnt habe, sind aber die im Moment auf Echozone erhältlichen Alben die einzigen, die ich guten Gewissens auf die musikhörende Menschheit loslassen kann.

DH: Deine Musik würde ich durchaus beeinflußt durch Wave und Pop sehen. Stimmst Du mir da zu? Wie kommt es, dass Du diese Art von Musik machst?

Klar, da stimme ich dir zu und natürlich kann auch ich mich nicht von äußeren Einflüssen frei sprechen, aber das ging ja durch die zweitausendjährige abendländische Musikkulturgeschichte jedem Komponisten so. Nun, meistens macht man die Musik, die man selbst am liebsten konsumiert, nicht wahr?

DH: Welche musikalischen Vorlieben hast Du selber? Gibt es bestimmte Bands, die zu Deinen Alltime Favourites zählen?

Sicher, die gibt es. Manchmal hab ich solche Phasen, wo ich tatsächlich nur Musik von einer Band höre, bis ich es leid bin. Während einer Albumproduktion meide ich allerdings Musik von anderen Leuten, um mich nicht beeinflussen zu lassen und unbewusst etwas zu kopieren. Meine All-Time-Favourites sind A Perfect Circle, Phillip Boa, dem ich mich musikphilosophisch am nächsten fühle, Depeche Mode, The Cure, NIN. Manche Sachen von The Birthday Massacre find ich ganz witzig, deshalb haben wir die auf "Hail..." gecovert. Ich hör noch mehr, aber das würde hier zu weit führen.

DH: Dein aktuelles Album heißt “Hail To The Employee". Wie lange dauerten die Aufnahmen zu der CD und wo fanden sie statt? Gab es zuvor schon Veröffentlichungen von Dir?

Die Aufnahmen zu "Hail..." dauerten etwa ein halbes Jahr und fanden in meinem Tonstudio statt. Es war eine spannende Zeit, da es die erste Zusammenarbeit zwischen Tabitha und mir war und wir uns erst gegenseitig an unsere Arbeitsweise und auch unsere Humorstruktur gewöhnen mussten, was aber ganz schnell ging. Dabei ist ja auch etwas entstanden, das es in der Form vorher noch nicht gab - damit meine ich die Musik an sich sowie die visuelle Umsetzung im Artwork und unseren Musikvideos - und das sich auf noch perfektere Art und Weise auf dem neuen Album "We Like Ghost Girls" fortsetzt, das im Oktober 2009 erscheinen wird.

„Hail to the employee“ war das erste Album, das gezielt für das Label Echozone produziert wurde und hat deshalb die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit erfahren. Davor hatte ich gar kein Label und habe - wie so viele Musiker - alles auf eigene Faust produziert und dann die CDs und LPs eigentlich nur an Freunde und Fans verschenkt. Mit dem amtlichen Vertriebsvertrag bei Echozone im April 2008 sind dann mit einem Schlag die drei damals bereits fertigen Alben „Borderline Poetry“ (2005), „Revenant“ (2006) und „Close To Home“ (2007) veröffentlicht worden.

DH: Was bei Hail To The Employee auffällt ist die ausgesprochen gute Soundqualität. Habt Ihr euch gerade bei dem Abmischen der Songs besonders viel Zeit gelassen?

Die Frage ehrt mich sehr, da mir gerade die Soundqualität am meisten graue Haare bereitet; ich bin da nämlich so perfektionistisch, dass es mich fast in den Wahnsinn treibt. Letztendlich zufrieden bin ich dabei nie... Wahrscheinlich liegt der besondere Klang daran, dass wir im Studio sehr kurze Signalwege haben und ausschließlich mit hochwertiger Hardware arbeiten; ich kann mich mit dem Gedanken, Musik mit einem PC zu produzieren, irgendwie nicht anfreunden. Das Abmischen an sich passiert schon während der Aufnahme, das ist für mich ein einziger Prozess. Hinterher beim Mastering halte ich mich mit der Kompression immer sehr zurück, um nicht die ganze Dynamik platt zu drücken; so kann man das Album von vorne bis hinten auch mit hoher Lautstärke anhören, ohne dass das Gehör ermüdet und es nervig wird.

DH: Wovon handelt das Album? Welche Themen sprichst Du auf Hail To The Employee an? Wie kam es zu der Entscheidung das Album so z u nennen?

Ein durchgängiges Thema gibt es da so eigentlich nicht. Viele Songs spiegeln meine momentane Befindlichkeit wider und enthalten auch zahlreiche unterschwellige Reminiszenzen an Autoren wie Gottfried Benn, Kafka, Schopenhauer, Nietzsche und was ich sonst noch so lese... Ersterer hat mal gesagt, "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück." So kam ich auf den ungewöhnlichen Titel. Insgesamt gehts um die alten Themen der Menschheit; Liebe, Tod, Religion aber auch ironische Gesellschaftskritik. Außerdem ist der Titel einzigartig, gib den mal bei Google ein - da kommt direkt unser Album!

DH: Besonders fällt bei Deinem neuen Album Sängerin Tabitha Anders auf, die sich mit Ihrer Stimme wunderbar in die Songs einfügt. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Künstlerin?

Tabitha ist eigentlich nur mal für unseren Gitarristen bei einem Konzert eingesprungen und bei den Proben dazu ist mir aufgefallen, dass sie noch besser singen kann als Gitarre spielen. Da hab ich halt gesagt, das nächste Album mach ich mit dir! Im Studio hat sie die Songs schon nach kurzem Proben einsingen können, so dass die Arbeit viel zügiger voran ging, als ich es sonst von Sängerinnen gewohnt war. Außerdem hat sie auf "Hail..." zwei eigene Songs für die Band beigesteuert, was auf dem neuen Album übrigens ebenfalls der Fall sein wird. Normalerweise bin ich da sehr diktatorisch und lasse keine Fremdkompositionen zu, aber ihre Ideen sind zum Teil einfach zu gut, um nicht aufgenommen zu werden.



DH: Was auffällt ist die melancholische Stimmung in vielen Eurer Songs. Seid Ihr melancholische Menschen?

Mh, ja und nein... ich denke, Menschen, die mich im Alltag kennen, würden mich nicht unbedingt als melancholisch charakterisieren. Ich selbst bin mir da allerdings nicht so sicher. Wenn man dazu neigt, ein nachdenklicher Mensch zu sein, ist man automatisch melancholisch, wenn auch vorzugsweise im stillen Kämmerlein. Ich denke, das Gleiche gilt auch für Tabihta, so wie ich sie kenne.

DH: Besonders gut gefällt mir der Song Revealing. Wie entstand die Idee zudiesem Song und wovon handelt das Lied?

Ich dachte, gerade DEN Song findet ihr besonders doof, wenn man die Rezi so liest... *lach*... Da geht es um Entfremdung und den Verlust von Gefühlen; ein ähnliches Motiv wie im Song "Bloodkiss". Ich mag den Song eigentlich schon gern; er ist noch ein Überhang vom Vorgängeralbum "Close to home" und das Gitarrensolo in der Mitte klingt so schön pentatonisch, was wahlweise chinesisch oder mittelalterlich klingt für unsere europäischen Ohren.

DH: Man hat das Gefühl, dass Du mit Deinen Songs viele Deiner Gefühle und Gedanken musikalisch umsetzt. Ist Andreas Gross ein authentischer Musiker? Ja. Wir kommen mit unserer Musik ja eh nie in die Charts oder ins Fernsehn, da können wir ruhig authentisch bleiben...

DH: Was bei Hail To The Employee auffällt ist die unglaubliche innere Ruhe, die dieses Album vermittelt. Willst Du damit auch in gewisser Weise ein Zeichen setzen gegen den momentanen hektischen Zeitgeist in unserer Gesellschaft?

Naja, ich möchte eigentlich primär keine Zeichen setzen, ich möchte einfach nur gute Alben/Musik produzieren. Was dabei herauskommt, bin erst mal nur ich selbst. Und die "hektische Gesellschaft" tangiert mich ohnehin nur peripher.

DH: Wird es auch Livekonzerte von Euch geben? Ist da bereits etwas in Planung? Eine Tournee vielleicht?

Klar, Genaueres wird unser Manager Jörg Tochtenhagen noch klarmachen und mitteilen. Im Moment haben wir auch noch genug zu tun mit dem neuen Album und der DVD.

DH: Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen Dir alles Gute und weiterhin viel Erfolg. Dir gehören die letzten Worte:



Hier noch die "letzten Worte"...also, nicht meine, sondern die fürs Interview... hoffe ich zumindest...

Ich finde, es müsste noch extremer diesen MTV und Viva und Superstar und RTL-gesponsorten Pop geben. Dann würde, glaube ich, wirklich wieder eine Generation entstehen, die Musik liebt, weil es in der Geschichte immer zu jeder Bewegung eine Gegenbewegung gab; zumindest ist das meine Hoffnung. Dadurch, dass die Werbeindustrie im Prinzip bestimmt, was gespielt wird in diesem Land, hat die Musikindustrie eine Generation herangezogen, für die Musik nur noch so ein »Nebenbei-Effekt« ist; Fahrstuhlmusik halt. Und diese Generation kauft natürlich nicht wirklich was - wenn es hoch kommt vielleicht von einem Künstler mal eine Single oder vielleicht auch mal ein Album, aber im nächsten Jahr haben sie den schon wieder vergessen - alles ist sehr kurzfristig, und das ist auch der Grund dafür, dass die Plattenindustrie keine Verkäufe mehr hat. Bis bald.

Interview: Andreas Ohle